Wirkungskreise

Die nächsten Tage standen im Zeichen der Galerie-Eröffnung. Die arbeitsfreien Stunden verbrachte Bettencourt damit Neuville und seine Bewohner besser kennenzulernen, aber schon bald kristallisierte sich eine beginnende Freundschaft mit Lilian Roussau heraus. Die Studentin war in Neuville um ihre Examensarbeit zu schreiben, aber statt dessen war sie über eine Spur gestolpert, die beide Frauen gleichermaßen faszinierte und in ihren Bann zog.

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Gemeinsam erforschten sie das Umland von Neuville-sur-Mer und wandelten auf den Spuren, die sich ihnen darboten. Auch Lilians Frage nach einem guten Platz zum Picknicken zog sie hinaus aus der Stadt und Richtung Strand. Dass bald schon, was so romantisch ausgesehen hatte, ihnen beiden Angst machen würde, ahnten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch sah alles nach einer großen Liebesgeschichte aus, die für beide ihre ganz eigene Bedeutung entfaltete: Bettencourt suchte nach Antworten zu ihrer Beziehung zu Talleyrand. Lilian Rousseau suchte nach Erkenntnissen über Gefühle, die ihr bis dahin selbst völlig fremd waren.

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Die Wandlung der Geschichte begann mit der Comtesse de Levenque. Es war Lilian, die Bettencourt davon erzählte, dass eine Comtesse de Levenque in der Stadt weilte. In ihrem jugendlichen Leichtsinn hatte Lilian der Comtesse von ihrer Spur erzählt und dabei eine deutliche Warnung erhalten, ihre Nase nicht in Dinge zu stecken, die sie nichts angingen. Wenige Stunden später traf Bettencourt die Comtesse am Eiscafé unweit der Galerie. Alles war soweit vorbereitet und die Bilder hingen an ihrem Platz.

Als sich ihre Blicke trafen, war es schon zu spät einen anderen Weg einzuschlagen und Bettencourt führte die ihr dargebotene Hand der Comtesse wohl oder übel und unter großem Unbehagen andeutungsweise an ihre Lippen, als diese es von ihr forderte. Ob die Comtesse wirklich nur auf Urlaub in Neuville war oder ob ihre undurchsichtigen Verbindungen zu Talleyrand der Grund waren, vermochte Bettencourt nicht wirklich zu ergründen, aber sehr wohl entging ihr die erneute Warnung der Comtesse nicht.

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Bettencourt rang verzweifelt nach einem Themenwechsel und lud die Comtesse dann schließlich zu einer Vorabbesichtigung ihrer Galerie ein. Ein kluger Schritt, wie sich herausstellen sollte. Noch vor der Eröffnung verkaufte sie das erste Bild.  Außerdem gelang es ihr der Comtesse ihren Standpunkt zu vermitteln, was Talleyrand und seine Geschäfte anging. Bei der Verabschiedung hatte Bettencourt das Gefühl, dass eine Art Übereinkunft erzielt worden war. Solange sie loyal war und die geschäftlichen Kreise nicht störte, hatte sie nichts zu befürchten.

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Der nächste Bewohner, mit dem Bettencourt in Kontakt kam, war Antoine d’Aubaine. Sie war auf dem Rückweg von einem Strandspaziergang, als sie jemandem oben auf dem Balkon bemerkte, den sie bereits im Stillen bewundert hatte wegen seines wunderbaren Ausblicks über den Place St. Germain. Mit d’Aubaine ins Gespräch zu kommen, erwies sich als nicht schwierig und bald schon saßen sie an einem Tisch vor dem Bistro und unterhielten sich über Themen, die das normale Maß von Unverbindlichkeiten unter Fremden deutlich hinausgingen. D’Aubaine hatte etwas an sich, das Bettencourt gesprächiger machte als gewöhnlich. Er war kultiviert und höflich und etwas an seinen Augen zog einen förmlich in seinen Bann.

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Als Lilian zum Bistro kam, machte Bettencourt die beiden miteinander bekannt und verabschiedete sich dann. Es war ein langer Tage gewesen. Sie hoffte auf ein heißes Bad und einen späten Besuch von Monsieur Talleyrand oder am besten beides. Allmählich wurde die Wohnung über der Galerie behaglich und Bettencourt begann sich zuhause zu fühlen.

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