In die Tiefe und dann?

Sie hatte Catos Warnung sehr wohl gehört, aber die Versuchung war zu groß. Von der Bank im Hof der Heilerei aus war sie auf die Festungsmauer geklettert und hatte das Knotenwerk – aus sauberen und hoffentlich haltbaren Laken bestehend – an einen der Mauerbögen geknüpft, auf denen die Pergola ruhte, die als Stütze für die schattenspendenden Weinranken diente.

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Kaum hatte sie sich von der Mauer herabgelassen, wurde ihr auch schon bewusst, dass ihre Kräfte kaum reichen würden. Es ging an die zehn Meter in die Tiefe. Aber erneut warten auf eine ungewisse Chance? Cato stand unten auf den Felsen, auf denen sie nun womöglich zerschellen würde wie ein Stück in die Tiefe stürzendes Stück Keramik. Ein toter Winkel innerhalb der Festungsanlage, eine Nische zwischen dem Gefangenenturm, der Festungsmauer und den Felsen, die die Thassa davon abhielten, die Insel anzuspringen wie ein wütendes Raubtier. Sie konnte in der Ferne, hinter den Felsen das Fischerboot schlingern sehen, mit dem Cato an diese abgelegene Stelle gelangt war um sie sehen zu können. The course of true love never did run smooth. Ihr Großvater hatte seit jeher mit einer skurrilen Leidenschaft Weisheiten von der Erde gesammelt.

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Amira schloss die Augen um sich zu sammeln. Mit einer letzten Kraftreserve gelang es ihr, sich in kleinen Stücken noch drei Meter weiter an der Mauer entlang hinabzulassen und dann geschah das, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Es waren nicht ihre Kräfte, die ihr den Dienst versagten, sondern der Knoten, der oben ihre Fluchtleine an der Mauer halten sollte. Es gab einen Ruck und dann stürzte sie haltlos in die Tiefe mit dem Rücken voran. Nicht einmal ein Schrei kam noch über ihre Lippen.

Im Fallen wuchs das Entsetzen und jede Ihn kam ihr endlos lang vor, machte ihr schmerzlich bewusst wie weit entfernt der Felsen unter ihr hatte sein müssen, bevor…. der Schmerz in ihrem Kopf explodierte und die Dunkelheit sie überkam.

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Als sie erwachte, war da vor allem der Schmerz, der ihr den Atem raubte. Ihr Bein schrie grell und verschwommen nahm sie über sich ein Gesicht wahr, hörte sie Stimmen und dann über dem Gesicht der Himmel, der Wolken wie ein weißgetupftes Band über ihnen vorüberziehen ließ. Orientierungslos streckt sie ihre Hand nach dem Gesicht aus. Bo aus Belnend? Ein seltsamer Traum schien das zu sein. Das Schlingern des Bootes war so deutlich zu fühlen und jemand machte sich an ihrem schmerzschreienden Bein zu schaffen. „Du bist töricht, Amira!“ Die Stimme einer Frau, in deren Schelte soviel Wärme lag wie nur irgendmöglich war. Alja. Von weit her hörte sie die Glocken von Selnar, die mit wütender Aufgeregtheit Alarm zu schlagen schienen. Dann umfing sie sie wieder das gnädige Dunkel der Bewusstlosigkeit.

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Beim nächsten Mal, als sie zu sich kam, lag sie auf einem groben strohgepolsterten Fell im Dunkel einer nach Fisch stinkenden Hütte. Von draußen hörte sie die Stimmen von Bo und Cato und jemand machte sich an ihrer Kopfwunde zu schaffen. Frei. Sie war frei. Und doch lag eine angespannte Stimmung in der Luft. Noch waren sie auf Cos. Sie mochte frei sein, aber längst nicht in Sicherheit.

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Voller Schrecken dachte sie an Cäcilia. Würde man die Frau, die ihr geholfen hatte, ein paar Tage Zeit in der Heilerei zu gewinnen, der Fluchthilfe verdächtigen? Sie rief nach Cato und er hielt einen Moment ihre Hand, während Alja sich das zerschmetterte Bein genauer ansah. Sie erzählte ihm von Cäcilia und von der möglicherweise drohenden Gefahr. Schließlich kam man zu dem Schluss, dass man sie suchen musste, auch wenn das Läuten der Glocken sicher für niemandem im Umland von Selnar zu überhören gewesen war.

Eine halbe Ewigkeit im Dämmzustand zwischen Wachen und Bewusstlosigkeit später traf Cato mit der Heilerin ein und während die beiden Männer draußen weiterführende Fluchtpläne schmiedeten, richteten die beiden Frauen im Fackellicht im Inneren der Hütte Amiras Bein. Eine Prozedur, die trotz der vorher verabreichten Rauschmittel dazu führte, dass sie danach eine Weile nicht ansprechbar war.

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Cato als Gnaeus, der Fischer, konnt vermutlich unbehelligt zurück zu den Tauschinseln reisen. Selbst wenn es am Hafen vor Wachen nur so wimmeln würde. Auch Alja, als Vertreterin des Handelshauses und in Begleitung eines Kriegers aus Belnend, würde man vermutlich nicht auf der Insel festhalten wollen. Anders jedoch sah die Sache mit Amira aus. Vermutlich begannen die Krieger in diesem Moment jedes Haus zu durchsuchen, nachdem die Suche in der Festung ergebnislos geblieben war. Cäcilia war es gelungen die Spuren zu verwischen, indem sie Blutflecken entfernt und das liegengebliebene Fluchtinstrumentarium eingesammelt hatte, aber mit Sicherheit würde man nicht ruhen, bis man jeden Stein umgedreht hatte um die Geflohene ausfindig zu machen.

Alja zeigte Cäcilia eine kleine Ampulle, in der sich eine grünlich schimmernde Flüssigkeit befand. An sich war dies der Grund ihrer Rückkehr nach Cos gewesen. Aber nun hatten sich die Dinge überschlagen und man musste umdenken.

Es war noch nicht vorbei.

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Comments
3 Responses to “In die Tiefe und dann?”
  1. Lurius con Jad sagt:

    Aaaaaargh!
    Jeden Stein? Jeden Kiesel! Jedes Sandkorn!
    Jedes Haus und Gebäude durchsuchen!
    Keine Freiwache, bis sie gefunden ist!
    Niemand verlässt oder betriit Selnar ohne peinlich genau durchsucht worden zu sein!
    Alle Verdächtigen sind unter schärfster Beobachtung zu halten!
    Haben wir uns verstanden?!
    Ehre und Stahl!
    Los, los, los!

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