Sternennacht

Bettencourt kam langsam wieder zu sich. Aber noch war sie nicht da. Sie träumte von einer zufallenden Autotür ohne zu wissen, dass es kein Traum war. Von einem wegfahrenen Wagen, dessen Motorengeräusch sich über das Rauschen der Brandung legte. Alles kein Traum. Aber von der Dunkelheit der Bewusstlosigkeit in die Dunkelheit der Nacht ist es nur ein sanfter Übergang, in dem vieles durcheinander geraten kann. Bettencourt bewegte die Finger und griff in sandige Erde, ein paar Zweige strichen über ihr Gesicht, als die den Kopf drehte. Die Zunge dick und rau wie Sandpapier. Durst. Das war echter, tiefer Durst. Sie blinzelte und betrachtete die Sterne, die vom Himmelszelt auf sie herabsahen.

Der Rock klebte feucht an ihrem Hintern und sie ahnte, dass ihre Blase letztlich aufgegeben haben musste. Sie richtete sich langsam auf und versuchte einen Überblick über ihre Lage zu bekommen. Sie trug immer noch Rock und Bluse, sonst aber auch nichts. Kein Geld, keine Papiere. Beim Versuch auf die Füße zu kommen, begann sich die Welt um sie herum zu drehen und sie rutschte einen Abhang runter und erbrach sich. Nicht, dass noch viel gekommen wäre. Irgendein bitterer Saft floss aus ihrem Mund und sie spuckte aus, dann kraxelte sie auf allen vieren den Hang wieder hoch und versuchte einen Orientierungspunkt zu finden. Irgend etwas, das ihr an dieser Straße bekannt vorkam. Die Staße verlief in einer langgestreckten Kurve und von hier oben aus konnte sie den Ozean sehen, der in der Nacht wie eine große schwarze Fläche vor ihr lag. Rote Felsen. Das alles sprach dafür, dass sie sich immer noch in Südfrankreich an der Küste befand. Nur in welche Richtung sie laufen sollte, das war ihr schleierhaft.

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Egal, irgendwann stößt man immer auf den nächsten Ort. Irgendwann hörte sie den Wagen. Ein erst leises Brummen, das näher kam und lauter wurde. Sie blieb stehen und wartete ab. Mitten auf der Straße. Der Impuls wegzulaufen flackerte nur kurz auf. Als die Scheinwerfer sie erfassten, hob sie die Hände vor die Augen und blieb starr wie ein geblendetes Reh. Quietschende Bremsen.

Und dann hörte Sie ihn.  „Nicole, bist du das? Mein Gott, bist du das wirklich?!“ Er nahm sie in die Arme und küsste ihre Stirn, während er ihren Kopf an seine Brust zog. Es bestand immer noch die theoretische Möglichkeit, dass das alle nur ein Traum war, schoss es ihr durch den Kopf. Aber er roch so gut. Sie spürte den Stoff seines Sakkos an ihrer Wange und dann begann sie zu weinen.

„Ich möchte heim, Luiz.“

Er schob sie sanft um den Wagen herum und halb ihr beim Einsteigen. Sie schwiegen beide, während er sich auf den Fahrersitz warf und den Gang einlegte. Während die Nacht an den Wagenfenstern vorbeiglitt, schwiegen sie. Glück. Das Glück ist so zerbrechlich, aber manchmal merkt man das erst, wenn es einem fast genommen wurde.

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