Die Muse und der Stier

Die Sonne fiel in den kleinen Innenhof, den die Seiten der Galerie bildeten und der sich zur Gasse hin öffnete. Bettencourt saß auf dem Hocker, den Skizzenblock halb auf ihrem Schoß und halb angelehnt an dem farbbesprenkelten Arbeitstisch, der hier draußen stand, ebenso wie ihre Staffelei. Ihre Fingerspitzen waren graphitverschmiert und außer dem Geräusch des Bleistiftes und dem Geschrei ein paar weitentfernter Möwen war nichts zu hören. Die Stadt hielt ihre Mittagsruhe.

Ein Stier. Auf dem Tisch lagen mehrere Zeichnungen mit dem gleichen oder einem ähnlichen Motiv. Stiere in mannigfaltigen Formen. Ein Minotaurus war darunter. Bettencourt zeichnete, versunken in sich selbst und in ihre Träume der vergangenen Nacht. Talleyrands Eröffnung, das Erlebnis, das der Eröffnung voraus gegangen war, das alles wühlte sie auf bis ins tiefste Innere. Sie hatte geglaubt, dass sie allmählich begriff, wer Talleyrand war, was er mochte, liebte, was seine Ziele mit ihr waren. Aber nun waren da diese Träume. Am Morgen war das Laken zerwühlt gewesen und ihre Finger hatten nach ihrer Lust gerochen. Sie war dem Stier begegnet. Bettencourt stöhnte in Erinnerung der gewaltigen Kraft, die einen zu Boden drückte und gleichzeitig erhöhte. So war es in ihren Träumen gewesen.

Auf dem Einband des schmalen Buches, das Talleyrand ihr zu lesen gegeben hatte, war nur ein goldenes Symbol gewesen, wie man es unter den Sternzeichen findet. Taurus. Sie hatte eine Weile gebracht, bis sie die alte Handschrift aus dem 19. Jahrhundert entziffern konnte. Talleyrand hatte ruhig neben ihr gestanden, mit einem Glas Scotch in der Hand. Dann hatte er sich zu ihr gesetzt und ihr beim Lesen zugesehen. Er hatte alle Fragen beantwortet, die sie gestellt hatte. Und er hatte sie gebeten eine Entscheidung zu treffen. Ja, bitten war tatsächlich das richtige Wort. Er hatte sie nicht bedrängt oder verängstigt. Aber das war auch nicht nötig gewesen. Bettencourt erinnerte sich an jedes seiner Worte, als seien sie immer schon Teil ihres eigenes Denkens und Fühlens gewesen.

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Talleyrands Wahrheiten waren ihre Wahrheiten geworden.

Eine Stimme riss sie aus dem Beben, das ihren Schoß erschütterte, als sie an alles Bevorstehende dachte. Lilian. Sie musste Lilian von Jeannes Spuren abbringen. Talleyrand war in diesem Punkt unmissverständlich gewesen. Und Talleyrand hatte stets das Wohl aller im Blick, dessen war sie sich sicher. Also legte sie den Skizzenblock ab und suchte das Gespräch. Neulich erst waren sie im Streit auseinandergegangen, weil Lilian Talleyrand kritisiert hatte. Die Worte klangen ihr noch im Ohr. „Einen Hund behandelt man besser als er dich, Nicole!“ Sie musste einen Weg finden, Lilian zu besänftigen und vor allem von ihrer Suche abzubringen.

Doch dies sollte nicht der rechte Moment werden. Talleyrand trat aus der Bürgermeisterei in die Gasse. Sie sah ihn über Lilians Schulter hinweg und studierte sein Gesicht um seine Gefühlsregungen aufzunehmen. Er war guter Laune. Sie lächelte und begrüßte ihn freudig, kaum, dass er näher gekommen war. Lilian verdrehte die Augen, ließ sich aber von ihm auf einen Kaffee einladen. Vor dem Eiscafé saßen die schließlich in der Sonne. Talleyrand und Lilian saßen, Bettencourt stand neben Talleyrands Stuhl und überließ die Gesprächsführung weitgehend ihm.

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Eine blonde junge Frau sprach mit dem Eisdielenbesitzer und übergab ihm einen Korb. Es stellte sich heraus, dass die junge Frau Juliette hieß und die Chocolaterie übernommen hatte. Wenn sie nicht im Laden war, wohnte sie mit Freunden in einer Art Kommune auf dem Land, außerhalb der Stadt. Bettencourt betrachtete das bunte Kleid, die bloßen Füße und den bunten Perlenschmuck und fühlte sich an einen kleinen Schmetterling erinnert. Und an das Picknick. Sie hatte neulich mit Jack darüber gesprochen und lud nun auch Juliette dazu ein. Es waren viele junge Leute in der Stadt und man würde sich dort am Strand bei ein paar Gläsern Wein sicher besser kennen lernen.

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  1. […] “Dieses Buch“, erklärte er, als er es ihr reichte, “dieses Buch wird mein Haus niemals verlassen, Madame. Lesen Sie jetzt. Lesen Sie jetzt und danach muss ich Sie bitten sich zu entscheiden.” […]



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