Seltsame Kundschaft

Bettencourt hatte Talleyrand noch sein Schmerzmittel verabreicht und dann war er auf ihrem Sofa eingeschlafen. Sanft knöpfte sie ihm die oberen Knöpfe an seinem Hemd auf und deckte ihn dann zu. An eine Rückkehr in die Villa war voerst nicht zu denken. Erneut musste die Spurensicherung anrücken und sie hoffte inständig, dass diesmal etwas dabei herauskommen würde außer seltsamer Fragen und falscher Anschuldigungen. Sie wollte sich gerade ein Brot schmieren, als ihr Blick auf die offen stehende Balkontür fiel. Es wäre sicher besser sie ebenfalls zu schließen.

Vom Balkon aus jedoch vernahm sie dann Schritte unten in der Galerie. Auch das noch. Es war gut möglich, dass nur das „Geschlossen“ Schild draußen hing, aber sie vergessen hatte für die Nacht abzusperren. Deshalb beugte sich sich leicht vor und rief hinunter „Einen Augenblick, ich bin gleich da. Es wäre gut, wenn Sie morgen wiederkommen, heute bin ich….unpässlich…ein wenig.“

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Die Schritte bewegten sich nun über die Holzdielen bis zur Eingangstür und es war eine männliche Stimme, die ihr Bedauern zum Ausdruck brachte. „Wie schade, ich suche ein Geschenk für eine besondere Frau und hatte gehofft hier heute etwas zu finden.“
Bettencourt warf einen Blick über die Schulter zurück auf den schlafenden Talleyrand. Sie hatte in der Gendarmerie auf den Anrufbeantworter gesprochen, aber noch hatte sich niemand zurückgemeldet. Schließlich seufzte sie, verließ die Wohnung, schloss hinter sich ab, damit Talleyrand in Sicherheit war und traf den Mann im Innenhof. Er war größer als Talleyrand und sah fast wie die Karrikatur eines deutschen Bösewichtes aus, wie man sie häufig in Filmen sieht. Ein kantiges Gesicht. Blond. Seitenscheitel. Kräftig.

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„Für eine Frau also, Monsieur? Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Bild, das bei der Damenwelt bisher am meisten Anklang fand.“
Seine Stimme war weich und geschmeidig und sein Französisch akzentfrei. Was aber Bettencourt am meisten beeindruckte war seine Interpretation dessen, was er auf dem Bild sah. Ja, sie empfand seine Gegenwart als angenehm, bis er dann schließlich sagte:

„Ich nehme das Bild, Madame Bettencourt. Aber sagen Sie, kennen Sie den Löwen am Dogenpalast zu Venedig? Eigentlich gehe es mir um den Löwen. Man sagt es sei eine Fälschung und ich hätte gern das Original.“

Während er sprach, war er nun ungewöhnlich nah an sie herangetreten und hatte seine Hände auf ihre Arme gelegt. Verwirrt über diesen plötzlichen Richtungswechsel hatte sie unbeholfen zu stammeln angefangen: „Der Markuslöwe? Warum sollte er eine Fälschung sein, Monsieur und was habe ich damit zu tun?“

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Sie spürte seinen Atem an ihrem Ohr, als er mit dem Kopf näher kam, dann plötzlich ließ er sie los. „Oh, verzeihen Sie, Madame. Ich konnte nicht widerstehen Ihnen auf den Zahn zu fühlen. Ich bin Sicherheitsschef bei Van der Valk Enterprises, wissen Sie.“

Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Erneut brachte sie jemand mit Fälschungen in Verbindung und sie konnte es sich absolut nicht erklären, nein, schlimmer, der Mann hatte ihr Angst gemacht. Um das Gespräch wieder in vertraute Bahnen zu lenken, versuchte sie den Kaufvertrag für das Bild anzusprechen.

Doch er lehnte ab. „Nicht exklusiv genug, Madame. Die Frau, um die es geht, kann ich damit nicht erfreuen. Verzeihen Sie, dass ich Ihre Zeit gestohlen habe.“ Mit diesen Worten ließ er sie stehen und wandte sich Richtung Ausgang.

Seine Schritte waren geschmeidig. Immer noch lag diese angenehme Weichheit in seiner Stimme. Wie mechanisch zog sie die Schlüssel aus der Tasche und sperrte von außen die Galerie zu. Auch die Alarmanlage aktivierte sie, bevor sie zurück nach oben in die Wohnung ging. Talleyrand schlief noch. Alles war ruhig.

Alles war ruhig, nur ihr Herz raste, als habe sie einen Unfall gehabt oder einen bösen Traum.

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