Honig im Ohr

Ein paar Tage Ruhe hatte Cäcilia für Amira bewirken können. Wachen vor beiden Zugängen zur Herberge sorgten für einiges Aufsehen, so dass die Nachfragen von Reisenden und Bewohnern von Selnar zunehmend ruppiger von den Kriegern zurückgewiesen werden mussten. Der Ubar war mittlerweile von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt, hatte man Amira zugetragen. Sie rechnete jeden Tag und jede Ahn damit, dass man sie holen und zurück in den Turm bringen würde, wo man sie – wie Cäcilia vermutete – festketten würde um ihr jede erneute Chance sich den Plänen von Cos zu entziehen, zu nehmen.

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Die Tage in der Heilerei waren für Amira Hoffnungsschimmer und Anstrengung zugleich. Aus der Feste, von der Taverne und vom Markt her drangen bis spät in die Nacht hinein und ab den frühen Morgenstunden Musik und Stimmen zu ihr. Nach dem kalten Schweigen der Mauern im Turm, die nur das Geräusch der Brandung zu ihr hatten dringen lassen, war dies fast ein Ertrinken in Sinneseindrücken. Trotzdem freute sich Amira an allem, was sie hörte und versuchte sich in ihrem Geist eine Karte von Selnar zurechtzulegen. Der Mittelpunkt der kleinen Stadt war offenbar die Festung selbst. Hier fand das eigentliche Gemeinschaftsleben statt. Es begann mit dem Geschrei der Händler an ihrem Marktständen schon bevor die Lar-Torvis sich über den Horizont der spiegelnden Thassa erhob. Und es endete erst kurz vor dem Morgengrauen mit den letzten betrunkenen Kriegern, die sich aus den Alkoven erhoben um zurück in ihre Quartiere zu wanken.

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Amira hatte es gewagt den schweren grünen Vorhang ein wenig zur Seite zu schieben um hinauszusehen. Vom Fenster aus hatte sie einen Blick auf die Gasse, die rückwärtig an der Taverne vorbeiführte. Der Menge der Flanierenden nach zu urteilen, gab es links von der Heilerei einen kleinen Treffpunkt, an dem sich auch freie Frauen ungestört aufhalten konnten. Sie wusste nicht genau ob die Ortskenntnis ihr jemals hilfreich sein würden, aber in Form von Cäcilia war ein Hoffnungsschimmer für sie aus dem Dunkel entstiegen und der neue Kampfgeist riet ihr nichts unversucht zu lassen, was in irgendeiner Form möglicherweise noch von Nutzen sein könnte.

Dann war sie eingeschlafen. Der Gruß der Wachen riss sie aus ihrer Ruhe. „Ehre und Stahl, mein Ubar!“  Schlagartig fiel die schläfrige Benommenheit der letzten Ahn von ihr ab. Lurius war hier? Bevor sie sich Gedanken um den Grad an Würde ihrer äußeren Erscheinung machen konnte, wurde der Vorhang beiseite geschlagen und die schwammige, gedrungende Gestalt schob sich durch den Türbogen hinein in den Raum. Sie las selbst in dem schmalen Blickspalt von Lurius Augen, dass ihre Erscheinung desolat sein musste.

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„Tal Lady Amira. Ich hörte, dass dein Verrat nicht erfolgreich war. Wie fühlst du dich?“ Hohn schwang in seiner Stimme mit.

Amira richtete sich etwas auf. Sie war unverschleiert, aber hatte nicht vor eine Szene der Empörung zu konstruieren, dass der Ubar den Raum betreten hatte ohne ihr die Chance zu geben sich angemessen zu verhüllen. Sie war jenseits des Punktes,  an dem die Fassaden für sie noch von Relevanz waren. „Von welchem Verrat sprichst du, Lurius?“

„Von dem Verrat an dir selbst, Amira. Warum wirst du dein Leben weg? Du handelst nicht wie eine kluge Frau.“

„Du hast alle Fäden in der Hand, Lurius. Mir bleibt nur der eine Faden, mich als Spielstein auf deinem Kaissa-Brett zu enziehen.“

