Über den Dächern von Neuville

Talleyrand hatte sich offenbar wieder beruhigt und bestellte sie zum Gestüt auf der anderen Seite des Hügels, der sich hinter der Stadt erstreckte. Wein wollte er mitbringen. In Windeseile packte Bettencourt einen Picknickkorb mit allem, was ihr spärlicher Kühlschrankinhalt noch hergab – kaltes Hühnchen, ein paar Trauben und einige Sorten von Käse und lief dann am Hafen vorbei um noch ein frisches Baguette zu besorgen. Sie war gespannt ob die Reitstunden sich ausgezahlt hatten.

Der kürzeste Weg zum Gestüt führte am Mausoleum des Grafen vorbei und dann den Trampelpfad den Berg hoch bis man auf der anderen Seite ankam, wo sich dem Auge ein atemberaubender Ausblick über die Küstenstraße, die Küsten und die grünblaue Weite des Ozeans bot. Spitte hatte sich hier niedergelassen, als die Gendarmen sich ein wenig zu sehr für seine Person zu interessieren begannen. Oben im Heuboden brannte eine kleine Öllampe in seiner spartanischen Unterkunft.

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Bettencourt ließ sich Hektor satteln, der unter Talleyrands Pferden ihre erste Wahl war und wartete dann geduldig. Diesmal sollte es nicht lange dauern. Rasch stieg sie auf und schaffte es sogar mit dem Picknickkorb in einer Hand Talleyrand den Hügel hinunterzufolgen. Von dort aus ging es ein Stück die Küstenstraße entlang, bis sie ein Stück Böschung fanden, das es ihnen erlaubte mit den Pferden an den Strand hinunterzugelangen.

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Die hinteren Strände waren schmaler und weil sie nicht so leicht zu erreichen waren, nicht so touristenüberlaufen. Auf ihrem Ritt begegnete ihnen keine Menschenseele und schließlich machte Talleyrand an einer besonders schönen Sandbank halt und stieg vom Pferd. Die Wellen rollten hier sanft heran und nicht weit entfernt lagen die Reste eines offenbar vor Tagen angespülten Bootes halb im Sand vergraben. Außer dem Flüstern des Ozeans und einigen kreischenden Möwen umfing sie absolute Ruhe. In dieser Abgeschiedenheit ließen sie die Pferde im Schatten grasen und zogen sich aus. Bettencourts Bikini blieb unbeachtet im Picknickkorb und auch das Essen selbst war vorerst nicht von Interesse, nein, Talleyrand zog sie auf ein Badelaken und sie fielen übereinander her. Im Sex, so empfanden sie es beide, lag eine ungeheuer wohltuende reinigende Wirkung, die den Kopf frei machte und einen jedes Ärgernis vergessen ließ. So war es auch diesmal. Der gestohlene Van Gogh, Talleyrands aufgebrachte Ehefrau, die unangenehmen Fragen der Polizei, all dies trat in den Hintergrund, wurde dünn und grau, bis es sich schließlich wie ein Rauchfaden in der Unendlichkeit der gemeinsamen Lust verlor.

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Danach lagen sie noch eine Weile matt in der Sonne. Talleyrand las und Bettencourt dämmerte an seiner Brust vor sich hin, lauschte mit einem Ohr seinem Herzschlag. Er hatte sein Mobiltelefon tatsächlich in der Villa gelassen. Kein Anruf störte den gemeinsamen Abend, kein störender Gedanke trat zwischen sie. Sie hatten ein wenig gegessen und getrunken und gelacht. Schließlich versank die Sonne hinter den Hügeln und ein frischer Wind kam auf. Talleyrand klappte das Buch zu und küsste sie auf die Stirn. „Es wird kühl. Reiten wir zurück.“

Eine halbe Stunde später saßen sie geduscht und umgezogen in Neuville im Bistro bei einer Flasche Wein. Wie immer war das Bistro der belebteste Platz im Ort und sie hatten einiges zu sehen, bis schließlich die Comtesse zu ihnen stieß. Nach der üblichen herzlichen Begrüßung legte sie stumm und mit erwartungsvoller Miene ihr Mobiltelefon auf den Tisch. Zu sehen war eine Luftaufnahme von Neuville, ganz offensichtlich die Ruelle du Sud, an deren Ende sich Bettencourts Galerie befand.

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Talleyrand sah fragend zur Comtesse. „Häuserdächer? Übersehe ich etwas?“ Die Comtesse schmunzelte. „Es sind zufällig entstandene Luftaufnahmen einer meiner Mitarbeiter, der sich mit Modellfluggeräten recht gut auskennt.  Sie erkennen die Gasse, nicht wahr? Das nächste zeigt einen Ausschnitt in Vergrößerung.“ Talleyrand strich über das Display und dann stieß Bettencourt ein überraschtes „Ohhhh“ aus.

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Talleyrand starrte ein wenig fassungslos auf das Bild, als Bettencourt schon frohlockte. „Entweder spazieren unbescholtene Bürger von Neuville in Latexanzügen über die Dächer oder aber wir sehen die Katze bei einem Streifzug!“

Die Comtesse nickte zustimmend.

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