Das Exempel

Der Durst machte ihn rasend. Wie ein Stück nutzloses Fleisch schien seine Zunge im Mund zu kleben und anzuschwellen. Immer wieder schlug er auf die Tür ein, durch deren winzigen vergitterten Ausschnitt ein wenig Licht in seine Zelle drang. Er rannte gegen das Holz an, bis seine Fäuste bluteten. Schließlich, nach einer empfundenen Ewigkeit näherten sich Schritte. Das Geräusch des sich hebenden Fallgitters zum Eingang in den Ludus drang an sein Ohr und dann hörte er die Stimme des Feindes. Trajanos. Aurel con Ar trat von der Tür zurück. Das Blut tropfte aus den offenen Wunden an seinen Händen auf den Steinboden so wie das Rinnsal der Hoffnung aus ihm geflossen war. Ohne Zweifel würde er als Galeerensklave oder als Kampfsklave auf Cos enden oder hingerichtet werden. Aber dass  dieses ehrlose Pack einen ihrer Kaste in der Zelle verdursten lassen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Alle Muskeln angespannt lauerte er in seiner Ecke, als die Tür sich öffnete. Der Stolz Ars flutete sein Blut und ließ seinen Körper in Anspannung kribbeln. Er war ein Krieger durch und durch. Bis zum Schluss würde er stehen und versuchen sein Schicksal zu wenden.

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„Gefällt dir deine Unterbringung nicht, Aurel? Halt’s Maul!“, Trajanos war kein Mann, der sich mit Floskeln aufhielt. „Komm raus und du wirst zu trinken bekommen. Heute ist dein großer Tag.“  Trajanos‘ Hand lag warnend am Schwertgriff. „Und bedenke, Tribun, dass ich dir mit Freuden deinen Schwertarm kürze, wenn du auch nur einen Schritt zur falschen Seite tust.“

Aurel war blind vor Zorn, als er eine Kelle Wasser aus dem Eimer soff. Mit Freuden würde er mit bloßen Händen alles Leben aus diesen cosianischen Hurensöhnen pressen, aber er sah nicht die geringste Chance. Zwei Wachen hatte Trajanos mitgebracht und man legte ihm schwere Handfesseln an um seine Arme auf den Rücken zu fixieren. Er war schmutzig und stank. Er, dessen Leib sein Tempel war, wurde gehalten wie ein Tier. Aber er war ein freies Tier und er spürte die Wildheit unter seiner Haut pochen und sein Denken war voll von dem Wunsch einige Feinde mit in den Tod zu nehmen, wenn sie auch nur den kleinsten Fehler machten.

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Sie marschierten den Hang hinauf. Trajanos voraus und Aurel flankiert von zwei Wachen, deren Speere sich von Zeit zu Zeit drohend in seine Flanken bohrten. Cosianischer Stahl lag um seine Handgelenke und hielt ihn davon ab vorzupreschen und seine Finger um Trajanos‘ Hals zu legen. Schließlich führte man ihn in ein Gebäude, das gleich dem Nest eines Tarns hoch oben am Hügel thronte.

„Hüte deine Zunge, Tribun, wenn du vor dem Ubar kniest.“ knurrte Trajanos. Aurel schwieg nicht. Sein Hass brach sich Bahn in üblen Schmähreden über Cos und das Wiedererstarken des stolzen Ar. Bald, bald schon! An dieser Hoffnung hielt er sich wie ein Ertrinkender an einer Holzplanke mitten auf der Thassa, fernab von jedem Land. Sein Lohn war ein wüster Tritt, der ihm für einen Moment Atem und Sicht nahm.

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Das Gebäude wimmelte von Kriegern seiner Kaste. Allesamt Feinde von Ar. Nicht im ehrlichen Kampf hatten sie seinen Heimstein eingenommen, sondern sich in der Stadt festgesetzt wie ein stinkendes, eitriges Geschwür, das das Denken vieler vergiftete und dann zu wachsen begonnen hatte.

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Schließlich hatte das Warten ein Ende. Man stieß ihn voran in einen Saal, in dem eine illustre Gesellschaft der in Aurels Augen Ehrlosen versammelt war: Lurius con Jad. Chenbar, der Ubar der Insel Tyros. Zwei freie Frauen in prächtigen Roben. Ein Krieger namens Brutus, der wohl die Leibwache von Chenbar stellte. Knien sollte er vor dem verhassten Ubar von Cos. Schließlich musste man ihn auf die Knie zwingen und er sank auf den Boden, mit geradem Rücken und so aufrecht, wie es ihm irgend möglich war.

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Zu seiner Genugtuung berichtete ein Krieger namens Liam von den verschwundenen Boten, die den Kontakt zwischen Tullius, dem cosianischen Statthalter in Ar und seiner Heimat in Cos sicherstellen sollten. Obwohl Lurius vor Chenbar so tat, als sei die Lage unter Kontrolle, verzoge sich Aurels Mund zu einer Art Grinsen der Genugtuung. Del-ka war aktiv und Del-ka würde siegen. Und mit dem Sieg würde Ar wieder das große mächtige und prächtige Ar sein, das es einst war. Zuletzt hatte man den cosianischen Heerführer entsandt, ein Mann namens Helios. Auch von ihm fehlte jede Spur.

Es war nur folgerichtig, dass Wut und Sorge sich irgendwo entladen musste. Als der Ubar von einem Exempel sprach, spürte Aurel wie der Schweiß in kleinen Rinnsalen über seine Haut zu fließen begann und den verkrusteten Schmutz zu kleinen schwarzen Bächen werden ließ. Ein Krieger zeigte keine Angst und er schwieg –  sammelte sich um mit seinem Leben abzuschließen. Mit dem Schwert in der Hand, hatte ihm sein Vater immer eingeschärft, aufrecht stehend auf dem Feld der Ehre, so sollte ein Krieger in die Stadt des Staubes eingehen. Es schien, als sei ihm diese Ehre nicht vergönnt.

Doch noch spürte er keinen Schmerz und keine Dunkelheit. Statt dessen drohte man ihm, seine Familie in Ar ausfindig zu machen, wenn er nicht mit Informationen herausrückte. Aurel ballte die Fäuste, aber er schwieg. Morgen, so erfuhr er, morgen würde man erneut Männer nach Ar entsenden und den gefangenen Tribun Aurel con Ar, den gefassten Aufrührer und Verschwörer würde man in Ar öffentlich und als abschreckendes Beispiel hinrichten lassen.

Eine letzte Reise in die Heimat. Würde sie auch seine Reise in die Stadt des Staubes werden?

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