„Sind wir nicht alle Spielsteine auf dem Brett der Priesterkönige, Amira? Sogar ich. Cato. Deine liebenswerten Töchter. Wir sind alle nichts als Spielsteine. Wo kämen wir hin, wenn jeder einfach seinen Stein vom Brett nimmt? Im übrigen hast du ein paar deiner Möglichkeiten wohl übersehen im Überschwang der Gefühle. Dabei bist du wohlauf. Wie ich sehe hat dich niemand geschändet oder misshandelt oder dir deine Kleider genommen.“

„Deine Männer folgen dir, gehorsam wie Marionetten, Lurius. Es gibt Spielzüge für mich, die mich allesamt in den Verrat laufen lassen. Sie sind keine Option. Mein Stein ist verloren, Lurius. Ich habe Cato verloren.“ Sie richtete sich ganz auf und setzte sich an den Rand der Liege. So war ihr Blick leicht erhöht gegenüber dem von Lurius.

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Er trug ein Schwert am Gürtel, aber es waren seine Worte, die zum Gegenschlag ausholten. „Warum ergehst du dich in dieser sklavenhaften Art dich einem Mann in Liebe zuzutun, Amira? Dein Leben könnte eine neue Wendung nehmen, wenn du begreifst, welche Chancen sich dir bieten. Als Ubar es Imperiums Cos stehe ich vor dir und eröffnet dir die Möglichkeit zur Entfaltung deiner Talente und vor allen Dingen die Möglichkeit für die kleine Helena ein Leben zu führen, das ihrem Stand als hohe Tochter von Turmus angemessen ist. Was kann Cato dir noch bieten?“

Amira schwieg einen Moment. Sie hatte ihr ganzes Leben dem Ausbau der Macht ihrer Familie gewidmet. Für Laertes hatte sie immer das Höchste aller Ämter gewollt. So hatte sie es bereits Gar in Worten ins Gesicht geschleudert, dass ihr Sohn einst über ihn kommen und er in der Flut seiner Macht ertrinken würde. Sie hatte Iago con Turmus aus dem Weg geschafft um Cato den Weg an die Spitze zu ebnen. Sie hatte die Rencer-Krise gemeistert. Und nun lag alles in Trümmern, was sie sich jemals erhofft hatte und für das sie jedes Opfer zu bringen bereit war. War es wirklich ihr Ziel mit Cato in der Mittellosigkeit eines nur noch mäßig organisierten Widerstandes zu leben? War sie bereit dafür ihren Kindern jede Chance auf die Verwirklichung ihres vererbten Potentials zu nehmen?

Schlagartig wurde ihr übel und sie schwankte leicht. Doch dann blickte sie auf den schmalen Streifen, den Catos Ring auf ihrem Finger hinterlassen hatte. Wo du bist, da bin ich auch. Das Versprechen zweier langjähriger Gefährten. Sie sah Lurius an und schüttelte den Kopf. „Niemals Lurius. Und wenn alle drei Monde vom Himmel stürzen, niemals werde ich mich an Cos verkaufen. Und ich will auch für Helena kein solches Leben.“

Sie glaubte eine Spur von Enttäuschung in Lurius‘ feistem Gesicht zu lesen. „Wie bedauerlich. Aber immerhin, für die Moral der Truppen kann es nur gut sein, wenn ich jedem einen Silbertarn schenke, der Helena im Pranger inmitten der Hafenfestung besteigt. Ich hoffe für dich, Amira, dass deine Tochter deine Entscheidung zu schätzen weiß, wenn sie ihre Unschuld auf diese Art und Weise verliert.“

Seine Worte trafen Amira mitten ins Herz. Sie stand auf und ging auf ihn zu. „Was verlangst du genau, Lurius? Was muss ich tun, damit du Helena laufen lässt?“

Er hatte sich schon zum Gehen gewandt. „Ihr schwört beide den Treueeid auf mich, den Ubar von Cos. Ihr werdet dafür sorgen, dass Del-ka zerschlagen wird und das Ansehen von Cos strahlend unsere Provizen erhellt. Du wirst jeden Befehl, den ich dir gebe, sofort umsetzen, Amira. Das ist meine Bedingung. Denk darüber nach.“ Dann verschwand er durch den Vorhang nach draußen.

Ein Schrei steckte in Amiras Kehle und drängte mit Macht über ihre Lippen. Sie verspürte den Impuls die Heilerei zu zertrümmern, aber dann sank sie auf die Knie und schluchzte. Das Gefühl zu ersticken an Lurius‘ Worten wurde übermächtig.

