Vom Nutzen unbeantworteter Fragen

Beim Nachforschen verdichteten sich allmählich die Zeichen darauf, dass die vermutetete Liebesgeschichte kein gutes Ende genommen hatte. Bettencourt ließ den Brief von Lilian sinken und legte die Hand über das Papier. Mit einem Mal fragte sie sich, ob diese ganze Spurensuche nicht dazu dienen sollte ihnen eine Heidenangst einzujagen. Wenn sie Lilian glauben sollte, so hatten sowohl die Comtesse als auch Talleyrand ihr massiv zugesetzt, der Geschichte um Jeanne und Francois Bruel nicht weiter nachzugehen. Der einzige, der bisher locker reagiert hatte und sich statt dessen mit Lilians Forschergeist ausführlich befasst hatte, war Antoine d’Aubaine.

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Bettencourt schmunzelte. Es gab wahrlich schlechtere Dinge im Leben als von einem Mann wie diesem d’Aubaine am Strand verführt zu werfen. Auch wenn irgendetwas an ihm sie stutzen ließ. Lilian genoss es und das war das Wichtigste. Talleyrand schien d’Aubaine zu kennen, jedenfalls hatte er ihn sprechen wollen, nachdem Bettencourt davon berichtet hatte, dass sie ein längeres Gespräch im Bistro mit ihm genossen hatte. Was es da zu besprechen gegeben hatte, lag jedoch völlig im Dunkeln. Aber das wunderte sie nicht. Viele Kontakte von Talleyrand lagen für sie im Dunkeln und seit dem Gespräch mit der Comtesse war ihr das gar nicht so unrecht.

Was Bettencourt blieb, war ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht zur Gendarmerie gehen konnte, sondern Jeanes Geschichte in ihrem eigenen Interesse und um Talleyrand nicht zu brüskieren, für sich behalten musste. Da kam es ihr der Gedanke nur recht, das ganze könne eine absichtlich gelegte falsche Spur sein. Und was ihr blieb waren die unangenehmen Nachfragen von dieser Amélie Leblanc im Bürgermeisteramt. Allein der Bogen für die Ummeldung von Paris nach Neuville-sur-Mer war eine einzige zehnseitigeUnverschämtheit.

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Ob sie schwanger war und der Beruf ihrer Eltern taten nun wirklich nichts zur Sache, immerhin beantragte sie nicht die französische Staatbürgerschaft oder trat für das Amt des Staatspräsidenten an. Und trotzdem war diese Leblanc unerbittlich gewesen. Das Schwierigste war die Frage nach ihren Einkommensverhältnissen aus dem letzten Jahr. Tatsächlich hatte sie von Talleyrands Geld gelebt, aber das konnte sie unmöglich eintragen. Talleyrand würde sicher keine offizielle Verbindung in einem öffentlichen Formular eingetragen sehen wollen. Schließlich schrieb sie etwas von einem Stipendium hinein. Das war ja auch nur halb gelogen.

Talleyrand. Bettencourt lehnte sich zurück und ließ ihr Gesicht von den Sonnenstrahlen streicheln. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie ihn sehen und spüren. Seine Worte hören. Sa chienne. Jede Begegnung mit ihm setzte noch tagelang danach Wellen von Erregung in ihr frei. Aber in den letzten Tagen hatte sie zunehmend den Drang verspürt sich Informationen über Talleyrand zu beschaffen. Ihr Herz war eine Grube, in der Liebe und Zweifel eng beieinander lagen. Das war ihr gestern Abend, im Gespräch mit diesem Marc, wieder bewusst geworden.

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Marc, ein Diplomatensohn aus den Staaten, der sich auf Europareise und auf der Flucht vor den Forderungen seines Elternhauses befand. Bettencourt dachte an die Piercings in seinem Gesicht und diesen unkonventionellen Haarschnitt und schmunzelte. Sogar Tätowierungen hatte er. Zweifelsohne hätte ihr Vater ihn nicht gemocht. Aber ihr Vater würde auch Talleyrand nicht mögen, solange er ihr keinen Heiratsantrag machte.

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Und das führte Bettencourt wieder zurück zu ihren Zweifeln. Dass sie ihn liebte, stand außer Frage, aber liebte er sie auf irgendeine Art und Weise? War es überhaupt von Relevanz ob man zurückgeliebt wurde? War Liebe nicht Selbstzweck und gut um ihrer selbst willen? Es war fast romantisch gewesen, als sie mit Marc am Hafen gesessen und zugesehen hatte, wie die Sonne im Meer versank. In seinem Herzen sei nur Platz für eine Frau, hatte Marc gesagt. Hatte Talleyrand außer ihr noch jemanden? Ihr wurde so schwer ums Herz bei diesem Gedanken.

Mit den Fingern strich sie wieder über das Papier. Was war nun das Ergebnis ihrer Bemühungen? Ein Graf aus dem 18. Jahrhundert namens Saint Germain, dessen Mausoleum sich unweit von Neuville Stadt in einem Waldstück befand. Eine Societé Saint Germain, die sich um dessen Erhalt bemühte.

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Das Zitat eines durchgeknallten Okkultisten aus dem 19. Jahrhundert. Eine Liebesgeschichte wie aus einer Seifenoper mit reichlich Blut und Drama. Wenn man den Zeitungen glauben durfte, war dieser Francois Bruel einfach mit seinem Wagen von der Straße abgekommen und über die Klippen gestürzt. Und warum sollte man auch nicht glauben, was in der Zeitung stand? Hier ging es immerhin um offizielle polizeiliche Ermittlungen. Plötzlich war Bettencourt im Zweifel, ob es wirklich Sinn machte, wenn Lilian dieser Societé Saint Germain auf den Grund ging. Aber es war nun zu spät, die Dinge waren längst angelaufen. Sie hatte selbst gehört, wie Lilian auf diese Amélie Leblanc eingeredet hatte im Bistro.

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Sie schüttelte den Kopf. Zeit sich um die Dinge des täglichen Lebens zu kümmern. Jack, der die Tankstelle und die Werkstatt übernommen hatte, würde sich hoffentlich bald wegen der bestellten Zündkerzen melden.

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Solange war es ein Glücksspiel, ob ihr Wagen ansprang oder nicht. Dann wartete sie noch auf den unterzeichneten Kaufvertrag der Comtesse. Sie konnte es kaum erwarten, das kleine „VERKAUFT“ Schild unter das Bild zu setzen. Dann gab es da noch diesen Patrice, einen Maler, den sie unter Umständen für eine Ausstellung gewinnen konnte.

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Dass sie dieser Aimée zumindest eine nummerierte Reproduktion für ihre Pension verkaufen konnte, war dagegen wohl weitaus unwahrscheinlicher. Bettencourts Instinkt sagte ihr, dass mit der Frau nicht gut Kirschen essen war. Im übrigen war sie entweder von großer Dreistigkeit oder einfach stillos, denn so detailliert nach dem Preis für ein Original zu fragen, wenn man gar kein Interesse an zeitgenössicher Kunst hatte, war absolut daneben. Nun, trotzdem. Vielleicht tat sie ihr ja Unrecht und eine Reproduktion lag preislich im Rahmen und würde sich in einem der Fremdenzimmer vielleicht gut machen.

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