Aus dem Tagebuch von Nicole Bettencourt

Gestern kam Luiz nach einer zweitägigen Reise zurück. Ich wünschte er wäre nicht immer so viel unterwegs, aber es ist wohl nicht zu ändern. Auch frage ich mich, ob er sich in diesen Tagen, an denen er nicht hier ist, mit Iwana trifft, aber ich versuche nicht darüber nachzudenken. Ich möchte keine Last sein. Shoshana ist offenbar häufig bei Monsieur Kelly, besonders seit ihrer Initiation. Vorgestern ist mir klar geworden, dass ich anders bin als sie. Ganz anders. Ich vermisse Luiz, wenn er weg ist, aber dennoch schaffe ich es nicht, an anderen attraktiven Männern vorbeizuschauen. Ich weiß gar nicht wie sie das macht.

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Zum Beispiel konnte ich Samstag nicht widerstehen, den neuen Gendarmen zu verführen. Nun ja, es war keine vollständige Verführung, weil wir beide so erregt und er darüber hinaus zu früh fertig war, aber es war trotzdem angenehm. Ich habe Luiz davon erzählt und er war nicht erbaut. Nein, das ist eine beschönigende Umschreibung, er war wütend darüber. Ich konnte meine Lage nur geringfügig dadurch verbessern, dass ich ihm sagte, dass er der kleine Bruder von Richter Renouard ist. Nun soll ich ihn aushorchen und das tut mir richtig leid. Ich habe nichts gegen Philippe und er ist so ein anständiger Kerl. Darüber wird mein Herz schwer und außerdem soll ich Strafe erhalten, hat Luiz gesagt. Weil ich mich wie eine läufige Hündin verhalte und seinem Ansehen schaden könnte. Die Muse, hat er gesagt, die Muse bleibt unter seiner Kontrolle und der Kontrolle der Societé. Es war ein Missverständnis, aber Unwissen schützt vor Strafe nicht, hat er gesagt. Gut, dass wir vorher miteinander gevögelt haben, sonst wäre ihm vermutlich die Lust vergangen. Nun habe ich ein schlechtes Gewissen wegen ihm und wegen Philippe. Warum müssen die Dinge nur so kompliziert sein? Das wirklich Schlimme ist, dass ich niemanden habe, mit dem ich darüber sprechen kann. Vielleicht sollte ich doch einmal zur Beichte gehen, einfach um es mal auszusprechen.

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Bei dem vorherigen Pfarrer hätte ich mir das vorstellen können, aber bei unserem neuen hätte ich Angst er fällt auf der anderen Seite vom Beichtstuhl mit einem Herzinfarkt von der Bank. Er ist uralt und geht schon gebeugt wie ein überdimensionales Fragezeichen. Außerdem ist er Italiener. Was man von denen zu halten hat, weiß man ja spätestens seit dem zweiten Weltkrieg. Wen auch immer er da bei sich hat, ich glaube eine junge Polin, wie eine Haushälterin im Haushalt eines Pfarrers sieht sie jedenfalls nicht aus. Ich glaube so sähe sie nichtmal aus, wenn man sie in eine großgeblümte Kittelschürze steckt und ihr das Haar streng nach hinten bindet. Aber womöglich hat er sie vom Straßenstrich gerettet. Ich gehe mal lieber davon aus, dass was Gutes dahinter steckt.

Die Hippies ankern mit ihrem Hausboot immer noch unten am Fluss. Ich fürchte Luiz wird das mit der Lärmbelästigung zu unmöglichen Zeiten nicht ganz so locker sehen wie ich. Neulich sah ich wie einer von ihnen einfach über die Brüstung hinaus in den Fluss pinkelt, in dem sie außerdem nackt baden. Ich bin ein wenig neidisch, denn sie haben ganz offensichtlich eines und das ist Spaß miteinander. Soweit ich erkennen kann vögelt da so ziemlich jeder mit jedem. Auf dem vorderen Deck haben sie ziemlich viele Topfpflanzen stehen. Ich hab keine Ahnung was für Palmen das sind, aber die sind ziemlich hübsch und viel dichter und mit filigranerem Blattwerk als die, die wir im Wintergarten haben.

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Nathen war zum Frühstück da. Er kam von einer längeren Reise aus den Staaten zurück und hat einen Orden bekommen, aber viel wollte er darüber nicht erzählen. Ich habe ihm den Kontakt vermittelt und er hat sich das Haus gekauft, in dem ich entführt war und in dem man die Leiche der Frau gefunden hat. Den Fußboden will er selbst erneuern, hat er gesagt. Nathen traue ich das zu. So etwas Handwerkliches.

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Es ist schon spät und ich muss schließen. Die Reise in die Staaten steht an. Alle Exponate sind versteigert und bereits verschickt, nur eines nicht und das werde ich persönlich vorbeibringen zu Madame Jewell. Und dann muss ich schleunigst eine neue Ausstellung organisieren. Andererseits – es eilt nicht. Mit dem letzten Monat konnte ich den Kredit bei Luiz‘ Bank vollständig ablösen. Er hat gelächelt und gesagt, dass ich nun gehen kann wohin ich will und er kein Druckmittel mehr hat. Dabei hat er geschmunzelt und mich angesehen. Als ob meine Unfreiheit darin bestünde. Er weiß es auch, aber er wollte es von mir hören. Meine Unfreiheit besteht darin, dass ich süchtig nach ihm bin, dass ich ihm verfallen bin mit Haut und Haar und Herz. Dass ich ihn vermisse, wenn er nicht da ist. Dass ich in die Stille der Nacht lausche nur um darauf zu hoffen, dass sein Wagen vorfährt und ich seine Schritte auf der Treppe höre. Ja, ich bin nun – wie sagt man so schön – finanziell unabhängig. Aber frei bin ich nicht. Es sei denn frei darin ihn zu lieben.

Gerade bekomme ich eine seltsame SMS von Monsieur Kelly. Shosha ist offenbar verschwunden. Es sieht ihr gar nicht ähnlich, ihn so un Unklaren zu lassen darüber, wo sie ist und ich hoffe, dass ihr nichts passiert ist. Leider antwortet sie auch nicht auf meine SMS. Kelly klingt besorgt und aufgeregt. Ein paar Buchstaben sind vertauscht und seine Worte sind leicht wirr. So kenne ich ihn gar nicht.

 

 

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