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Comments
7 Responses to “Honig im Ohr”
  1. Deka sagt:

    da ist doch noch Spielraum für Verhandlungen. Spione gibt es an allen Ecken. Ob es ratsam ist die Drohung in aller Öffentlichkeit umzusetzen? Wie würde die Welt doch über den Ubar von Cos lachen sollte er sein Ziel so nicht erreichen. Hoch gepokert von ihm.

    Ich hab das nicht mehr so verfolgt ob Cato und die Gruppe Del..K ? Informationen hat wo Amira steckt. Wurde die Heilerin denn auf Geheimhaltung verpflichtet? Beiläufig beim Tee Tratsch kann so etwas schon mal über die Lippen kommen…..

    • neanarstrom sagt:

      Mitglieder von Del-ka sind bereits auf Cos. Ich hab zur besseren Übersicht mal aus meinem Text heraus zum Blog von Gilian einen Link gesetzt. Natürlich weiß Amira das nicht. Ihre einzige Hoffnung ist derzeit Cäcilia. Alle bestimmend ist nun ihre Angst um Helena.
      Aber um Lurius‘ Angebot / Drohung – wie man es nimmt – weiß nur Amira selbst. Ich seh da gar kein Risiko für ihn.
      Das Risiko käme erst, wenn Amira sich drauf einließe und es ihr gelänge ihn zu betrügen und vorzuführen. WENN ihr das gelänge.

      • Deka sagt:

        Ja, ich meinte mehr die Ausführung, Nehmen wir an er setzt es in die Tat um, kennen die Leute dort die Helena? Dann wissen sie vielleicht auch wer ihre Eltern sind? Die Frage wäre aus Sicht eines Unwissenden,, warum hat der Ubar jedem einen Silbertarn geboten?
        Also muss es um etwas persönliches gehen. Das könnte aufzeigen das er etwas nicht Umsetzen kann, denn wenn es ihm um Rache ging warum nicht Pfählen oder dan die Sleen verfüttern. Eine Möglichkeit könnte man noch annehmen, er wartet auf eine Reaktion seiner Feinde. Er spielt aber auch mit der Aktion einer anderen Sache in die Hände, macht er Helena nicht so auch zur Sklavin? Indirekt wissen ja Goreaner das mit der Sklaverei das alte Leben beendet ist. Könnte Cato auch so denken? Rache aus Catos Sicht ist schon möglich, ich weis nicht ob es in Normans Romanen vorkommt, wie sieht es aus Sicht einer Mutter aus? Wie geht sie damit um. Eine interessante Frage die sich da auftut.

      • neanarstrom sagt:

        Ich nehm an es impliziert die Demütigung, dass niemand ohne Bezahlung über Helena drüber steigen würde.

        Cato sieht die Beziehung Tochter-Vater sicherlich mit dem Zeitpunkt der Unterwerfung / nicht unbedingt der Schändung als beendet an.

        Das Thema wurde schonmal angeschnitten, als Dionyza fortlief und sich Trajanos unterwarf. Mit dem Akzeptieren der Frau, dass sie eine Sklavin ist, ist für ihre Familie die Frau praktisch ausgelöscht. Aber es ist eine psychologisch interessante Gratwanderung. Manche würden auch sagen, sobald sie geschändet ist. Oder sobald man ihr einen Kragen umgelegt hat. Ich glaub da gibt’s viel Raum für persönliche Noten.

        Zwischen Cato und Amira konnte auch Amiras Unterwerfung damals das Band nicht zerreißen.

  2. Deka sagt:

    „Aber es ist eine psychologisch interessante Gratwanderung.“, ja so sehe ich es auch oder in der heutigen Zeit macht man sich viel mehr Gedanken als in den „dunklen“ Zeiten wo die Menschen ein anderes Verständnis haben zum Geschehen, Akzeptanz und Gefühlswelt.

    wo ich nicht ganz folgen kann ist “ es impliziert die Demütigung“, für einen Silbertarn pro Person habe ich das Empfinden, das das ein sehr hoher Preis ist. Wenn ich an eine Pagasklavin denke oder was eine „normale“ Sklavin kosten könnte.

    Das ist alles sehr Spekulativ was ich hier schreiben, ich warte einfach ab wie es weiter geht.

