Metamorphose

Noch in der Nacht, nachdem er Bettencourt gewaschen und darüber gewacht hatte, dass sie einschlief, hatte Talleyrand Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Noch in der Nacht sprach er bei Doktor Durand auf den Anrufbeantworter, damit er sich ein Bild von Bettencourts Zustand machte. Noch in der Nacht ließ er eine Sicherheitsfirma antanzen und bestand  – neben der Alarmanlage auf Kameras und Bewegungsmelder im Außenbereich. Wie seinerzeit von der Gendarmerie empfohlen gab es einen Alarmknopf mit direkter Verbindung zu den Gesetzeshütern in Neuville. Danach hatte er Olivier geweckt und ihn instruiert sich um sie zu kümmern am nächsten Morgen, solange er geschäftlich in Cannes sein würde.

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Bettencourt bekam von all dem nichts mit. Sie war in Talleyrands Armen eingeschlafen und unter der Decke war es wohlig warm und der Duft war ihr vertraut und bedeutete Sicherheit. Sie schlief 13 Stunden lang und meldete sich dann bei Mademoiselle Mimiteh von der Gendarmerie. Von dem Beamten aus St. Raphael, der sie hatte schützen sollen, fehlte jede Spur. In der abgedunkelten Villa beantwortete sie alle Fragen so gut es ging und lieferte einen Bericht ab, der ihr stellenweise schwer über die Lippen ging. Sie verschwieg weiterhin, dass sie wusste was der Entführer von Talleyrand gewollt hatte und ließ es bei der Vermutung zu den Coltan Minen. Der Löwe war fort. Ob er versunken und verloren war in den Tiefen des Mittelmeeres oder ob der Entführer ihn geborgen hatte, lag im Unklaren. Fort. Da er offziell nicht existiert hatte, war es kein Problem seine Existenz weiterhin zu verschweigen. Alles andere hätte nur zu unangenehmen Nachforschungen geführt, aber in der Sache selbst nichts vorangebracht.

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Die Sache selbst war für Bettencourt die Bedrohungslage durch den Unbekannten, möglicherweise durch eine hinter ihm stehende Organisation. Als Durand an der Tür läutete, hatte Olivier ihr gerade einen Obstteller gebracht. Sie schickte ihn zur Tür um zu öffnen und ging dann rüber in den Salon. Tatsächlich fehlte ihr nichts weiter, wenn man von den Schürfwunden an den Händen und die Verletzungen an Fingernägeln und Nagelbetten einmal absah. Und wenn man die Angst außer acht ließ, die einfach nicht weichen wollte. Durand desinfizierte ihre Wunden und nahm dann äußerst behutsam einige Abstriche. Da sie mehrere Male betäubt gewesen war, wollte man sichergehen, dass der Täter sich nicht an ihr vergangen hatte. Durand erwies sich nicht nur als behutsamer Arzt, sondern auch als guter Freund und hilfreicher Bruder der Societé. Drei spritzfertige Ampullen gingen in Bettencourts Besitz über, einfach in der Handhabung und effektiv darin, jemanden binnen Sekunden für ein bis zwei Stunden außer Gefecht zu setzen.

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Am Nachmittag kam Talleyrand zurück. Bis dahin hatte Bettencourt sich dazu entschlossen, ihr Leben nicht fortan von Angst bestimmen zu lassen. Sie erkundigte sich bei ihm, ob es möglich sei eine Waffe zu bekommen, auf legalem Wege, zu ihrem eigenen Schutz. Entsetzt fasste er sie bei den Schultern. „Niemals. Das ist zu gefährlich und deinen Schutz überlasse ruhig mir. Ich werde dafür sorgen, dass sowas kein zweites Mal geschieht, Nicole!“ Sie verstummte und drang nicht weiter vor in dieser Sache. Aber in sich wuchs eine kleine Pflanze namens Ungehorsam und streckte die noch jungen Triebe in die Luft. Sicher, sie konnte es weiterhin anderen überlassen für ihren Schutz zu sorgen. Aber ihr Gefühl schrie danach, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen und dem Kerl beim nächsten Versuch sämtliche Zähne auszuschlagen um sich eine Halskette daraus fertigen zu lassen.

