Aus dem Tagebuch von Nicole Bettencourt

Ich bin unschlüssig, wie ich mit Philippe umgehen soll. Er ist einer von den Guten und ihn auszuhorchen über seinen Bruder kommt mir widerwärtig vor. Als er neulich abends bei uns war um dienstlich mit mir über Sia zu sprechen und diese seltsame Erpressungsgeschichte, die da offenbar im Gange ist, da habe ich ihn unten am Tor bei der Verabschiedung einfach geküsst. Und er hat mich geküssst. Und dann sagte er noch, er sei immer nach Dienstschluss am Strand.

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Als ich zwei Tage später jedoch zum Strand kam, war da nicht Philippe am Steg, sondern Luiz im Gespräch mit Madame Jamponai. Ob ich erleichtert war oder enttäuscht, das weiß ich selbst nicht so genau. Manchmal ist Luiz mir unheimlich. Natürlich weiß ich, dass die Societé nichts Schlechtes will, aber warum haben wir ein so gesteigertes Interesse an diesem Richter? In solchen Momenten denke ich oft zurück an die Tage, die wir vor einigen Monaten auf der Yacht der Comtesse verbracht haben. Die unterirdische Anlage, die wir dort zu sehen bekamen, will mir nicht aus dem Kopf und manchmal habe ich immer noch Alpträume deswegen. Ich bin unsicher, ob ich Luiz über diese Unsicherheit berichten soll. Vielleicht würde er es als Misstrauen deuten.

Und vielleicht ist es das auch.

Dabei fühle ich mich nach wie vor so stark zu ihm hingezogen wie zu Beginn meiner Reise zu mir selbst. Es ist nur, dass mir manches innerhalb der Societé Angst macht. In viele Dinge habe ich keinen Einblick und bin nur ein Werkzeug, das zum Einsatz kommt.

Zurück zu Madame Jamponai: Sie arbeitet als Sprechstundenhilfe bei Doktor Durand und macht im Bikini eine recht gute Figur. Sie hatte Neuigkeiten von Aisha Abuja. Offenbar wurde sie in sehr aufreizenden Klamotten in der Stadt gesehen, aber ob das Traumabewältigung ist oder darauf hindeutet, dass sie gar kein Opfer ist, das weiß wohl niemand sehr genau. Bouscario scheint verschwunden zu sein. Aber wen wundert das? Ein ruhiger Neuanfang in einer fremden Stadt sieht für die meisten wohl anders aus und so ein Stigma wird man nicht so schnell wieder los. Vor allem in der Frauenwelt und auf die hatte er es offenbar besonders abgesehen. Was da für Geschichten die Runde machen!

Ansonsten gibt es noch zu berichten, dass Shosha wieder da ist. Den Schock über ihr kurzzeitiges Verschwinden hat Kelly aber nicht besonders gut verwunden, denn er  ist allein nach Japan gereist und offenbar darauf bedacht, seine kulturell bedingten japanischen Mauern um sich herum wieder hochzuziehen, zumindest habe ich Shosha so verstanden. Nun ist sie gespannt was bei seiner Rückkehr geschehen wird. Wir sprachen auch kurz über seine Vorlieben, die mich offenbar mehr beschäftigen als Shosha. Über den Spiegel, den andere einem hinhalten, erfährt man so vieles über sich selbst. Sicher, manche sehen gar nicht erst hinein, aber ich denke sehr häufig nach über solche Dinge.

Überhaupt denke ich sehr viel nach. Es wird Zeit, dass ich mich auf andere Gedanken bringe und eine neue Ausstellung organisiere. Vielleicht reicht aber auch schon die Reise in die Staaten aus. Vermutlich werde ich bereits erwartet. Ob Luiz mich begleitet? Falls nicht, gibt er mir hoffentlich Leclerc mit.

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