Not all those who wander are lost.*

Von weit weg hört Amira eine Stimme. Eine weibliche Stimme. Sie läuft aus der Dunkelheit heraus auf die Stimme zu. Ein Zittern der Wimpern. Schmerzen. Schmerzen bei jedem Atemzug. Eine Bewegung der Finger. So schwer, so unendlich schwer die Augenlider.

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„Lady Amira, das ist doch euer Name oder? Was macht ihr denn für Dummheiten?“ Die Stimme ist leise und sanft und Amira spürt die Berührungen an ihrem Arm. Noch ein Versuch die Augen zu öffnen und die Quelle dieser Stimme zu erkennen. Kein Helios. Kein Trajanos. Keine Wache. Eine Frau. Mit verschwommenem Blick nimmt sie langes rotes Haar wahr, das einen schönen Kontrast zu dem dunklen Grün der Robe bildet. Bilder an der Wand. Der Raum ist angenehm warm. Sie liegt weich, den Oberkörper leicht erhöht. Ein Kissen unter ihrem Kopf.

Dann hört sie Männerstimmen von draußen und schließt die Augen wieder. Die Heilerin streicht noch einmal über ihren Arm und geht dann um den dicken Vorhang zu schließen. „Die Gefangene ist noch nicht wieder bei Bewusstsein. Richtet das dem Kommandanten aus.“

Eine Lüge? Amira versucht ihre Benommenheit abzuschütteln.

Doch alles was sie hervorbringen kann klingt wie ein tonloses Krächzen. „Ich wünschte ich wäre tot.“

„Ich bin Lady Cäcilia, die Heilerin, Lady Amira. Was für ein törichter Wunsch, es gibt doch immer einen Weg.“

Amira schüttelt den Kopf und spürt den Schmerz von innen und von außen, der sich anfühlt, als säße ein viel zu enger Kragen um ihren Hals. Sicher hat die Frau recht. Im Normalfall gibt es immer einen Weg, nämlich den in die Aufgabe des eigenen Willens hinein in die Sklaverei. Aber das ist kein Weg für Amira. Sie kennt ihn bereits. Für sie gibt es keinen Weg, wenn er nicht ein Weg für und mit Cato ist. Vor allen Dingen geht sie keinen Weg, der sie zur Verräterin macht.

Stimmlos ihr Flüstern. „Nicht für mich, Heilerin. Es wäre ein Weg, der Unrecht wäre. Ihr seid Cosianerin. Ihr würdet die euren und euren Heimstein mit ebensolcher Vehemenz verteidigen wie ich.“

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Cäcilia schaut zum Vorhang und beugt sich verschwörerisch zu Amira vor um ihr den Hals von außen mit einer Salbe zu bestreichen, dann flüstert sie „Ihr seid aus Turmus, nicht wahr? Nun, ich bin aus Ar. Unser Heimstein liegt hier, verpottet und beschmutzt, eine cosianische Trophäe. Ich weiß…was ihr fühlt, Lady Amira. Euer Feind ist auch mein Feind.“

Amira schweigt einen Moment. Sie hat Angst jemandem zu trauen. Vielleicht nur eine widerliche List von Lurius. Eine Spionin aus Ar direkt in der Heilerei von Selnar? Wieder nimmt die Benommenheit zu. Sie muss nachdenken. Nachdenken ob sie der Frau trauen kann.

„Wenn sie euch zurück in die Zelle bringen, werden sie euch fesseln, Lady Amira. Ihr habt nicht klug gehandelt! Ein paar Tage kann ich vielleicht für euch rausschlagen.“ Sie deutet auf das Krankenbett am anderen Ende des Raumes.

Amira nickt. „Ich stehe in eurer Schuld, Heilerin.“

Cäcilia schüttelt den Kopf. „Ich tue nur, was eine Heilerin tut. Und nun versucht etwas zu trinken“. Sie hält einen Becher an Amiras Lippen. Die warme Flüssigkeit ist angenehm im trockenen Mund, aber mit dem Schlucken scheint sie scharfkantige Scherben verschlingen zu müssen, so schmerzhaft fühlt es sich an. „Viele von uns wurden in Turmus aufgenommen und konnten dort für lange Zeit sicher vor Cos leben, Amira. Das vergessen wir euch und eurem Gefährten nicht. Wenn jemand kommt, Lady Amira, stellt ihr euch schlafend. Habt ihr verstanden? Später sehen wir, ob Ihr etwas essen könnt.“

Amira verbiegt die Mundwinkel zu einer Art Lächeln. Nur nicht den Kopf bewegen.

„Ich werde eurem Wunsch gern folgen, Heilerin.“

Das Flüstern der Frauen geht unter in dem Gespräch der Wachen von der Heilerei. Der Kommandant sei außer sich vor Wut, hört Amira. Unaufmerksame Wachen sollen als Gladiatoren in die Arena geschickt werden. Schließlich versinkt sie zurück in die Erschöpfung, während die Flecken an ihrem Hals langsam eine purpurne Farbe annehmen.

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*J.R.R. Tolkien, The Fellowship of the Ring

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Comments
4 Responses to “Not all those who wander are lost.*”
  1. Lurius con Jad sagt:

    „The Ubar is not as forgiving as I am.“

    Ich glaube, es haben noch nie so viele Cosianer, insbesondere Rarii, bei den Priesterkönigen für Amiras Wohlergehen gebetet.

  2. Und von mir bekommt amira einen auf den hintern *grummelt leise vor sich her*

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