Fear has many eyes and can see things underground.*

Ausgerechnet als Amira sich über den Wassereimer beugte, nur mit ihrem Unterrock bekleidet, hörte sie oben Schritte und das unverwechselbar Kreischen der Scharniere. „Einen Augenblick!“ rief sie entsetzt und zerrte die Robe vor ihre Blöße, während sie mit der anderen Hand nach dem Schleier tastete. Doch zu spät, schon rumpelten die schweren Stiefeltritte die Leiter herunter und sie spürte Helios hinter sich.

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Der Anblick schien ihn zu amüsieren, jedenfalls hörte sie es am Klang seiner Stimme und auch in seinen Augen las sie es, als er nach ihrem Kinn griff. „Ich hole euch zum Baden, Lady Amira. Aber offenbar konntet ihr es gar nicht abwarten. Oder wolltet ihr mich verführen?“ Mit fahrigen Handgriffen legte sie den Schleier an und versuchte ihn mit fester Stimme dazu zu bewegen, dass er oben wartete, während sie die widerlich schmutzige Robe wieder anlegte.

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Kopfschüttelnd stapfte er die Leiter hoch und ließ sie gewähren. Es dauerte nur einen kurzen Moment, zu sehr sehnte sie sich nach warmem Wasser und Seife und einer sauberen Robe. Ihr Haar fühlte sich klebrig an und sie roch sich selbst, ein Zustand, den sie nur schwer erträglich fand. Er schob sie vor sich her, neben dem Turm der Krieger gleich rechts den Pfad hinunter, der an den schweren Mauern dessen entlang führte, was Amira für die Stadtmauer hielt. Dort in einer Nische verborgen fand sich der Eingang zum Badehaus von Selnar.

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Helios schien heute ungeduldiger und aufgebrachter als gewöhnlich. Amira hatte keine rechte Vorstellung woher diese Wandlung rührte, aber als sie ihn aufforderte draußen zu warten, verlor er die Geduld und zerrte sie vollbekleidet und ohne Rücksicht auf seine Stiefel und seine Tunika, ins Wasserbecken. „Was glaubt ihr kann euch wegstarren, was ich nicht schon tausendmal bei schöneren und jüngeren Frauen gesehen hätte? Ihr seid eine Gefangene. Noch frei, noch lebendig. Ihr habt keine Forderungen zu stellen! Also wenn ihr Angst vor meinen Blick habt, so badet eben bekleidet!“

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Amira glitt unter Wasser, die Robe saugte sich rasch voll und hing schwer wie ein unförmiger Klumpen um ihren Leib, während der Schleier sich durchsichtig und nutzlos an ihre Gesichtszüge heftete. Zornig blickte sie Helios an, der sich mit schnellen Schritten auf sie zubewegte und dann seine Lippen nah an die ihren brachte. „Ich hätte auf der Reise jede Möglichkeit gehabt euch zu schänden, Lady Amira. Was fürchtet ihr eigentlich?“ Dann küsste er sie, unverfroren, mit einer Selbstverständlichkeit, die Amiras letzte Kraftreserven mobilisierte. Reflexartig verbiss sie sich in seiner Lippe. Helios packte sie hart im Genickt und zwang sie so ihre Zähne aus seinem Fleisch zu lösen. Blut rann über sein Kinn und sie schmeckte das Blut in ihrem Mund, winselnd vor Schmerz wand sie sich unter seinem Griff. Mit der freien Hand riss er ihr die Robe von den Brüsten und ließ sie dann los. „Ich werde den Raum nicht verlassen. Badet. Und eure Augen, Lady Amira. Eure Augen werden euch immer verraten. Ich weiß nicht, ob ihr euch mehr davor fürchtet, dass ich euch nehme oder ob ihr euch davor fürchtet, dass es euch gefallen könnte!“

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Amira streifte die zerrissene Robe ab bevor sie ihm davonschamm, ans andere Ende des Wasserbeckens. „Die guten Sitten verbieten mir euch eine ehrliche Antwort zu geben, Rarius!“ rief sie über die Schulter und griff sich dann vom Beckenrand etwas Seife und einen Schwamm.  Sieg und Niederlage zugleich. Sie hatte ihn abwehren können. Aber zugleich zwang er sie vor ihm zu baden, wenn sie baden wollte. Nachdenklich begann sie sich einzuseifen, das Unterkleid zumindest behielt sie am Leib. Da er von ihr verlangte, dass sie entweder singen oder etwas erzählen sollte, führte sie die Geschichte fort, die von ihrer Flucht aus Lydius, als scheinbar freie Frau.