    • neanarstrom sagt:

      Ich glaube innere Konflikte sind so alt wie die Menschheit selbst. Sobald Kreaturen bewusste Entscheidung, die nicht mehr rein impuls- oder instinktgesteuert sind, treffen müssen, werden sie immer in solche Situationen kommen.
      Morales Abwägen ist keine neue Zivilisationsentwicklung, lediglich die Maßstäbe verändern sich mit der Zeit. Der Konflikt, ab wann ist eine Tochter keine Tochter mehr sondern eine Sklavin ist, ist ja kein christlich-mitteleuropäischer Konflikt, sondern vollzieht sich nach goreanischen Maßstäben.

  3. Mithrandriel sagt:

    Den Rahmenbedingungen (insb. Eroberung von Turmus sowie Amiras Gefangenschaft und die bisherigen Ereignisse während dieser Zeit), dem Verlauf und dem Inhalt der Unterhaltung zwischen Lurius und Amira nach zu urteilen, schätze ich die Lage aus der Sicht von Lurius wie folgt ein:
    1) Solange Amira am Leben ist, besteht zumindest theoretisch die Chance, ihr doch noch Informationen über insb. den Heimstein von Turmus, den Verbleib hochrangiger Turmusianer, die Del-ka-Organisation und den Widerstand gegen Cos zu entlocken – mit welchen Methoden auch immer.
    2) Solange Amira am Leben (und nicht versklavt!) ist, gibt sie einen hervorragenden Köder ab, um Turmusianer in der Absicht sie zu befreien nach Cos zu locken, allen voran Cato.
    3) Amira ist als „First Lady von Turmus“ eine kapitale Jagdtrophäe. Die Tatsache, dass eine der höchsten Würdenträgerinnen von Turmus eine Gefangene des Feindes ist, muss auf jeden Turmusianer jedenfalls eine bedrückende, wenn nicht gar zermürbende moralische Wirkung haben. Diese Effekte hat man sich in der (irdischen) Geschichte wiederholt zunutze gemacht.
    4) Würde Lurius Amira tatsächlich dazu bewegen können, den Eid auf den Heimstein von Cos zu leisten, wäre der unter 3) geschilderte Effekt noch um ein Vielfaches größer, denn die Botschaft wäre: „Seht her, Turmusianer (und sonstige Feinde von Cos): Eure Anführer haben sich von Euch abgekehrt und gehören nun zu den Unseren, womit sie den cosischen Sieg absolut und perfekt gemacht haben. Weiterer Widerstand ist zwecklos!“ (oder, um es knüppelhart und in Adaption der Borg-Philosophie darzustellen: „We are Cos. You will be assimilated. Resistance is futile.“)
    5) Das Szenario bzgl. Helena, das Lurius Amira schildert, ist ein weiterer Versuch, die unter 1) geschilderte Chance zu nutzen. Lurius weiß, dass Amira schon eine Tochter auf schändlichste Weise verloren hat und einiges dafür spricht, dass sie dies nicht ein weiteres Mal erleben möchte. Nicht nur, weil sie Helena dies erparen möchte, sondern auch (evtl. sogar vor allem!), weil sie ihrem Haus und ihrem Heimstein diese Schande nicht nochmals zumuten kann.
    Was die Sache mit den Silbermünzen für Helenas öffentliche Schändung anbelangt, bin ich wie Nea der Ansicht, dass so ein „Schmankerl“ die Demütigung perfekt machen würde.

    Entscheidend bei alledem ist meines Erachtens: Amira muss am Leben und in Gefangenschaft bleiben, damit sie von Wert für Lurius ist; tot oder auch „nur“ versklavt ist sie wertlos. Zudem sollte möglichst weithin bekannt sein, dass Amira eine Gefangene von Cos ist, um die dargestellten Wirkungen zu erzielen.

    Soweit meine umfassende Einschätzung zur derzeitigen Lage. Zu den geplanten Gegenmaßnahmen und den Optionen aus Sicht der „goog guys“ äußere ich mich hier natürlich nicht 😉
    Abschließend sei der „cosischen Borg-Prämisse“ ein energisches „Del-ka-Sternenflotten“-Zitat entgegengeworfen: „Now this is how I prefer the Borg: in pieces.“ (Captain Kathryn Janeway, Dark Frontier, part I.)

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