Nichts weiter als ein Punkt am Horizont

Amira hob den Kopf und bat Gwen, die Kajira von Silas um eine Decke. Etwas Gischt spritzte ihr entgegen und dann sah sie dorthin, wo Cos langsam kleiner wurde und verblasste, bis es nichts weiter war als ein Punkt am Horizont.

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Das cosianische Patrouillenboot hatte nicht den Tod gebracht, sondern eine Gruppe von Taurentianern aus Ar, altgediente Elitekrieger und von ehrhafter Gesinnung, die noch bereit waren für die Interessen des alten Ar und für Del-ka zu kämpfen. Amira hatte ein paar Dinge über die Taurentianer gelesen und wusste, dass nur die Besten gut genug waren um die Leibgarde von Marlenus zu bilden. Sie wusste, dass allein die Taurentianer berechtigt waren die Farbe des Ubars zu tragen.

Die Taurentianer standen unter dem Kommando eines Mannes, der Amira sehr vertraut war. Luc. Immer wieder hatten sich ihre Wege gekreuzt und nicht immer hatten sie als Verbündete Seite an Seite gestanden. Und doch – selbst in den Zeiten der Feindschaft zwischen Turmus und Kasra – waren sie einander immer mit dem Respekt begegnet, den man einem Gegner zollt, der solchen seiner Fähigkeiten wegen verdient hat. Ungehindert hatte das cosianische Tarnschiff die Hafenpatrouillen passiert und hatte dann Kurs auf die offene Thassa genommen. Das Ziel auf dem Festland war Belnend, soviel hatte Amira mitbekommen.

Amira ließ den Kopf nach hinten sinken und schaut in den Himmel hinauf. Sie war frei. Ihr Leben, das ein einziges Ringen um die Erhaltung der Freiheit zu sein schien, hatte sie erneut aus der Gefangenschaft geführt und sie verspürte eine tiefe Dankbarkeit für die Loyalität der Krieger zu Del-ka und ihren unglaublichen Mut sich mitten in die Höhle des Larls zu begeben, der ihre Stadt an sich gerissen und vergiftet hatte. Hier auf dieser Mission trugen sie nicht das Purpur, das ihnen zustand, sondern waren als einfache Fischer verkleidet. Und dennoch haftete ihnen die Aura an, die man Kriegern aus Ar im Allgemeinen und Taurentianern im Besonderen nachsagte: Selbst im schäbigsten Gewand und unter den widrigsten Umständen leuchteten Stolz und Ehre aus ihren Augen hell wie die drei Monde in der Nacht.

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Cato wich nicht von ihrer Seite. Er hatte sein Leben riskiert um sie zu retten und vermutlich mehr als das. Als sie in Belnend anlegten, hob er sie vom Schiff und trug sie über die Planken in Richtung Wagen, wo einer der Krieger sie hinaufhob als wäre sie ein Stück Fracht und leicht wie eine Feder. Ihr Herz lief über vor Liebe, aber auch die Erschöpfung breitete sich aus und zeichnete dunkle Schatten unter ihre Augen. Das zerschmetterte Bein pochte wie rasend und mahnte sie zur Ruhe, aber noch lag ein langer Weg vor ihnen. Auf dem Wagen ging es in Richtung einer Lichtung, wo eine Tarnstaffel bereit stand. Sie würden über den Luftweg nach Ar gebracht werden.

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Es war lange her, dass Amira zum letzten Mal in Ar gewesen war. Cato hatte hier seine Studien absolviert, bevor Hochburg ihn damals zurückbeordert und zum Präfekten berufen hatte. Einiges hatte sich verändert, seit ein cosianischer Statthalter eingesetzt worden war. Luc wies ihnen eine Wohnung über der Schneiderei zu und es war Zeit sich über ihre Tarnung Gedanken zu machen.

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Aber es war schon spät. Cato trug Amira die Stufen hinauf und legte sie aufs Bett. Kaum hatte sie den Schmutz der cosianischen Fischerhütte abgewaschen, trug sie auch schon der Schlaf auf seinen Schwingen davon.

Cato.

Amiras Fels in der Brandung. Der Mann, dessen Herzschlag an ihrem Ohr süßer war als jede Melodie, jedes Lied, jeder kunstvoll gedichtete Vers.

Ar.

Das einst glorreiche Ar. Nah am Feind und doch geborgen der Sicherheit einer großen Stadt, die schützend ihre Arme um sie legte. Eine Stadt, in der zwei widerstreitende Kräfte miteinander rangen, von der sie einer all ihrer Kraft und all ihr Wissen schenken würden um sie im Kampf zu unterstützen.

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