Gesagt, getan. Ihr erster Versuch führte sie zu Madame Orena, ihrer Anwältin. Dort erfuhr sie aber, dass der legale Waffenbesitz in Frankreich nahezu unmöglich war und man Unmengen von Auflagen erfüllen musste, die allesamt eine Menge Zeit kosten würden. Zeit, die sie möglicherweise nicht hatte. Orena versprach jedoch sich umzuhören. Das Unbehagen war der hübschen Blondine deutlich anzumerken und Bettencourt spürte das Misstrauen und die Angst davor, sich in Dinge zu mischen, die für Orena möglicherweise Schwierigkeiten bedeuten konnten.

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Deshalb versuchte sie es am späten Abend auf eigene Faust am Hafen in der Hoffnung auf einen zwielichtigen Gesellen zu treffen, der unter Umständen in der Lage wäre, auch illegal an eine Waffe zu gelangen. Unterstützung bei ihrem Anliegen erhielt sie von einer Person, an die sie wirklich als allerletztes gedacht hätte. Dennoch war die Argumentation von Pater Travesi schlüssig. Er war der Beichtvater von allen in Neuville. Und oft waren es die Sünder, die besondere Unterstützung bedurften. Kurzum: Yves würde ihm keinen Wunsch abschlagen. Und Yves konnte das Gewünschte besorgen. Bettencourt konnte ihr Glück noch gar nicht fassen. Hätte sie den Pater nicht zu unchristlicher Zeit am Hafen getroffen, wäre sie unverrichteter Dinge wieder gegangen.

Gegen einen Umschlag mit einem Bündel Scheine erhielt sie am nächsten Tag im Aquarium etwas, das in ein schwarzes Tuch gewickelt war. Bettencourt steckt das Bündel rasch hinten in ihren Hosenbund und versuchte noch eine Information von Yves zu erhalten, doch vergebens. Wie man damit umgeht, hatte sie wissen wollen. Doch er hatte nur gelacht und war gegangen. Bettencourt seufzte. Das Ding fühlte sich widerlich an, obwohl es sogar eingewickelt war. Und solange sie niemanden fand, der ihr beibringen konnte, wie man damit umging, würde sie sich bestenfalls noch eine Kugel in den eigenen Fuß jagen.

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Auf dem Rückweg traf sie Spitte im Gespräch mit der Nachtclubbesitzern aus den USA. Spitte! An den und seine Angst vor der Polizei hatte Bettencourt gar nicht mehr gedacht. Und dann gab es noch jemanden. Hax. Eine schwache Hoffnung und überaus riskant. Natürlich würde sie Hax nicht von der Waffe erzählen, aber womöglich würde er ihr gegen Bezahlung Ausbildung im Nahkampf gewähren. Er sah fit aus und Polizisten erhielten doch immerhin eine solche Ausbildung, soviel wusste sie.

Bettencourt spürte ein seltsame Erregung in sich. Nein, sie würde sich solchen Dingen nicht mehr hilflos aussetzen. Sie würde nicht darauf warten, dass andere für ihren Schutz sorgten. Sie würde es selbst tun. Noch am Abend rief sie in der Fahrschule an um den Motorradführerschein zu beginnen. Es war Zeit für Veränderung. Es war Zeit, dass sie begann all ihre Fähigkeiten zu entfalten. Mit der Entschlossenheit wurde die Angst etwas blasser. Und sobald sie ihr Training begonnen hatte, so dachte sie bei sich, wird die Angst so blass werden, dass sie nicht mehr hinderlich sein wird.

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Comments
One Response to “Metamorphose”
  1. SL Tourist sagt:

    Er nimmt sich vor sie stark zu machen…soweit das physisch überhaupt möglich ist. Er wird ihr Selbstvertrauen geben soweit ihn das möglich ist…und doch wird er ein Auge auf sie werfen – irgendwie scheint sie mittelschwere Vergehen anzuziehen……..

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