From my rotting body, flowers shall grow and I am in them and that is eternity.*

Amira zog den letzten Strich knirschend. Stein auf Stein. Da war nichts um sie außer Stein seit Tagen. Zuletzte hatte der Schlaf ihr seinen Dienst verweigert und sie lag wach, Ahn um Ahn. Alle Sinne aufs Äußerste gespannt um kein Geräusch von oben zu versäumen. Ihr Geist hangelte sich von einer Essensgabe zur nächsten, die zugleich ihr persönliches Ereignis des Tages darstellte. Von Cara, der Kajira hatte sie nichts mehr gehört, seit sie ihr den Siegelring und die Botschaft mitgegeben hatte. Sie befürchtete das Schlimmste. In diesem schmerzhaften Zustand des Wachens und des erzwungenen Dahinvegetierens ließ man sie allein. Ihr Geist war weit und offen, bis auch er schließlich seinen Dienst versagte und ihr Wille zu schwinden begann. Sie begann mit sich selbst zu sprechen, ritzte Zeichnungen in den Steinboden. Versuchte sich an Gedichte und Lieder zu erinnern um nicht die Konrolle zu verlieren. Ihr Wille rann durch ihre Finger wie Sand, den sie festzuhalten versuchte und schließlich, schließlich legte sie die Finger um die selbstgeknüpfte Schlinge, geflochten aus den Streifen ihres Reiseumhanges.

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Sie drehte den Eimer für ihre Notdurft um und stieg darauf. Schon jetzt zitterte sie am ganzen Leib, als ihre Finger das Ende des Strickes an einer der Leitersprossen festknüpften. Dann legte sie sich die Schlinge um den Hals und versuchte sie so eng wie möglich um ihren Nacken zu ziehen. Sie hatte keine Ahnung wie so eine Schlingen aussehen musste, aber nach den langen Tagen des Sichselbstüberlassenseins hatte sie viele Varianten probiert und diese am sinnvollsten gefunden.

So stand sie nun eine ganze Weile und starrte auf die steinerne Wand. Immer enger kam ihr die Zelle vor und immer dunkler. Eigentlich, flüsterte es in ihr, bist du längst tot, Amira. Was kannst du noch tun ohne zur Verräterin zu werden? Was kannst du noch tun mit dem Willen, der dir geblieben ist? Sie konnte sich ihnen entziehen, ihnen und ihren Machenschaften, in denen sie ein Spielstein war auf einem Kaissabrett. Mit ihrem Stein würde sie ihnen nehmen, was sie wollten: Den Köder. Ausgelegt für Cato. Die Chance auf Informationen. Die Chance auf die Erbeutung des turmischen Heimsteines.

Und dann flüsterte die Stimme weiter. „Nichts weiter als das kannst du tun, Amira. Zeig ihnen, dass der Wille einer freien Frau aus Turmus unbesiegbar ist.“ Sie schüttelte den Kopf. Die Angst vor dem Tod war so unermesslich groß, vielleicht noch größer als die Angst vor dem, was kommen mochte. Sie dachte an Cato. Sie dachte lange an Cato. Doch dann geschah das Unvorhersehbare.

Oben öffnete sich mit einem kreischenden Geräusch die Gittertür und Amira schrak zusammen, verlor das Gleichgewicht und der Eimer unter ihr rollte polternd zur Seite über den Steinboden. Sie fühlte den Sturz und dann nur einen kräftigen Ruck an ihrem Hals, der für den Moment solch eine Enge auslöste, dass sie glaubte ihre Augen würden aus dem Kopf heraus springen. Dann kam die stille und fühllose Dunkelheit.

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Sie nahm weder die Schritte wahr, die die Leiter hinunterkamen, noch das zornige Brüllen, das einsetzte. Und auch nicht den Sturz auf den Boden, als ein scharfer Dolch das vom Körpergewicht gespannte Flechtwerk durchtrennte.

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*Edvard Munch

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Comments
2 Responses to “From my rotting body, flowers shall grow and I am in them and that is eternity.*”
  1. Mithrandriel sagt:

    Ein sehr schönes Zitat von Munch. Gleichnisse dieser Art, die den Tod und das, was uns danach erwarten mag, beschreiben, sind beklemmend und tröstlich zugleich. Hierzu kann man sicher auch Annie Lennox‘ „Into The West“ zählen:

    And all will turn
    To silver glass
    A light on the water
    All souls pass

    IC bleibt zu hoffen, dass aus Amiras Leib die Blumen noch nicht wachsen – nicht mal Jasmin 😉

    • neanarstrom sagt:

      Na sie wurde recht schnell vom Strick geschnitten, falls sie sich nicht perfekt das Genick gebrochen hat, hat sie gute Überlebenschancen. Ich hoffe ich komme später dazu, die Fortsetzung einzustellen.

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