Winter is coming

Immer wieder versank sie mit ihren zu großen Stiefeln im Schnee. Cato hatte ganz offensichtlich nicht damit gerechnet, dass bereits Schnee liegen würde und legte ein gutes Tempo vor um nicht zu unterkühlen. Sein dünner Umhang war nicht ganz geeignet um die eisigen Temperaturen des Nordens abzuhalten. Greta dagegen hatte klugerweise ein Loch in eine Decke geschnitten und den Kopf hindurchgebracht. So in Wolle gehüllt, stapfte sie hinter ihrem Herrn her. Auf ihrem Rücken trug sie den Stein, in ein schwarzes Tuch gehüllt, verborgen in ihrem Bündel und unter dem Proviant, der nun fast aufgebraucht war. Hinter ihnen blieb eine lange Linie von Fußspuren im Schnee zurück, die von zwei einsamen Wanderern kündete. Einem Mann und einem Mädchen oder einer Frau. Aber bald schon würden Schnee und Wind ihre Spuren wieder zugedeckt haben.

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Schließlich glaubte Cato, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Seine Karte, mit kälteroten Händen gehalten, gab die vor ihnen liegende Brücke als den Zugang zum Dorf Fjoelnir aus. Dumm nur, dass die Brücke heraufgezogen war und ein Sprung ins eisige Wasser ganz sicher den Erfrierungstod bedeutet hätte. Hinter ihnen tauchte eine Fremde auf, die offenbar auch den Weg in die Siedlung suchte. Dann machte Greta eine Glocke aus und mit ein paar kleinen Sprüngen gelang es ihr auch diese zu läuten. Lange Zeit geschah erstmal nichts. Nur ein paar schwarze Vögel stoben auf und zogen einen halbherzigen Kreis über die schneebedeckten Weiten der umliegenden Wälder. Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit und dem Hinweis ihres Herrn, dass im Norden eben alles in seiner ganz eigenen Geschwindigkeit vonstatten ging, senkte sich die Brücke vor ihren Augen herab und ein Mann kam auf sie zu. Greta starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Er war fast genausogroß wie die Brückenpfeiler und so breit wie ein Boskbulle und er trug sein Haar lang und er trug einen Bart, wenn auch einen ziemlich kurzen, der ihm eben nicht bis über die Brustwarzen runter hing. Unverkennbar ein Mann des Nordens.

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Cato lüftete die Kapuze ein Stück und gab sich zu erkennen. Greta starrte zwischen den beiden hin und her. Ob hier wirklich Hilfe zu erwarten war? Es war die Rede von einem Angebot und der Nordmann winkte die Gäste mit sich. Greta folgte den langen Schritten der Männer eilig über die Brücke und warf einen Blick in das eiskalte Wasser. Noch war es nicht gefroren, aber das würde wohl nur noch eine Frage der Zeit sein.

Duncan, so hieß der Nordmann, führte sie einen steilen Hang hinauf, an dessen rechter Seite es so tief hinunter ging, dass Greta sich ganz nach links drückte und mit zitternden Händen auf jeden ihrer Schritte achtete. Doch als es ein Stück Hang steil bergab ging, rutschte sie aus und sauste auf ihrem Hintern samt Rucksack auf dem Rücken die Böschung hinunter bis eine der schneebedeckten Tannen sie ausbremste. Cato warf ihr einen warnenden Blick zu und dann folgte er Duncan über eine schmale wacklige Brücke, die über den tiefsten Abgrund führte, den Greta je in ihrem Leben gesehen hatte, hinein in das behagliche Innere eines Hauses.

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Ihr Herr kam nun schnell zur Sache. In der Schutz bietenden Verschwiegenheit von Duncans Heim, trank er einen kräftigen Schluck wärmenden Paga und hieß sie, den Rucksack zu öffnen. Er berichtete vom Verschwinden seiner Gefährtin, von seiner Angst sie könne in Cos gelandet sein und von seinem Plan. Und deswegen, eröffnete er Duncan, sei er hier um das Angebot anzunehmen, dass er ihm vor einiger Zeit in Port Kar gemacht hatte. Greta fummelte die Kordel des Bündels auf und er griff ohne zu zögern hinein, legte den Stein mit Ehrfurcht im Blick auf den Tisch und öffnete vorsichtig die Enden des schwarzen Tuches, in dem er geschützt und verborgen gelegen hatte.

Duncan hörte ihm zu und musterte ihn mit einem Blick, in dem Greta etwas las, das sie zutiefst beunruhigte. Der Nordmann sah ihren Hern an, als würde er ihn das letzte Mal zu Gesicht bekommen. Sie öffnete ihre Lippen und schloss sie dann wieder. Sie konnte ihren Herr nicht von seinem Plan abbringen. Er würde tun, was er glaubte tun zu müssen und wenn es ihn sein Leben kostete. Aber dann geschah das Unfassbare. Die Worte brauchten einen Moment um sich in ihrer Konsequenz zu entfalten, aber dann begriff Greta.

