Augen hinter Glas. oder: Die Okinawa Connection.

Sie war verdammt spät dran, dachte sie bei sich. Aber noch hatte Talleyrand nicht angerufen und sie zurückbeordert obwohl heute die Einladung von Monsieur Chin Ho Kelly auf dem Terminplan stand, wenn auch noch ohne Uhrzeit. Sie aktivierte die Alarmanlage sowie die Nachtbeleuchtung in der Galerie und ging dann eilig die Gasse entlang Richtung Brücke. Und lief Monsieur Kelly geradewegs in die Arme. Eine glückliche Fügung. Man verabredete sich für 20.00 Uhr beim Italiener und setzte dann seine Wege fort. Der von Bettencourt führte den schmalen Fußweg entlang, der auf den Hügel führte, auf dem Trois Cyprès thronte. Oben angekommen fand sie Talleyrand bereits vor dem großen Wandschrank, der fast die ganze Front des Schlafzimmers einnahm, in Unterhosen und in Ratlosigkeit über seine Hemd- und Krawattenfarbe. Hellblau, meinte sie, ich ziehe eine hellblaues Kleid an, das passt dann. Eine kurze Umarmung und sie verschwand im Bad.

Es war das gleiche Kleid, das sie damals im Hotel getragen hatte. Sie hatte Talleyrand nie gefragt, wer der Unbekannte in der Kammer gewesen war. Aber sein Gesicht zeigte keine Regung, als er das Kleid sah. Vielleicht waren sie aber auch einfach nur zu spät dran, denn kaum kam sie aus dem Bad, ertönte von unten schon die drängende Hupe des Landrovers. Mon dieu, ich eile. Hastig griff sie zu ihrer Handtasche und flog dann die Treppen hinunter. Exakt zwei Minuten zu spät kamen sie im Restaurant an, wo Kelly bereits wartete. Den Wagen hatten sie wie immer vor den Stadtmauern stehen lassen. Innerhalb der engen Gassen waren Kraftfahrzeuge – mit Ausnahme der genehmigten Motorroller vom Pizzaboten und vom Paketboten – nicht erlaubt.

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Kelly hatte die reservierte Höflichkeit des japanischen Vaters und die herzliche Unkompliziertheit seiner amerikanischen Mutter geerbt. Wie bereits schon in der Galerie empfand Bettencourt seine Anwesenheit als angenehm und das Gespräch zwischen Talleyrand und Kelly kam rasch in Gang. 40 000 Mitarbeiter weltweit beschäftige sein Unternehmen mit Hauptsitz in Okinawa. In der Kürze der Zeit hatte Bettencourt ihre Hausaufgaben nicht mehr machen können, sonst hätte sie mehr über die japanische Inselgruppe gewusst und vermutlich auch einige Informationen zu Ho Enterprises recherchiert. So verließ sie sich weitgehend auf Talleyrands Gesprächsführung und zog sich auf ihre Rolle als charmante Begleiterin und Frau an Talleyrands Seite zurück. Eine Rolle, die ihr nach ihrer Entscheidung, leicht von der Hand fiel und in der sie sich zuhause fühlte.

Je weiter der Abend fortschritt, desto lockerer wurden die Gesprächsthemen. Der geschäftliche Teil war rasch beendet und so erzählte Kelly von einem kleinen Chateau, das er gekauft hatte. Renovierungsbedürftig, aber für ihn als Freund der lockeren französischen Lebensart ein Traum. Recht schnell ebnete sich im Gespräch das Feld der erotischen Vorlieben, wenn auch auf einer unverbindlichen zwanglosen Ebene. Bettencourts Reaktion auf die Gerte neulich in der Galerie konnte jemandem mit entsprechend geschultem Blick vermutlich nicht entgangen sein und an diesem Abend trug sie zudem den Halsreif. Sobald das Chateau fertig renoviert war, erzählte Kelly, würde er sie zu einem Fest einladen, bei dem es gegen Ende recht ausschweifend zugehen sollte. Talleyrand lachte und zeigte sich angetan. Kelly war aus vielerlei Gründen interessant. Er war in der Lage Kontakte zu Projekten herzustellen, die lohnenswerte Investitionen in die Gewinnung regenerativer Energien darstellten und hierin bestand Talleyrands geschäftliches Interesse. Ihm war nicht entgangen, wie fasziniert Bettencourt davon war, dass man mit „so einer guten Sache“ geschäftlich erfolgreich sein konnte. Es war nicht ihre Absicht gewesen, auf den schäbigen Handel mit Blutdiamanten anzuspielen, aber als sie seinen Blick bemerkte, sah sie das Unbehagen darin und legte beruhigend ihre Hand auf seine.

Vor dem Fest im Chateau, zu dem es noch eine Weile hin war, stand selbstverständlich zunächst eine Gegeneinladung aus. Kelly hatte ein Dachstudio in Neuville gekauft, im Quartier du Pont. Endlich und nach langen Jahren, in denen er nach eigener Aussage nur Arbeit gekannt hatte, empfand der Worcaholic so etwas wie Erholung und das Bedürfnis sich gehen zu lassen. Bettencourt schlug ein Barbecue auf Trois Cyprès vor, wo sie im Pool baden und anschließend den Abend entspannt ausklingen lassen konnten, als sie links von sich im Inneren des Restaurants zwei Augen in einem hellen Gesicht hinter der Fensterscheibe bemerkte, die auffällig intensiv zu ihrem Tisch herüberstarrten. „Luiz. Wir werden beobachtet.“ flüsterte sie in aufkommender Panik.

Just in dem Moment als Talleyrand hinsah, verschwand die junge, kurzhaarige Frau vom Fenster. „Es ist alles in Ordnung, Nicole. Das sind nur deine Nerven.“ sagte er beruhigend und tätschelte ihre Hand. Sie spürte wie ihr die Glut in die Wangen schoss. Kelly sah sie an und dann fragend zu Talleyrand. „Madame Bettencourt hat einige unschöne Erlebnisse gehabt in den letzten Wochen, Monsieur Kelly, seitdem ist sie ein wenig übervorsichtig.“ erklärte er ruhig. Kellys Blick lag immer noch auf ihr. „Ich verstehe. Nun, solche Dinge sollten wir unter Umständen an einem nicht ganz so öffentlichen Ort besprechen.“

Talleyrand stimmte ihm zu. Als Isabell Molière das Restaurant betrat, kam das Gespräch noch kurz auf das Jetski-Rennen. Kelly gab sich geschlagen von den Überredungskünsten der Damen. Er würde teilnehmen und auch Bettencourt erhielt an diesem Abend die Erlaubnis beim Rennen anzutreten. Die Zeit verflog und längst war es dunkel geworden in Neuville. Heruntergebrannte Kerzen gaben Zeugnis von einem langen Abend, bei dem viel gelacht worden war.

Talleyrand legte sein Jacket um ihre Schultern, als er sie durch das Gewirr der engen Gassen zum Wagen zurückführte. „Ein guter Tipp, dieser Kelly, Nicole.“ Er lächelte und ließ den Motor an. Schläfrig, aber glücklich ließ sie sich über die holprigen Feldwege, die den Hügel hinaufführten, heimschaukeln.

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