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Als sie geendet hatte und das Haar gewaschen und duftend über ihre Schultern floss, kehrte sie zum Eingang des Badehauses zurück. Er sah sie an und deutete auf die Liege. „Eine saubere Robe, Lady Amira. Direkt aus eurem Reisegepäck. Ich frage mich grade, ob Trajanos schon von seiner Reise zurück ist. Ich bin sicher er ist ganz versessen darauf, ein wenig Zeit mit euch zu verbringen.“

Sein Satz verfehlte seine Wirkung nicht. Angst schoss durch ihren Leib und sie hielt beim Ankleiden kurz inne um mit zittriger Stimme zu fragen: „Trajanos ist in Selnar? Er ist hier?!“ Helios schmunzelte und schwieg. Er deutete wieder auf die Robe und führte sie dann, nachdem sie wieder bekleidet war, zurück in ihre Zelle.

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Auf halbem Weg dorthin, nachdem sie die ersten Treppe im Turm der Krieger genommen hatten, stießen sie auf einen dunkelhäutigen Krieger. Amira prallte gegen ihn und tat dann schnell ein paar Schritte rückwärts, den Blick verängstigt gesenkt haltend. Sie entnahm dem Gespräch den Namen des Mannes, Lucius. Und Lucius machte keinen Hehl daraus, was er mit der Gefangenen gern anstellen würde. Amiras Rückgrat spielte dabei eine nennenswerte Rolle, er wollte es brechen, aber erst nachdem sie durch allerhand Kriegerhände gewandert war. Lucius hatte eine Menge Kameraden verloren im Krieg um den Kanal und in Turmus. Sein Hass floss durch den Raum und ergoss sich über Amira wie eine Schicht heißes klebriges Pech.

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„Noch aber“, bremste Helios seinen Kameraden aus, „noch aber hat der Uber angewiesen sie weder zu schänden noch zu töten.“ Amira begann zu zittern und versuchte noch ein paar Schritte zurückzuweichen, als der wütende Krieger nach ihr packen wollte. Die Geste erstarb vor der Vollendung, als er den Einwand von Helios registrierte. Es war wie Helios gesagt hatte. Jeder der cosischen Krieger wollte sie in seine Finger bekommen. Jeder einzelne wollte sie leiden, weinen und sterben sehen. Amiras Knie wurden weich. Sie war kein Kind mehr. Sie hatte nichts anderes erwartet, aber die Wucht der geballten Aggression traf sie wie ein Schlag in ihre Magengrube. Fast dankbar ließ sie sich von Helios über die Brücke schieben, hinein in den Turm, der ihr Gefängnis und Sicherheit zugleich war.

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Noch war ihre Pein aber nicht vorüber. Helios drang in sie, ihren sichtlichen Moment der Schwäche auskostend, und forderte sie auf zu sprechen. Ihm zu sagen, wo der Heimstein von Turmus sich befand. Sie schüttelte den Kopf. „Selbst wenn ich es wüsste, Rarius. Mein Gefährte ist kein Narr. Er wird Vorkehrungen getroffen haben, sobald ich vermisst wurde!“ Helios trat näher und öffnete die Handfläche um ihr etwas zu zeigen. „Bleibt ihr dabei, wenn wir die kleine Helena nach Cos holen, Lady Amira? Wenn ich sie den Kriegern überlasse, die euch auf Anweisung des Ubars verschonen müssen? Nun, die Anweisung umfasste nicht die kleine Helena. Man sagt Lucius hat einen Schwanz so dick wie euer Unterarm. Und Aris, nun Aris hat schon einige junge Dinger verschlissen.“

Sie starrte auf die kleine goldene Kette mit dem Seekaiila-Anhänger daran, dann begann sie zu flehen. „Tut das nicht, Rarius. Sie hat niemandem etwas getan. Tut das nicht, das ist kein Akt, auf dem Ehre liegt!“ Helios lachte. „Ihr tut das, Lady Amira. Wenn ihr weiter schweigt, seid ihr dafür verantwortlich was mit der kleinen Helena geschieht!“

Sie schüttelte den Kopf mit tränennassen Augen. „Der Heimstein, Rarius, er muss auch über unseren persönlichen Herzensangelegenheiten stehen. Meine Tochter hat sich freiwillig aus der Sicherheit begeben. So wie ich dumm genug war euch zu folgen. Wir werden beide…. mit den Konsequenzen unseres Tuns leben müssen. Aber ich werde nicht zur Verräterin!“

Er drehte sich um und ging Richtung Leiter davon. „Es ist Eure Entscheidung.“

Amira warf sich auf die Pritsche und ließ ihren Tränen freien Lauf. Ihre Entscheidung! Eine Entscheidung, die sich so schwer auf ihre Schultern warf, das sie kaum noch atmen konnte. Sie fügte den Strichen an der Wand noch einen weiteren hinzu. Tag zehn ihrer Gefangenschaft in den Kerkern von Cos.  Sie ahnte nicht, dass sie noch an diesem Tag ihrem schlimmsten Alptraum Auge in Auge gegenüber stehen würde.

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*Miguel de Cervantes

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  1. […] noch. Ich schob mürrisch den Riegel der Kenneltür zur Seite und stampfte die Leiter hinunter.  Ich blickte mich um als ein Aufschrei ertönte. Dann musste ich schmunzeln. Sie saß zusammengekauert in einer Ecke. Mit den Händen versuchte sie […]



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