Vom Opfer bringen

Jeden Schein des absonderlichen Romantikers hatte Francois Bruel in Bettencourts Augen nun verloren. Alle hatten es in der Zeitung lesen können, auf was für einen abartigen Spinner die arme Jeanne hereingefallen war. Tieropfer. Was für ein krankes Bewusstsein trieb derartige Blüten? Klar war für Bettencourt auch, dass Talleyrand mit solchen Dingen nichts zu tun hatte, sondern dass Bruel in Talleyrands Augen und nach eigener Aussage völlig fehlgegangen war und mit seinem Leichtsinn alle in Gefahr gebracht hatte. Die Gerichtsmedizin in Saint Raphaél hatte den gesamten Fall noch einmal aufgerollt und die Aussagen der Gendarmerie von Neuville-sur-Mer revidiert. Bruel hatte den Drogencocktail ganz allein und ohne Zwang zu sich genommen und war dann in lebensgefährdender Selbstüberschätzung in den Wagen gestiegen und hatte in einer Kurve die Kontrolle verloren. Kein Mord. Und wo kein Mord war, gab es auch keinen Mörder. Und keine Mörderin. Und kein Verbrechen, dem nachzugehen sich noch lohnte.

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Davon musste nun nur noch Lilian überzeugt werden. Die befand sich nämlich immer noch auf der Suche nach den von Jeanne beschriebenen heiligen Hallen und das missfiel Talleyrand. Da er genauestens wissen wollte, was Jeanne über die heiligen Hallen geschrieben hatte, war Bettencourt als erstes daran gegangen Lilian Kopien der Aufzeichnungen abzuschwatzen, die sie gesammelt hatte. Dies war ihr zu ihrer eigenen Überraschung recht schnell gelungen. Lilian hatte den Körder geschluckt, der aus den Büchern von Francois Bruel bestand, die sich noch in der Villa befangen. Bettencourt hatte im Gegenzug die Gelegenheit bekommen, Kopien der Aufzeichnungen anzufertigen, die, wie sie vorgegeben hatte, in einem sicheren Versteck aufbewahrt werden sollten. Falls etwas Unvorhergesehenes geschehen würde… Eine Lüge. Die Kopien waren für Talleyrand. Bettencourt spürte, dass sie dabei war für Talleyrand die Freundschaft zu Lilian zu opfern. Aber sie war auch überzeugt davon, dass es ein kleines Opfer war um damit zu verhindern, dass Lilian zum Opfer werden würde.

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Nein, nicht Talleyrands Opfer. Dass Talleyrand nur das Wohl aller im Sinn hatte, war für Bettencourt eine so unumstößliche Überzeugung wie die Tatsache, dass die Planeten um die Sonne kreisten. Nein, wen Bettencourt am meisten fürchtete, war die Comtesse de Levenque. Nach dem gemeinsamen Essen beim Italiener war ihr klar geworden, dass die Comtesse und Talleyrand mehr verband als gemeinsame geschäftliche Interessen. Nein, die Comtesse war genauestens im Bilde über Bettencourts Status und  seit dem Essen auch über die bevorstehende Initiation. Seitdem war sie deutlich freundlicher. Oberflächlich betrachtet. Aber unter der schönen Maske der Fürsorglichkeit für ein neues Mitglied der Gemeinschaft spürte Bettencourt etwas Lauerndes.

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Die Comtesse hielt sich auffallend oft in Neuville auf und vor allem in der Nähe von Lilian. Beide, Talleyrand und die Comtesse hatten Bettencourt nicht im Unklaren darüber gelassen, dass, wenn sie scheitern sollte und es d’Aubaine nicht gelingen sollte sollte, Lilian unter Kontrolle zu bringen, man andere Wege finden musste.

Der zweite Punkt, an dem Bettencourt Unbehagen verspürte, war die Tatsache, dass man sie bat Kundendaten herauszugeben. Eine Nachtclubbesitzerin aus einer Stadt nahe der mexikanischen Grenze hatte bei ihr eine nummerierte Reproduktion gekauft.

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Seltsamerweise hatte die junge Frau mit ihrer Freundin ein wenig zu offensiv im Umfeld der Villa herumgeschnüffelt, so dass man nun Handlungsbedarf sah. Bettencourt hatte die Lieferadresse im Kaufvertrag notiert und sollte sie nun an die Comtesse weitergeben. Dies und das Wissen um den „Firmensitz“ der Comtesse ließen einige Rückschlüsse über ihre Rolle innerhalb der Gemeinschaft zu.

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Der verschlossene Umschlag, der die Adresse der Nachtclubbesitzerin beinhaltete, lag neben ihr auf dem Stuhl, auf ihren Knien ruhte ihr Notebook. Bettencourt verbrachte die ersten beiden Stunden des Tages meist auf ihrem Balkon. Sie hatte das Appartement in Paris immer gemocht, aber dieser Blick runter in das Gassengewirr von Neuville, das morgendliche Zwitschern der Vögel, das entfernte Kreischen der Möwen am Strand, all das wurde ihr zur liebgewonnenen, luxuriösen Gewohnheit. Außerdem sah sie Talleyrand nun viel häufiger. Noch hatte sie keine Gewissheit, ob d’Aubaine ebenfalls Teil der Gemeinschaft war. Aber etwas in Lilians Erzählungen über ihn hatte sie nachdenklich gemacht. Was auch immer d’Aubaine meinte mit der Ausbildung, die er für Lilian vorgesehen hatte, sie würde etwas opfern müssen. Ja, das war es, was sie gesagt hatte. Manchmal musste man ein Opfer bringen.

Und warum erzeugte eine tote Katze eine solche Abscheu während eine Stiertötungsszene als menschliches Kulturgut galt?

Bettencourt sah runter auf den Bildschirm. Google war wahrlich ein Segen, ohne den zu leben sie sich nur noch schwer vorstellen konnte. Wissen per Knopfdruck. Das Internet lud sie auf eine Reise duch die gesamte Menschheitsgeschichte ein. Ein Opfer zu bringen, das war eine Vorstellung, die offenbar so alt war wie die Menschheit selbst.

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  1. […] Der Besuch in der Villa II – Ist das der Kern der Sache? Will er die Ermittlungen über Bruels Tod wieder aufrollen? Ich hoffe ich habe mich mit den Antworten wacker geschlagen, aber ich muss mit […]



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