Enge. Dunkelheit. Allein.

Klick klack. Und dabei blieb es. Erneut strichen Bettencourts Finger über den Lichtschalter. Klick klack. Aber es ergoss sich keine Helligkeit in ihr Schlafzimmer, sondern es blieb bei den dunklen Silhouetten ihrer Möbel. Sie tastete sich mit ausgestreckten Armen zum Bett vor um es zu umrunden und um zu sehen, ob die Nachttischlampe ging oder ob sie womöglich den Sicherungskasten suchen musste. Just in diesem Moment schoben sich Arme um sie und eine große kräftige Hand bewegte sich über ihren schon zum Schrei aufgerissenen Mund. Der kurze Versuch von Gegenwehr verging ihr, als sie die kühle Klinge an ihrem Hals spürte und dann dies widerliche Flüstern an ihrem Ohr. Shhh. Du gehörst nun mir. Du entscheidest ob tot oder lebendig.

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Sie hielt nun still. Ein kleiner unangehmer Stich in ihrem Arm und dann wurde es dunkel. Ein letzter Gedanke an Luiz. Dann war ihr Bewusstsein nicht mehr Teil der Zeit, existierte nicht mehr, ausgelöscht für den Zeitraum einer kurzen Reise. Sie hatte im Vorbeigehen an der Tankstelle noch den schwarzen LKW bemerkt, ihm aber keinerlei Bedeutung zugemessen. Nun befand sie sich bewusstlos auf dessen Ladefläche, während der Wagen auf der Küstenstraße Fahrt aufnahm. Nicht zu viel Fahrt. Man wollte kein Aufsehen erregen und auch ein Unfall wäre höchst unwillkommen gewesen.

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Als sie aufwachte, lag sie auf einem Teppich. Dieser lag wiederum auf Holzdielen und unter den Holzdielen vermutete Bettencourt, war nichts als der Ozean. Das Geräusch der Wellen war so nah und so laut und das Knarren von Holz erinnerte sie an ein Boot, aber es schaukelte nicht. Der Maskierte drehte sie vom Bauch auf den Rücken, als sie sich regte und dann erklang diese blecherne unheimliche Stimme mit dem südafrikanischen Dialekt.

„Ah, die Bankiersschlampe ist wach. Wie schön. Hör mir zu. Wir wollen hoffen, dass du nicht so wertlos bist wie ich vermute.“

Sie versuchte sich aufzurichten. Als er seine Finger an ihren nackten Beinen entlang bewegte und den Rock ein Stück nach oben streifte, wurden ihre Augen zu Schlitzen und ihr Mund zu einer dünnen, farblosen Linie. Ekel. Sie empfand Ekel. Selbst sein Lachen klang als käme es geradewegs aus einer Konservendose. Aber er zog seine Hand zurück. „Du bist doch sonst nicht so kalt. Aber das wird schon. Wenn wir mehr Zeit miteinander verbracht  haben. Wenn Talleyrand dich im Stich gelassen hat.“

Luiz. Schon die Nennung seines Namens war als würde man ihr eine warme weiche Decke um die Schultern legen. Dann landete ihr Mobiltelfon vor ihren Füßen und der Befehl war knapp. „Ruf ihn an. Mit Lautsprecher. Diesmal sollte er schlau genug sein zu begreifen, dass man meine Wünsche respektiert.

Bettencourt hatte noch nie mit dem Lautsprecher telefoniert. Nervös fuhr ihr Finger über das Display, durchsuchte das Menü, fand schließlich das Gewünschte und nachdem sie gewählt hatte, erklang das Freizeichen. Langsam und gelassen klang es, ganz anders als Bettencourts Herz, das zu rasen schien. Geh ran. Bitte geh ran. Flehte sie im Stillen. Aber ihr Flehen blieb unerhört. Sie wusste nicht wieviel Zeit vergangen war. Hatte keine Ahnung ob Talleyrand sich noch mehrere Meter tief in den Gewölben der Societé befand und keinen Empfang hatte oder ob er schlicht in einem Gespräch war, das er als wichtig erachtete. Ein Klicken als die Mailbox ansprang und ihren Text herunterleierte. Dann das Signal.

„Luiz? Luiz, bitte geh ran. Der Maskierte, ich bin bei dem Maskierten….Ich will heim…bitte hol mich heim!“ Der Fremde griff nach dem Handy um es ihr abzunehmen. „Ich höre hier Wellen…Wir sind irgendwo am Meer….Bitte hol mich raus….“ Dann brach ihre Stimme und ging in ein Schluchzen über. „Talleyrand. Deine kleine Schlampe ist bei mir. Wir werden viel Spaß haben. Und sie hat Recht. Wir haben einen kleinen Ausflug ans Meer gemacht. Ganz romantisch. „ Er unterbrach die Verbindung und warf das Gerät in den kleinen mit Blei ausgekleideten Tresor.

„Versuch 1 gescheitert. Ich hoffe für dich, dass es nicht dabei bleibt.“

Bettencourt kroch von ihm weg und versuchte sich hinter dem muffig riechenden Ledersofa zu verstecken.

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„Lass die Albernheiten. Oder ich hole dich und das tut nur weh.“

Er packte sie am Arm und öffnete die hölzerne Truhe. Mit einer raschen Bewegung seines Armes fegte er ein Modellschiff und eine kleine Lampe beiseite, die jemand darauf abgestellt hatte. Ein Scheppern und Klirren. „Rein da.“ Bettencourt starrte auf die Truhe, deren Bodenfläche vielleicht einen Meter mal 70 Zentimeter betrug.

„Ich wiederhole mich nur ungern. Talleyrand wird das bald begreifen und du auch.“

Widerwillig stieg sie in die Kiste, zusammengerollt wie ein Fötus. An sich war das ihre bevorzugte Einschlafposition, aber schon in dem Moment als der Deckel über ihr auf den Rahmen krachte, überkam sie nackte Panik. Dunkelheit. Enge. Unglaubliche Enge, die durch die Ahnungslosigkeit wie lange sie hier bleiben musste, tausendfach verstärkt wurde. Als sie das Geräusch der einrastenden Riegel hörte begann sie schreien.

Kein Wort mehr. Statt dessen Schritte, die sich entfernten. Ein Zufallen der Tür und dann das Geräusch eines Motors. Sie schrie lauter. Sie schrie lauter während das Motorengeräusch sich entfernte. Sie konnte auch nicht aufhören zu schreien, als ihr Verstand längst wusste, dass niemand mehr in der Nähe war, der hätte reagieren können.

Sie war allein.

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  1. […] blickte sie hinter Bouscario in das Innere des Hauses und erstarrte. Sie befand sich am Ort ihrer Gefangenschaft. Die Truhe stand mitten im Raum, darauf die Lampe, die der Entführer mit einer groben Handbewegung […]



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