Angst, so schwarz und scharf

Wer droht, hat immer Angst.

französisches Sprichwort

***

Es gibt unterschiedliche Stadien von Angst. Bettencourt lernte sie in dieser Nacht alle kennen. Sie kannte vorher schon viele Ängste. Angst vor unbekannten Situationen. Angst etwas falsch zu machen. Angst jemandem nicht gefallen zu können. Angst etwas nicht verhindern zu können. Aber die Nacht, die sie gekrümmt liegend in einer dunklen Kiste verbrachte, veränderte alles. Sie Angst rückte dicht an sie heran und nahm sie in die Arme, flüsterte ihr ins Ohr, schlang die Arme so fest um sie herum, dass sie das Gefühl hatte sofort und auf der Stelle ersticken zu müssen. Sie versuchte die Kiste zu zerstören bis ihre Finger und Knöchel blutig waren und ihre Fingernägel nicht viel mehr als schmerzende Bruchstücke in brennenden Nagelbetten. Sie schrie und schlug und kratzte. Und irgendwann war da keine Stimme mehr und keine Kraft. Als sie erneut wegdämmerte über die gellenden Schmerzen hinweg, die von den Krämpfen kamen, wenn sie sich auch nur ein Stück zu bewegen versuchte, war sie sich sicher lebendig begraben worden zu sein. Man würde sie hier verrotten lassen. Die Angst war ein Geschöpf, so wandelbar wie ein Chamäleon mit spitzen Klauen und Zähnen scharf wie Skalpelle. So viele Töne von schwarz hatte Bettencour nie zuvor wahrgenommen.

Ein paar kräftige Tritte gegen die Kiste weckten sie. Es war bereits morgen und wenn sie beim Einschlafen noch gedacht hatte, es könne nicht mehr schlimmer kommen, wurden sie nun eines besseren belehrt. Ihre Gliedmaßen waren ein Sammelsurium aus Schmerz und Taubheit. Außerdem musste sie so dringend pinkelnd, dass sie das Gefühl hatte zu platzen. Ihre Stimme war nicht mehr als ein heiseres Krächzen.

„Ich flehe Sie an, lassen Sie mich raus. Bitte!!!“

Das Gewicht des Mannes, der sich auf der Truhe niederließ, brachte das Holz zum knarren. Zwischen absoluter Verzweiflung und Wut ist nur ein sehr schmaler Grat, auf dem sie nun hin- und hersprang wie ein Kind, das Himmel und Hölle spielt.

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„Mach mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann.“ Steine Stimme klang selbst durch den Stimmverzerrer nun anzüglich und grob.

„Ich kann Ihnen kein Geld bieten. Ich habe noch Schulden auf die Galerie.“ Sie wusste sehr wohl, dass er nicht diese Art von Angebot gemeint hatte, beschloss aber sich unwissend zu stellen. Er hatte schon gestern versucht sie zu berühren. Sie wusste selbst nicht so recht, wie sie es geschafft hatte so kalt zu wirken, dass er seine Finger zurückzog.

Sein Lachen klang derart widerlich, dass Bettencourt eine Gänsehaut über den gesamten Leib schoss.

„Du lässt dich von einem Bankier ficken ohne eine Gegenleistung?!“

„Hören Sie, das hat doch nichts miteinander zu tun. Ich bin nicht käuflich. Lassen Sie mich versuchen ihn anzurufen. Ich flehe Sie an.“

Er stand auf, nachdem er noch einige Male gegen die Kiste getreten hatten, bis sie vor Angst wieder schrie. Dann entriegelte er den Deckel und es wurde so hell, dass sie die Augen schließen musste. Er griff nach ihr und half ihr beim Aufstehen, als sämtliche längst eingeschlafenenen Muskeln ihr den Dienst versagten. Ameisen schienen sie von innen her aufzufressen, als sie nun begann sich zu rühren und sie sog tief die Luft ein.

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„Also. Noch ein Versuch.“

Er nahm das Handy aus dem Tresor und reichte es ihr. Diesmal wusste sie wie der Lautsprecher anging. Nach vier Sekunden erklang das Freizeichen. Sie sah den Maskierten an, als erneut die Mailbox ranging. Ohne ein Wort riss er ihr das Gerät aus den Händen, schleuderte es zu Boden und trat dann so lange darauf ein, bis die Einzelteile auf den Holzdielen verstreut lagen. Bettencourt wurde speiübel. Das Gerät war immer ihre Verbindung zu Luiz gewesen. Er hatte es ihr geschenkt damals, als sie noch mit Leclerc in Paris war und ständig auf seine Anrufe gewartet hatte.

„Du bist so wertlos, wie ich befürchtet hatte. Er geht nichtmal ran. Es interessiert ihn nicht, was mit dir ist. Vermutlich vögelt er grad eine neue willige Schlampe. Ich werde dich weiterverkaufen. So bekomm ich wenigstens die Unkosten raus.“
Mit diesen Worten drehte er sich um, griff zu seinem eigenen Telefon und begann ein ominöses Gespräch mit vermeintlichen Menschenhändlern. Bettencourt stakste noch etwas steif zum Fenster und kam sich vor wie vor einen schlechten Film gefesselt. Sklavenhandel. Was für eine alberne Scheiße. So tief die Verzweiflung war, so weißglühend wurde nun ihre Wut.

„Hören Sie zu. Was Sie da tun, ist völliger Blödsinn. Ich weiß nicht, warum Luiz nicht rangeht, aber er wird sich melden, wenn Sie Ihm die Gelegenheit geben. Sie sind doch nicht so dämlich ihre Unkosten decken zu wollen, wenn in der Villa der Löwe liegt? Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen.“

Er trat hinter sie und riss ihr mit einem Ruck das Sonnenamulett vom Hals. „Das wirst du nicht mehr brauchen, wenn du nackt auf dem Boden herumkriechst um deinem neuen Besitzer zu gefallen.“

Sie zwang sich ruhig zu bleiben. „Wollen Sie den Löwen oder nicht? Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“

Wortlos tippte er eine Nummer in sein Telefon und reichte es ihr. Sie drückte die grüne Taste des billigen Prepaidgerätes und begann lautlos zu beten. Es klingelte zweimal, dann nahm Luiz ab. Eine tonnenschwere Last löste sich von ihr, aber just in dem Moment als sie seine Stimme verlor, war es vorbei mit ihrer Beherrschung. Hilflos schluchzend stammelte sie in den Hörer, bis der Entführer ihr das Gerät abnahm und selbst mit Talleyrand sprach.

In einer Stunde. In einer Stunde würde er sich wieder melden und Talleyrand zum Übergabepunkt bestellen. Heute noch konnte alles vorüber sein. Heute noch konnte sie vielleicht wieder bei Luiz sein. Bettencourt schloss die Augen und sah durch die schräggestellten Jalousien hindurch aufs Wasser.

Dann spürte sie wie er näher kam. Ein Stich in ihren Oberarm. Kreiselnd wurde die Welt blasser bis sie schließlich erlosch.

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