„Das Mädchen lasse ich hier. Sie würde mich nur verraten, Duncan. Ich muss allein gehen.“

Greta stieß einen Laut des Entsetzens aus und schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. Duncan bedachte sie mit einem kurzen Seitenblick und nickte. „Sie bleibt in meiner Obhut.“ Cato legte die Hand auf Gretas Kopf und in seinen Augen las sie etwas wie Bedauern. „Sie hat immer gut gedient, Duncan. Aber sie hat ein loses Mundwerk und würde mich nur behindern dort, wo ich hingehe.“

Greta stürzten die Tränen aus den Augen. Fast 100 Märkte lang hatte sie die Familie begleitet. Sie hatte Catos Kinder genährt mit ihren Brüsten. Zuerst den kleinen Laertes. Dann die Mädchen. Und zum Schluss Scipio. Sie hatte Kinder geboren, die ihr genommen und verkauft worden waren. Sie wusste, dass sie nur eine Sklavin war. Sklaven konnten jederzeit verkauft werden, aber sie fühlte sich als hätte man ihr mit einer Keule an den Hinterkopf geschlagen. In diesem Moment empfand sie zum ersten Mal eine leisen Anflug von Wut. Er ging fort um die Herrin zu suchen. Und Greta ließ er zurück mitten in Schnee und Eis und unter Männer wie Bäume mit verfilzten Bärten.

Greta klammerte sich an Catos Bein und drückte ihren Kopf an sein Knie. Ein verzweifelter letzter Versuch, der zum Scheitern verurteilt war. Duncan nahm den Stein und versteckte ihn. „Er wird an einen anderen Platz kommen, aber dazu brauche ich Ruhe im Dorf. Niemand soll davon wissen, mein Freund.“ Cato schob Greta sanft von sich und strich ihr ein letzes Mal übers Haar. „Diene mit dem Herzen und mit dem Verstand, Greta und mach mich weiterhin stolz.“

Dann ging er zur Tür hinaus. Allein in die Kälte und im Herzen einen Plan mit vielen Unbekannten.

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Greta kroch unter den Tisch und versuchte sich zu verbergen. Duncan rief sie hervor. „Noch ist die Thassa nicht zugefroren, Kleines. Ein Met, aber HARTA!“ Sie folgte dem Ruf und reichte ihm das Gewünschte von unten herauf, dass es fast an seine Nase stieß. Dann erklärte er ein paar wesentliche Dinge, die für ihr Überleben als Sklavin im Norden wichtig waren. Und erst dann und als sein Met leer war, nahm er sie mit in die Longhall, wo sie sich nützlich machen sollte.

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Das Feuer schien mitten im Fußboden zu brennen und beleuchtete die Halle mit flackerndem, warmen Licht. Zwei Frauen und der Schmied waren anwesend und warfen Greta lange Blick zu, weil sie Kleidung trug und auch mit ihren Haar schien etwas nicht zu stimmen. Aber niemand wagte Duncan zu widersprechen, der erklärte, dass sie sich noch eingewöhnen musste. Wie ein aufgescheuchtes Vulo umrundete Greta ein ums andere Mal den großen Tisch und servierte, wie man es ihr erklärt hatte, während Duncan auf einem der drei Stühle Platz nahmen, die wie Boskbullen Hörner an den Seiten trugen. Mein Jarl, sollte sie ihn nennen. Und als solcher winkte er sie nun heran und orderte ein warm serviertes Met.

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Sie klettete auf seinen Schoß und führte das Horn an seine Lippen. Nachdem er sich verschluckt und zornig gefragt hatte, ob sie ihn ertränken wollte, nahm sie das Horn wieder runter und drückte sich besänftigend an ihn. „Nein, mein Jarl. Ich dachte einfach, ein so großer Kerl wie du kann von allem etwas mehr vertragen!“ Er brummte und zog sie an sich. Während er sich mit den Anwesenden unterhielt, führte Greta ihm immer wieder das Horn an die Lippen, damit er kleine Schlucke nehmen konnte. Und schließlich schien er ihr das kleine Missgeschick wieder verziehen zu haben.

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Sein kräftiger Herzschlag, die Wärme und das Prasseln des Feuers ließen Greta schließlich schläfrig werden. Und bevor ihr das Horn aus den Fingern gleiten konnte, griff er es sich um es zu leeren und es hinter sich zu werfen. Als er sie vom Schoß schob und sie mit sich winkte, torkelte sie schlaftrunken hinter ihm her. Dort, in seinem Haus, rollte sie sich auf einem Fell zusammen und schlief ein.

Bald würde der Winter kommen und die Flüsse und die Thassa mit Eis bedecken und unpassierbar machen. Greta war im Norden und es sah nicht so aus, als würde sie bald wieder abgeholt werden.

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