Schicksalsbotschaft

Wie so oft verfolgt Amira durch einen winzigen Spalt zwischen Fensternische und Vorhang das Geschehen in der Gasse, die an der Heilerei vorbeiführte. Cäcilia war den ganzen Tag noch nicht aufgetaucht und sie war entsprechend angespannt. Was war, wenn die Heilerein die Wahrheit gesprochen hatte, aber als Spionin aus Ar aufgeflogen war? Damit wäre ihr einziger Hoffnungsschimmer wieder im dunklen Gefühl der Unentrinnbarkeit erloschen.

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Sie beobachtete zwei freie Frauen, die mit der Wache sprachen und Einlass in die Heilerei begehrten. Eine von ihnen in blauer, die anderen in grüner Robe. Sicher stolze Cosianerinnen. Amira zog sich vom Vorhang zurück und setzte sich aufs Bett. Vermutlich würde sie Spott und Häme ertragen müssen, wenn die beiden zu ihr vorgelassen wurden.

Tatsächlich schien das der Fall zu sein. Ihre Schritte kamen näher. Durch den Gang hindurch, in dem die Wartebank stand, bis hinein in den beschatteten Innenhof. Eine der Frauen sprach. Eine tiefe, etwas rauhe Tonlage, moduliert ohne erkennbaren Akzent. Neugierig erhob sich Amira vom Bett und trat an den schweren grünen Vorhang, der den Durchgang vom Behandlungs- und Krankenzimmer zum Innenhof verschloss. Überraschenderweise war sie nicht die einzige Neugierige. Sie taumelte rückwärts, als die Schriftgelehrte den Vorhang aufzog und ihr auf einmal gegenüberstand. Anders als Amira war die Frau tadellos gekleidet und vollverschleiert, so dass nicht einmal ihre Augen erkennbar waren. Sie wollte sich gerade aufs Krankenbett zurückziehen, als die Frau einen Zettel hervorzog und ihn Amira in die Hand drückte. Stumm, ohne ein einziges Wort, lüftete die Fremde kurz ihren Schleier und deutete mit einer Geste an, Amira solle die Botschaft gut verstecken.

Gilian! Bei den Priesterkönigen. Amira, der selten die Worte fehlten, stand wie vom Blitz getroffen da und hielt den Zettel in ihren Fingern. Erst als Gilian mit einigen Verbänden wieder aus dem Raum verschwunden war und den Vorhang hinter sich geschlossen hatte, löste sie sich aus ihrer Starre und faltete mit zitternden Händen den Zettel auseinander.

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Auf den ersten Blick war nur ein Buchstabenwirrwarr zu erkennen, das offenkundig Verse und keine Zeilen aufwies. Ein Anagramm in Form eines Gedichtes. Amira ermittelte mit geschulten Augen die Anzahl der angeordneten Wörter und glich sie im Geiste mit den bekannten Werken ab, die zum üblichen Kanon der Schriftgelehrten zählten. Schon bald lichtete sich das Wirrwarr und sie hatte den Schlüssel zur Botschaft gefunden. Für einen Moment schlug ihr Herz so hastig, dass es ihr fast aus der Brust zu springen schien.

Wir sind hier, wir werden euch zu befreien versuchen, bleibt stark und bleibt am Leben.

Amira verbrannte den Zettel an einer der Kerzen und streute die Asche in den Eimer, in dem Cäcilia ihr Verbrauchsmaterial entsorgte. Sicher war sicher. Amiras Wangen hatten eine rosige Farbe angenommen. Sie hörte die beiden Frauen immer noch im Innenhof, aber nun auch die mahnende Stimme von einem der wachenden Krieger, dass sie sich beeilen sollten.

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Erst als sie die Stimmer der zweiten Frau erkannt hatte, öffnete Amira den Vorhang ein Stück und sah hinaus. Sie legte den Finger auf ihre Lippen und lächelte. Es blieb ihr nur dieser stille Moment des Dankes und er währte nicht lange. Die Wache kam den Gang entlang und sie musste den Vorhang wieder schließen. Still lauschte sie dem Gespräch und schließlich entfernten sich die Schritte und es wurde wieder still. Gilian con Holmesk und Alja aus Belnend. Del-ka hatte Liktoren geschickt.

Sie musste nur durchhalten und vertrauen. Wobei zu vertrauen die Übung war, die Amira am schwersten fiel.

„Noch ist nicht aller Tage Abend, Lurius…“, flüsterte sie leise und Zuversicht umhüllte sie wie ein wärmender Mantel.

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