Letzte Vorbereitungen

Bettencourt hatte sich gerade hingelegt, als sich die Tür öffnete. Erstaunt hob sie den Kopf von der Armlehne des Sofas und erblickte Talleyrand. Eine ungewöhnliche Zeit für ihn, von Unruhe ergriffen setzte sie sich rasch auf die Sofakante, aber gerade als sie fragen wollte, verkündete er bereits die Neuigkeiten.

„Ihre Initiation wird heute stattfinden, Madame Bettencourt. Geht es ihnen gut?“ Er blickte irritiert auf das Sofa, auf dem sie eben noch gelegen hatte.

Bettencourt sprang auf die Füße. „Heute?! Muss ich noch etwas besorgen oder mich irgendwie besonders vorbereiten? Gibt es noch Dinge, die ich wissen sollte?“ Schlagartig schnellten Puls und Blutdruck in die Höhe und die Beule an ihrem Hinterkopf, die sie sich unten vor der Galerie zugezogen hatte, war bereits vergessen. „Ja, mir geht es gut, ich bin nur mit dem Stuhl umgekippt und habe eine kleine Beule. Nichts, das mich abhalten könnte.“

Zufrieden schlenderte er zum Sessel und ließ sich entspannt darauf nieder. „Setzen Sie sich. Über ein paar Dinge müssen wir noch sprechen.“ Gehorsam platzierte sie ihren Hintern wieder auf dem Sofa und hörte zu.

IV_002

„Sie haben den Ablauf des Rituals verinnerlicht? Die Antworten auf die Fragen? Es kann sehr anstregend für Sie werden. Vor allem der zweite Teil. Im Anschluss nehme ich Sie mit in die Villa, damit Sie sich ausruhen können. Wenn Sie möchten, packen Sie ein paar Dinge zusammen. In zwei Stunden, wenn ich Sie mitnehme, tragen sie einfach einen Mantel mit nichts darunter. Sie werden sich dann dort entkleiden.“

„Ich habe die Schriften von Saint Germain nun häufig genug gelesen, dass ich meine Antworten kenne, Monsieur Talleyrand. Auch wenn ich mir gewisse Dinge noch nicht richtig vorstellen kann, bin ich mir bewusst darüber, was getan werden wird und was ich tun werde. Kann ich ein Bad nehmen?“

„Sie können alles tun, wonach Ihnen ist, Madame Bettencourt. Nur eines nicht und deshalb bleibe ich jetzt auch bei Ihnen bis es soweit ist.“ Er sah sie an, mit diesem Ausdruck von Amüsement in den Augen.

Bettencourt schlüpfte aus dem Cashmere-Ensemble und ihrer weißen Bluse und verschwand Richtung Kommode, wo sie sorgfältig ein paar Dinge für eine Übernachtung in ihre kleine Reisetasche packte. Ihre Hände zitterten leicht. Sicher, sie hatte alles gelesen, aber wie würde das in der Wirklichkeit sein? Würde sie Angst haben?  Dann ließ sie Badewasser in die Wanne und gab etwas Rosenöl und eine Handvoll frischer Rosenblätter hinein. Talleyrand sah ihr vom Sessel aus zu. Er wirkte entspannt. Nur, wenn man in seine Augen sah, dann sah man darin eine Art Glimmen. Vorfreude vielleicht. Gier. Zufriedenheit.

IV_003

Als sie ins Wasser gestiegen war, kam er näher und sah ihr beim Baden zu. Dies war ein günstiger Moment ihm von diesem Hax und seinen Fragen über Bruel zu berichten. Für den Moment verflog der Ausdruck von Zufriedenheit von seinem Gesicht.

„Sie lassen niemanden mehr in mein Haus, es sei denn er bringt einen Durchsuchungbeschluss, Madame Bettencourt. Haben Sie das verstanden?

Sie nickte betreten. Natürlich hatte sie das verstanden. Aber sie selbst wäre niemals auf den Gedanken gekommen einen Hüter des Gesetzes nicht in ihre Wohnung zu lassen. Immer noch gab es eine Kluft voll unbegreiflicher Unterschiede zwischen Talleyrands und ihrem eigenen Denken.

Aber das Gefühl verflog schnell, sie erhob sich frisch gewaschen und shamponiert aus der Wanne und Talleyrand zog sie an sich.

„Sie sollen wissen, dass ich sehr stolz auf Sie bin, Madame.“ Er hielt sie in seinen Armen und drückte ihr einen Kuss auf das feuchte Haar.

Sie lauschte seinem Herzschlag und sagte. „Das ist Ihr Werk, Monsieur. Vorher war ich ganz anders.“

„Nein, das war immmer in Ihnen. Man musste Ihnen nur helfen es zu entdecken, Madame.“

„Ich bin froh, dass Sie mich gefunden haben.“

Er schwieg. Er schwieg einen langen, sehr langen Moment. „Und ich erst.“

Zum ersten Mal klang seine Stimme anders, weniger fest als sonst, Rührung lag darin. Das war der Talleyrand, den sie ein paar Wochen lang vermissen musste. Bettencourt rollte eine Träne der Erleichterung über die Wange. Sie dachte zurück an ihre Aufenthalte auf Everest Hills. Er hielt sie noch einen Moment, dann schob er sie von sich.

„Vielleicht sollten wir noch etwas essen. Es wird ein langer Abend werden. Für uns beide.“

IV_004

Sie brachen rechtzeitig nach dem Essen auf. Bettencourt trug bis auf Mantel und Sandalen nichts, Talleyrand trug ihre Tasche. Er wählte einen Weg, der zwar länger war, aber möglichst ohne neugierige Passanten, die sie in ein Gespräch verwickeln konnten. Schließlich erreichten Sie die kleine Anhöhe, die an Weinbergen vorbei Richtung Mausoleum führte. Bevor er die Tür öffnete, sah er sich noch einmal aufmerksam um und zog sie dann mit sich hinein.

(Fortsetzung hier)

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