Zwei Zimmer, Rue de la Charbonnière

Für Beric. Bettencourts Background.

***

Elsa Kersting und und Alain Bettencourt lernten sich im Sommer 1986 kennen. Es war Elsas erster Urlaub ohne ihre Eltern, fernab der deutschen Heimat, sie arbeitete in einem Kindergarten, war noch nicht ganz fertig mit der Ausbildung, aber auf gutem Wege. Alain auf Freiersfüßen, gefesselt von dem erdbeerblonden Haar der ständig lachenden Touristin, hatte durchaus kein so schweres Spiel, wie man es von einer wohlerzogenen Tochter aus gutem Hause hätte erwarten dürfen. Nein, sie erlag dem schwarzhaarigen Charmeur mit den geschickten Fingern recht rasch und merkte drei Monate später erst, als die Not allzu groß wurde, dass sie den Dingen ins Auge sehen musste. Sie war schwanger. Sie packte einen Koffer und reiste von Köln aus zurück nach Paris. Alain fiel aus allen Wolken, aber er war kein übler Kerl. So zog sie mit in sein Appartement, das bald schon zu klein sein würde und sie gaben sich zwei Wochen später auf dem Standesamt das Ja-Wort. Soviel französisch konnte Elsa da schon, dass es für das Oui, je le veux! reichte.

Nicole Eleonore Bettencourt kam am 25. August 1987 im 18. Arrondissement im Goutte-d’Or zur Welt. Sie wog 2850 Gramm und war 49 cm klein. Auf dem Kopf trug sie bereits schwarzes Haar. Alain hatte sich durchgesetzt. Er sollte sich in den meisten Dingen durchsetzen. Nur die Augen hatte sie von ihrer Mutter. Blau wie Wiesen voller Kornblumen.

ruedecharbonniere

Sie zogen in eine Zweizimmerwohnung über der Wäscherei des Viertels. Elsas Französischkenntnisse waren äußerst begrenzt, so reihte sie sich ein in die lange Schlange arbeitsuchender Migrantinnen im Goutte-d’Or. Sie begann bald stundenweise für die Wäscherei unten zu bügeln. Das konnte sie nämlich auch in ihrer Wohnung tun. Und irgendetwas musste sie tun, sonst wäre es mit der größeren Wohnung finanziell zu knapp geworden und sie wäre vermutlich vor Heimweh eingegangen. In einem fremden Land, dessen Sprache man nur ansatzweise versteht, unter Frauen, die aus allen möglichen exotischen Ländern dieser Welt kommen. Algerien. Tunesien. Marokko. Dem Senegal. Es war weniger ihr erdbeerblondes Haare als ihre bürgerliche Erziehung zur vornehmen Zurückhaltung, die sie von der lauten, turbulenten Welt um sie herum distanzierte. Nicole Eleonore – Eleonore war der Name ihrer Großmutter mütterlicherseits, die aus Köln lang ersehnte Care-Pakete mit Flönz und Ahoi-Brause schickte, zwei Dinge, auf die Elsa nur schwer verzichten konnte – Nicole Eleonore war der ganze Stolz ihrer Eltern.

