Polizeipräsenz

Bettencourt nutzte Talleyrands Geschäftsreise um endlich die neue Ausstellung auf den Weg zu bringen. Die alte war ein großer Erfolg gewesen und sie hatte mehr vom Kredit abzahlen können, als jemals geplant gewesen war. Aber ob sie noch einmal das unverschämte Glück haben würde, eine derart etablierte Künstlerin auszustellen, wussste Bettencourt nicht und wie es mit allen anfänglichen Erfolgen ist, übte eben dieser gute Start nun einen großen Druck auf sie aus.

Im letzten Augenblick hatte sie von den abzubauenden Bildern mit den starken, plakativen Farben noch ein weiteres verkauft. An Aimée Fleury, von der sie mittlerweile glaubte, dass sie definitiv nicht alle Latten am Zaun hatte, zumindest aber ein höchst wechselhaftes Temperament besaß. Auch sie hatte sich von dem großformatigen Männerportrait in grau und rot einfangen lassen und letztlich die letzte nummerierte Reproduktion erstanden, die in den Verkauf gehen würde. Und sie zahlte, obwohl Bettencourt ihr ein gutes Last-Minute-Angebot-gemacht hatte, sogar mehr als den vollen Preis. Viel verwunderlicher war aber ihr Gerede davon, dass das Bild ihr ihm Traum erschienen sei, obwohl sie vor zwei Wochen noch behauptet hatte, sie hätte für zeitgenössische Kunst nichts übrig.
Egal, noch einmal hatte die Kasse geklingelt. Dann ging Bettencourt daran, die Handwerker beim Ab- und Aufbau zu beaufsichtigen und sorgte dafür, dass die unverkauften Werke sicher verpackt ihren Rückweg nach Paris antraten.

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Weil es so viel praktischer war, trug sie ihren schwarzen Hosenanzug. Ein fataler Fehler, denn Talleyrand kam früher zurück als erwartet und fand sie praktisch sicher verschlossen vor. Ein Auspacken und sich bedienen war mit diesem Kleidungsstück so gut wie unmöglich, was er auch mit einer entsprechenden Anweisung für die Zukunft gleich kommentierte. Dennoch, in einer Nische zwischen Wand und den zur Abholung bereitstehenden Bildern, gelang es ihm für den nötigen Spannungsabbau zu sorgen. Er würde sie später holen lassen, kündigte er an, sie solle sich gegen Abend bereit halten für einen Besuch in der Villa.

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Kaum hatte sie sich umgezogen und die Frisur gerichtet, trat Isabell Molière in den Innenhof. Sie führte ein größeres Hotel im Umland, hatte aber eine Wohnung in Neuville und Bettencourt hatte sie vor ein paar Tagen kennengelernt. Nun war sie auf der Suche nach etwas Großformatigem mit düster-erotischer Ausstrahlung für einen besonderen Raum. Bettencourt verkniff sich neugierige Nachfragen und führte sie hinein. Ihre Glückssträhne schien nicht abzureißen, denn die neue Ausstellung stand zur alten in einem recht großen Kontrast. Wo vorher kräftige, leuchtende Acrylfarben prangten, gab es nun digitale Bildkunst zu sehen. Mystisch, düster, vieldeutig. Eines davon fiel Madame Molière gleich ins Auge. Bettencourt hielt sich noch einen Moment zurück, bevor sie dann ein paar Informationen einstreute.

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Zwei! Sie verkaufte gleich zwei Stück der limitierten Auflage, eine davon in einem Sonderformat in Übergröße. Bettencourt machte den Kaufvertrag fertig und wenig später – noch vor der eigentlichen Eröffnung  – waren zwei Bilder bereits verkauft. Wenn sie jemals an der Verkaufbarkeit des Amerikaners gezweifelt hatte, jetzt hielt die Zuversicht Einzug. Dennoch war sie gespannt, wie die eher konservative Bürgerschaft von Neuville auf die neuen Motive reagieren würde. Letztlich zählten aber die Touristen, das hatte sie bereits begriffen. Und die neuen Bilder lagen in einer Preisklasse, die ein man in Ausnahmefällen auch mal leichtfertig im Urlaub ausgab, wenn man sich etwas Besonderes gönnen wollte.

Kaum hatte sie das Kartenlesegerät wieder verstaut, sollte es hektisch werden. Neben Shoshana, die beim örtlichen Käseblatt als Journalistin angeheuert hatte, stürmte nun Adriane Salieri, die erst frisch nach Neuville versetzte Gendarmin die Galerie. Allerdings nicht auf der Suche nach einem Kunstobjekt, sondern auf der Suche nach dem ortansässigen Geistlichen. Bettencourt schüttelte den Kopf. Sie hatte den Mann einmal getroffen und ja, er hatte Interesse an zwei Bilder geäußert, war aber dann nicht mehr gekommen. Als Salieri die Absicht äußerte, dem Mann einmal auf den Zahn zu fühlen, verschlug es ihr fast die Sprache. Der Mann war Priester! Und selbst wenn er Bilder kaufen würde, so würde sie garantiert ihre Kundendaten nicht grundlos an die Polizei herausgeben. Als Salieri nun die Absicht äußerte mit Durchsuchungbeschluss zu kommen, beugte Bettencourt sich vor um einen eventuell alkoholisierten Atem an der Beamtin feststellen zu können. Das Problem löste sich wie von selbst, als Monsieur Spitte aufkreuzte und das Interesse offenbar unbeabsichtigerweise auf sich lenkte. Eigentlich war er als Chauffeur gekommen um Bettencourt hoch in die Villa zu Talleyrand zu bringen, aber nun sollten sich die Dinge etwas verzögern.

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Bettencourt verschloss in Seelenruhe die Galerie, als sich das Geschehen in den Hof verlagerte, aktivierte die Alarmanlage und die Nachtbeleuchtung und sah dann dem Treiben zu. Ähnlich wie Shoshana. Nur, dass die sicher auf der Jagd nach einer interessanten Geschichte war. Das Gendarmen-Aufgebot war mittlerweile auf die Zahl drei angewachsen und Bettencourt wurde das Gefühl nicht los, dass Spitte diese Polizeipräsenz zutiefst unangenehm war. So richtig erklären konnte sie sich das nicht, er war doch immerhin nur das Opfer eines Überfalls geworden. Unter den anwesenden Kräften der Exekutive befand sich auch Hax. Sie lächelte ihm kurz zu, bevor sie sich dann schließlich, nach einer gefühlten kleinen Ewigkeit, zum Wagen bringen ließ.

Eines konnte man festhalten, dachte sie bei sich, als sie sich auf den Ledersitz sinken ließ, während Spitte ihr diensteifrig den Schlag offen hielt. Sicherheit der Bürger wurde offenbar in Neuville noch groß geschrieben. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Und allzu viel Diensteifrigkeit konnte auch rasch unangenehm werden. Sie faltete die langen Beine in dem kurzen Rock übereinander und gab Spitte dann das Zeichen zum Losfahren. Der neue Job tat ihm offenbar gut. Seine Kleidung war vorzeigbar und er hatte sich das Haar wachsen lassen. Ein wenig hatte er nun von einem Indianer. Vielleicht war es nicht nur das lange Haar, das Bettencourt daran erinnerte. Nein, es war etwas in seinem Blick. Etwas, das an ein jagendes Tier erinnerte.

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