Ein Opfer bringen

Über die Haushälterin des neuen Pfarrers zerriss sich bereits die ganze Stadt das Maul. Wer sich unter der Haushälterin eine Frau mittleren Alters, hochgeschlossen und mit streng zurückggebundenen Haaren vorstellte, für den war die junge Polin ganz sicher ein Kulturschock. Sie sah mehr aus wie eine Straßendirne und passte sich nur langsam und mühevoll den modischen Erfordernissen der seriösen Mittelklasse in Neuville an, so dass sie an diesem Morgen, als Bettencourt sie in der Ruelle du Nord traf, immerhin schon wirkte wie eine sehr junge, alleinreisende Touristin. Nachdem sich Sia zu ihnen gesellt hatte, machte sich Bettencourt auf in die Galerie. Sie hatte es endlich geschafft eine neue Ausstellung zu organisieren und der Kredit bei Talleyrands Bank war nun vollständig abbezahlt. Sie floh nicht vor Sia oder vor dem jungen Ding, aber sie war an diesem Morgen nicht in die Stadt gekommen um beim Frühstück zu plauschen, nein, sie musste in Ruhe nachdenken.

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Es war nicht so, dass sie Luiz nicht mehr liebte, aber in gewisser Weise waren sie an eine Stelle gekommen, an denen ihre Träume feststeckten. Sie lebte mit ihm zusammen, aber er war nach wie vor mit Iwana verheiratet. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich vorstellte mit dem jungen Flic vor den Altar zu treten, nicht seinetwegegen, sondern einfach, weil er ein junger, ungebundender Mann war, der sicher eine Familie gründen würde irgendwann mit irgendjemandem. Nach wie vor hatte sie kaum Kontakt zu ihren Eltern, weil sie die Beziehung mit Luiz nicht akzeptierten. Aber akzeptierte sie sie denn selbst? Auf diese Frage wusste sie keine Antwort.

Oma Eleonore hatte sie früher sonntags in den Ferien gern mit in die Messe genommen. Es lag deshalb für Bettencourt nicht fern, dass sie sich schließlich in die Kirche begab um eine Kerze anzuzünden und für sich zu sein. In der Galerie kreisten ihre Gedanken nur und aus der Gasse drangen die Geräusche einer Kleinstadt, die gerade aus dem Schlaf erwacht. Sie war erst einige Minuten dort, als sie Schritt am Eingang vernahm, es war der neue Pfarrer. Insgeheim hatte Bettencourt ihn bereits als das hinkende Fragezeichen getauft. Wie alt er war, war schwer zu schätzen. 75. 85. 90. 100. Uralt jedenfalls. Uralt und seine Augen hatten sicher schon vieles gesehen im Leben. Als er sie grüßte, fasste sie sich ein Herz und bat ihn darum beichten zu dürfen. Sie kannte sich mit solchen Dingen nicht aus und vergewisserte sich, dass er nichts weitererzählen durfte, was sie ihm anvertraute. Erst als er das bestätigt hatte, ging sie das Wagnis ein. Er war neutral, in gewisser Weise und sie hatte sonst niemanden, dem sie ihre Zweifel anvertrauen wollte. Shosha war nun Teil der Societé. Und Sia kannte sie noch nicht gut genug.

Der Pfarrer schloss die Pforten und nahm dann hinter ihr auf der Kirchenbank Platz. Sie selbst sah nach vorn Richtung Altar. Dann geschah etwas Merkwürdiges. Je mehr sie erzählte, desto leichter wurde ihr Herz, aber es trat auch ein seltsames Unwohlsein hinzu, dass der Pfarrer treffsicher deutete und als Last der Sünde bezeichnete. Vor allem ihr geheimer Wunsch, Talleyrand möge sich endlich von Iwana trennen, erschien ihm offenbar besonders schwerwiegend. Sie war im Begriff eine von Gott geschlossene Verbindung zerstören zu wollen. Schließlich empfahl er ihr ein Opfer zu bringen um Gott zu beweisen, dass sie aus Liebe handelte und um das Leid aufzuwiegen, dass sie über Iwana bringen wollte. Bettencourt drehte irritiert den Kopf. Ein Opfer? Rasch besann sie sich auf die Situation und sah wieder nach vorn. Ein Opfer und er würde für sie und ihren Wunsch beten, bestätigte der Pfarrer. Ein physisches Opfer, ein Opfer des Leibes, präzisierte er noch weiter.

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Bettencourt stockte der Atem, als er im weiteren Verlauf von ihr verlangte, sie sollte vor Morgengrauen auf die Wiese beim Mausoleum kommen. Mit einem Mal war es ihr, als nähme die Temperatur im Inneren der Kirche rapide ab und ein kalter Wind wehte durch den Raum und ließ die Kerzen flackern, obwohl die Pforte doch geschlossen war. Sie sprang auf und rannte an dem alten Mann vorbei, der immer noch in der Bank kauerte. Sie hätte das nicht tun sollen! In großen Schritten nahm sie Stufen vor der Kirche und rannte davon. Vor dem unheimlichen Pfarrer und vor ihren eigenen Wünschen und Gedanken.

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Comments
One Response to “Ein Opfer bringen”
  1. Eric Durand sagt:

    Vielleicht sollte Nicole das nächste mal den anderen ideologisch gefestigten Herrn mit der Schweigepflicht aufsuchen. Der ist auch ein wenig jünger und würde sie nicht auf eine unbequeme, vom Morgentau nasse Wiese einladen. *grinst*

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