Sie wuchs in der winzigen, akkurat geordneten und sauberen Wohnung über der Wäscherei auf. Elsa ließ sie selten draußen spielen. Das Viertel erschien ihr nicht sicher genug, die Spielplätze zu schmutzig. Die Kinder zu wild und zu grob. Aber schließlich schickte sie das wohlbehütete Töchterlein mit fünf Jahren auch wegen Alains Machtwort endlich in die Ecole Maternelle. Es sollte die richtige Entscheidung sein, denn so wurde aus dem bruchstückhaften Gemisch von zwei Sprachen zumindest ein vorzeigbares Französisch, bis im folgenden Jahr dann die Einschulung erfolgte. Dies war wiederum zum Wohl von Elsa, denn gemeinsam mit Nicoles Schriftspracherwerb systematisierte und festigte sie ihre eigenen Kenntnisse der Landessprache. Damit wuchs ihr Ehrgeiz, den sie zur einen Hälfte auf den Schulerfolg ihrer Tochter konzentrierte und zur anderen auf ihre Arbeit in der Wäscherei. Nicoles schulische Leistungen ermöglichten ihr schließlich den Weg ins Lycée Henri IV. Wer weder Freunde noch Freizeit kennt, konzentriert seinen Ehrgeiz auf die Schule und auf das Lernen. Während andere Mädchen den frühen Abend auf der Straße verbrachten, saß Nicole bei ihrer Mutter in der Küche und lernte oder zeichnete. Wenn sie nichts zu tun hatte, hatte Elsa Aufgaben parat. Wäsche war immer zu machen. In einem Alter, in dem andere Mädchen ihren ersten Kuss bekamen, brauchte Nicole nur noch drei Minuten um ein Herrenhemd akkurat zu bügeln. Der Dunst aus feuchter Wärme, chemischen Reinigungsmitteln und Stärke war ihr so vertraut wie Alains Fahne am Samstag alle vier Wochen nach dem Männerabend. Wochentags roch er nach Werkstatt. Ihre Mutter roch nach gestärktem Leinen und nach Kartoffelsuppe. Sonntags nach Schweinebraten mit brauner Sauce. Zu Weihnachten gab es Christstollen nach dem Rezept von Oma Eleonore.

Nicole erhielt schließlich ein Stipendium für das Studium der Kunstgeschichte an der Sorbonne. Wehklagen und Zähnegeklappern begleiteten sie, als sie im ersten Studienjahr ihren Koffer packte und von der elterlichen Zweizimmerwohnung, wo sie immer noch auf dem Wandschrankbett im Wohnzimmer nächtigte, in eine Wohngemeinschaft zog. Ein eigenes Zimmer! Nicole empfand die neu gewonnene Privatsphäre als Vorstufe zum Paradies. In diese Zeit der Freiheit fielen auch ihre ersten amourösen Abenteuer mit Kommilitonen. Aber irgendwas störte immer. Die jungen Männer verbreiteten ein Chaos, das sie erschreckend fand. Sie waren unstet. Irgendwie flatterhaft. Wie rollende Bierflaschen oder vorbeiziehende Wolken am Himmel, zwischen denen nur mal kurz die Sonne aufblitzen kann. Manche schwänzten sogar ihre Vorlesungen. Schließlich fand sie auf der Wohngemeinschaftstoilette das kleine Taschenbuch mit dem zerknitterten Einband. Das musste Jeane gehören. Jeanne las immer im Bad und auf dem Klo. Das Buch steckte zwischen Toilettenpapierrolle und beigefarben gefliester Wand und wartete auf die nächste Sitzung. Für Bettencourt sollte es die Initialzündung sein. Schon beim Lesen der allerersten Szene stemmte sie die Füße hoch gegen die Wand und masturbierte auf der Waschmaschine sitzend. Diese Männer waren keine rollenden Bierflaschen, keine chaotischen Vorlesungsschwänzer. Sie trugen keine Che Guevara Hemden und rollten nicht auf Skateboards durch die Gegend. Diese Männer trugen gestärkte Hemden und hatten beruhigend-klare Prinzipien. Als sie das Buch wieder zuschlug, hatte sie sich die Seite gemerkt und machte sich auf den Weg in die nächste Buchhandlung um sich eine eigene Ausgabe von Histoire d’O  zu besorgen.

Von diesem Moment an sollten noch einige Studienjahre vergehen, bis sie Talleyrand in Roissy kennenlernte. Aber in dem Moment, als er sie im Hotelzimmer auf diese ganz eigenen Art berührte, wusste sie, dass etwas in ihr auf ihn reagierte. Sie dachte zurück an den Moment auf der Waschmaschine, die hungrige Lust, diese völlig entfesselte Gier, der Wunsch genau auf diese Weise berührt und behandelt zu werden. Talleyrand war der Schlüssel zu ihrem Schloss. Sie hatte 26 Jahre alt werden müssen um zu begreifen, zu was ein Mann in der Lage war. Nicht nur in Büchern. Nein, es gab sie wirklich.

talleyrand

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: