Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann?

Als Bettencourt aus der Druckerei zurückkam, fand sie zu ihrer Überraschung mehrere Nachrichten vor. Die erste Nachricht steckte in ihrem Briefkasten und war eine schriftliche Notiz, dass sie sich umgehend in der Gendarmerie melden sollten. Die zweite Nachricht war auf ihren Anrufbeantworter gesprochen worden und ebenfalls von Mademoiselle Mimiteh von der Gendarmerie. Sie klang irgendwie eilig und besorgt obendrein, fast so als wäre es keine Vorladung, sondern eine Einladung, weil etwas geschehen war. Die dritte Nachricht war auf der Mailbox ihres Mobiltelefones gelandet und stammte von Doktor Durand, die besagte, sie möge sich umgehend zu ihm in die Praxis bewegen, es sei ein Notfall und sie möge den direkten Weg nehmen und sich von niemandem ansprechen lassen unterwegs.

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Bettencourt warf einen langen Blick auf ihr Sofa, das ihr bequem und einladend vorkam. Es war ein langer Tag gewesen und ihre Füße schmerzten. Außerdem hatte sie auf Nachricht von Talleyrand gehofft, aber vielleicht war er seine privaten Angelegenheiten mit Iwana ordnen. Da die Societé immer Vorrang hatte, machte sie sich auf den Weg zum Place Saint Germain. Sich von niemandem ansprechen lassen. Was für eine seltsame Anweisung. Sie fragte sich, ob Talleyrand und Durand mittlerweile darüber gesprochen hatten, wer über sie verfügen durfte und unter welchen Bedingungen. Hätte sie noch eine Dusche nehmen sollen? Bevor ihre Überlegungen zu Ende gediehen waren, hatte sie die Praxis auch schon erreicht und trat ins im Dunkel liegende Wartezimmer ein. Offenbar hatte Durand immer noch keine Sprechstundenhilfe gefunden.

„Doktor Durand?“ Ihre Stimme hallte von den Wänden wider.

„Kommen Sie rein, Madame Bettencourt. Es ist offen.“

Sie öffnete vorsichtig die Tür zum Behandlungsraum. Durand war nicht allein, sondern hatte eine Patienten. Erst auf den zweiten Blick begriff sie und das Blut wich ihr aus dem Gesicht, als sie ihn auf der Behandlungsliege sah.

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„Luiz?! Was ist denn passiert?“

Talleyrand hob matt die Hand und versuchte ein schiefes Lächeln, während die Elektroden auf seiner Brust wohl seine Herztöne an einen Monitor weitergaben. Durand trat zurück um ihr Platz zu machen. Ihr erster Gedanke war, dass Talleyrand einen Herzinfarkt hatte. Der ganze Stresss, die Aufregung um den ersten Einbruch, dann den Diebstahl des Van Gogh. Aber seine nächsten Worte wischten diesen Eindruck beiseite.

„Gut, dass du hier bist. Ich war so in Sorge. Du bist in großer Gefahr, Nicole. Wir müssen zusehen, dass du nicht mehr allein herumläufst. Du wirst bei mir sein oder ich bei dir oder aber Leclerc wird wieder bei dir sein.“

Sie nahm seine Hand und küsste seine Fingerspitzen. „Ich bin in Gefahr?! Warum denn das?“ Ein Aufstöhnen war zunächst die Antwort.

„Nehmen Sie den anderen Arm, Madame.“ erschallte vom Schreibtisch Durands Stimme. „Dieser da braucht noch Ruhe.“

„Ich wurde in der Villa überfallen. Ich war im Arbeitszimmer und plötzlich stand er hinter mir. Ganz in schwarz und mit einer schwarzen Kopfhaube und hielt mir eine Waffe an den Kopf. Es geht um die Diamantengeschäfte, du erinnerst dich. Jemand wusste über meine Transaktionen Bescheid und hat sogar die Societé erwähnt. Und er drohte mir damit, dich zu entführen, wenn ich nicht auf seine Forderungen eingehe.“

Sie schüttelte langsam den Kopf und weigerte sich zu begreifen, dann sagte sie zaghaft. „Du weißt, dass ich versuche bei diesen Gesprächen immer wegzuhören, Luiz. Aber ich werde bei dir sein, wenn du möchtest, weiche ich keine drei Schritte mehr von deiner Seite.“  Der Schock saß tief und hatte jede Farbe aus ihrem Gesicht vertrieben. An den Schläfen wurden die zarten Äderchen sichtbar, die unter ihrer Haut pulsierten. Zum ersten Mal in ihrem Leben stellte sie sich die Frage, was geschehen würde, wenn Talleyrand starb oder einen schweren Unfall hatte.

Dankbar sah sie zu Durand. Aber sie fragte sich, ob man sie informiert hätte, wenn Luiz das Bewusstsein nicht wieder erlangt hätte.

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Comments
One Response to “Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann?”
  1. Eric Durand sagt:

    „Aber sie fragte sich, ob man sie informiert hätte, wenn Luiz das Bewusstsein nicht wieder erlangt hätte.“
    Die Frage müsste Nicole sich eigentlich beantworten können (s. https://neanotiert.wordpress.com/2014/01/30/zwischenszenen/), zumindest was den Herrn Doktor angeht.

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