Auf dem Land

Nach der Rückkehr vom Fest im Chateau durchliebten sie den Vormittag ungestört auf der Liege im Wintergarten. All die Eindrücke vom Fest hatten Bettencourt geradezu ekstatisch zurückgelassen und Talleyrand genoss ein ums andere Mal ihre kaum zu sättigende Lust. In den Pausen sahen sie gemeinsam in die tanzenden Flammen der Feuerschale, die den Wintergarten wärmte. Sein Kopf ruhte auf ihrem Schoß, während sie über die Kandidaten sprachen, die unter Umständen in einem weiter führenden Schritt für die Societé gewonnen werden sollten. Eine Gemeinschaft brauchte eine gewisse Menge an Mitgliedern um einen neuen Sonnenläufer bestimmen zu können. Aber es galt die Fehler zu vermeiden, die zu so einem Fehlgriff führen konnten, wie Bruel es einer gewesen war.

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Der Sonnenläufer war innerhalb der Societé der höchstmögliche Rang, den ein Mann zu erreichen vermochte. Ein solcher Rang verleitete, ähnlich einer irdischen Machtposition, viele dazu den Überblick zugunsten kurzweiliger, egoistischer Eigeninteressen zu verlieren. In der Societé sprach man selten von gut und böse, aber die Frage was der Gemeinschaft auf lange Sicht von Nutzen war, stand stets im Zentrum. Bruel dagegegen hatte die Gemeinschaft aus den Augen verloren und sich auf Kosten der Societé eine Bühne für seine egozentrischen sexuell-devianten Neigungen geschaffen. Dabei waren nicht seine Neigungen das Problem, sondern seine Selbstüberschätzung und Leichtsinnigkeit. Nun gut, er war ausgelöscht. Bettencourt wollte nichts weiter darüber wissen und selbst Talleyrand stellte einige Fragen mit Bedacht NICHT. Die Societé hatte funktonierende Mechanismen zur Schadensabwehr und bediente sich hier durchaus moderner Mittel.

Auch in den folgenden Tagen verbrachte Talleyrand auffällig viel Zeit in ihrem neuen Zuhause. Zwischendurch verschwand er oben in seinem Arbeitszimmer, aber das neue Mobiltelefon riss ihn seltener von Bettencourt fort und sie nahm an, dass er die Nummer noch sparsamer verteilt hatte als zuvor. Vielleicht eine zusätzliche Vorsichtsmaßnahme. Vielleicht genoss er aber auch sein neues Leben. Bettencourt bestand ihren Motorradführerschein mit mehr Glück und Verstand und er beriet sie beim Kauf einer geländegängigen Maschine. Ganz allein dagegen erstand sie den kleinen Terrierwelpen namens Hercule und nahm ihn mit heim nach „Trois Cyprès“. Talleyrands Begeisterung  hielt sich zwar in Grenzen, aber letztlich überwog das Schmunzeln über Bettencourts Freude an dem Tier.

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Shoshana Ruiz Gil, mit der Bettencourt noch einmal kurz über das Fest sprach, erstand den alten Leuchtturm der verstorbenen Madame Foucault. Sowohl der Denkmalschutz wie auch die Tatsache, dass gelegentlich jemand zur Wartung der Anlage vorbeikam, konnten sie nicht schrecken. Sie sprach von einem Kindheitstraum und widersprach nicht, als Talleyrand ihre eine Einladung zum Essen abnötigte, sobald sie eingezogen sein würde. Oben auf der Plattform bließ ihnen der Wind ins Gesicht, aber Bettencourt begriff, warum Shosha so sehr Gefallen an diesem Objekt gefunden hatte. Von hier oben aus konnte man über ganz Neuville sehen. Südlich erblickte man sogar noch die Bruel-Villa. Nördlich sah man „Drei Zypressen“ und dahinter noch Teile von Wäldern und den Lavendelfeldern. Vom Blick über Ozean und über Kanal und Bucht ganz zu schweigen. Gegen den Leuchtturm war der Turm der Kathedrale nur ein abgebrochener Zahnstocher.

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Zu Talleyrands Ärger ergab sich wenig später bereits eine neue Bedrohnungslage um Bettencourts Person. Eine Amerikanerin namens Baxton berichtete von einem mysteriösen Italiener mit einem in einem Spazierstock verborgenen Degen, der sich nach Bettencourt erkundigt und offenbar auch nicht vor Drohungen zurückgeschreckt war.

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Talleyrand machte sich daran das Vertrauen der Frau zu gewinnen. Außerdem engagierte er Personenschutz für Bettencourt und zwar ausgerechnet Spitte. Bettencourt schmunzelte in sich hinein. Ihre Sorge, dass Spitte sie an Talleyrand verraten würde, was das Tragen der Schusswaffe angingen, erwiesen sich als unbegründet. Er schwieg. Aber er bestand auch darauf, dass sie sich seinen Anweisungen fügte, da sie zu ihrer eigenen Sicherheit sein sollten. So hatte Bettencourt nun nicht nur einen Beschützer, sondern alles in allem drei Männer, die sie in  verschiedensten Fertigkeiten der Verteidigung unterrichteten: Hax im Nahkampf. Nathen Blake an der Schusswaffe. Und Spitte hatte ebenfalls von einem Trainingsprogramm gesprochen. Talleyrand wusste nur zu einem Bruchteil, wie sehr sie damit begonnen hatte sich zu wappnen.

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Eines Nachmittags beschloss er nach dem Löwen zu tauchen, denn es bestand doch immerhin die Hoffnung, dass er noch sicher verwahrt in seinem hölzernen Kästchen auf dem Grund des Meeres lag, wohin ihn der Entführer geschleudert  zu haben schien. Von all dem wusste jedoch wiederum Bettencourt nichts. Sie saß auf einer Decke am Strand, flankiert von Spitte und Doktor Durand und sah nervös aufs Wasser, in dem Talleyrand samt Ausrüstung verschwunden war.

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Natürlich tauchte er wieder auf, wenn auch eher mit einem enttäuschten Gesicht, das Bettencourt verwundert zur Kenntnis nahm. Die nächste Überraschung ließ nicht lange auf sich warten. Jetzt, ausgerechnet jetzt und sofort, wollte er ihr das Schwimmen im  offenen Wasser beibringen. Bettencourt lief rot an und Widerwillen stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie brauchte einen Platz zum Umziehen, da sie im rechten Schenkel unter dem gestärkten Matrosenkleid den Waffengurt trug. Außerdem fürchtete sie die Wellen. Sie war keine gute Schwimmerin, das  hatte Talleyrand bereits herausgefunden.

Er sah sie an und schmunzelte. Kein Zweifel. Er wollte es jetzt und er würde keine Ausrede gelten lassen. Mit einem Seufzen stand sie auf und zog sich hinter einen der Felsen zurück um den Gurt ab und ihren Bikini anzulegen. Bald darauf folgte sie ihm ins Wasser.

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