The breaking of a wave cannot explain the whole sea.*

Amira schloss die Augen und löste die Finger von dem kleinen Stein, mit dem sie neun Striche in den Stein geritzt hatte. Neun Tage und Nächte hatte die Kajira geschätzt. Dazwischen wurde die schmerzende Unendlichkeit der Zeit durchbrochen von dem Geräusch der eisernen Falltür, das erklang, wenn eines der Mädchen frisches Wasser und Brot und manchmal auch Suppe und etwas Obst brachte. Und natürlich vom dem Besuch bei Lurius, seit dem Amira sich mehr und mehr vorkam wie ein vor sich hinvegetierendes Tier oder es zumindest versuchte. Denn Tiere empfanden weder Schuld noch Reue.

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Sie hörte die Thassa in der Ferne und beschwor das Bild vor ihren Augen wieder herauf, das sich ihr heute – eine großherzige Geste von Helios – geboten hatte.

Er hatte ihr für eine Ahn gestattet den Kerker zu verlassen. Wie schwach sie doch geworden war! Ihre Beine hatten sie kaum die Sprossen der Leiter hinaufgetragen und oben angekommen, hatten ihr alle Glieder gezittert, als er sie über die Brücke aus dem Gefangenenturm hinausführte. Hier draußen, im Angesicht der tobenden reinen Schönheit der Wellen, die sich mit nicht enden wollender Kraft an den Fels der Insel warfen, fühlte sie all den Schmutz, der an ihr und ihrer Robe wohl haften mochte. Sie begann zu verwahrlosen und konnte wenig dagegen tun außer einer kurzen Wäsche der notwendigsten Körperteile mit Hilfe ihrer Hände und dem Wasser in einem der Eimer.

Sie hatte Helios Blick auf ihr gespürt und das Mädchen angesehen. Cara nannte er sie  und sie stand hinter ihm auf der Brücke, eine Lichtgestalt mit Haar wie Weizen und den Strahlen von Lar-Torvis, so sauber, wohlduftend und gepflegt, wie Amira es eben nicht mehr war. Sie hatte versprochen ihren Herrn um ein Bad für Amira zu bitten. Aber mehr als das hatte das Mädchen getan. Heute war sie mit einem Korb mit Brot und Suppe zu ihr gekommen und hatte ihr plötzlich Tinte, Feder und ein winziges Stück Pergament offenbart, versteckt unter dem Rebtuch, das Tintenfässchen eingebacken im Brot. Ein Seemann könnte eine Nachricht nach Port Kar bringen, hatte Cara geflüstert und ob Amira denn etwas von Wert besäße, das sie dem Mann als Bezahlung anbieten könne.

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Amira hatte auf das Pergament gestarrt. Ungläubig wie eine Ertrinkende, die seit Tagen im offenen Wasser treibt und nun glaubt in der Ferne eine Insel zu erkennen. „Wer weiß davon, Kajira?“, hatte sie heiser geflüstert, während sie ihre Finger bereits nach der raschelnden Kostbarkeit ausstreckte. „Niemand, Herrin. Ich wünschte jemand würde in solch einer Situation das gleiche für mich tun. Deshalb tue ich es und bringe mich damit in Gefahr. Euer Gefährte, Herrin, war in Turmus sehr freundlich zu meiner Schwester und mir. Ein großer Mann und ein guter Administrator!“ Amira hatte Cara nur kurz ins Gesicht gesehen und dann genickt. „Ich werde meinen Siegelring nicht mehr brauchen, ich hoffe er taugt als Zahlmittel für den Mann!“

Beides war nun in Händen von Cara. Der Siegelring ihrer Familie, mit den beiden verschlungenen Del-ka, die den Wahlspruch von Generation zu Generation weitergegeben hatten. Und die Nachricht an Cato, adressiert an Kapitän Caprus, ehrenwertes Mitglied des Kapitänsrates. Sie hatte zuerst an Gilian gedacht, aber die Angst davor, die Nachricht könne in falsche Hände geraten und den Adressaten in Gefahr bringen, war zu groß. Sie wollte Gilian nicht in Gefahr bringen, vor allem aber auch Cato und Laertes nicht. Deshalb musste sie darauf hoffen, dass Caprus die Nachricht an Cato weiterleitete. Und wenn Cato bereits aus Port Kar geflohen und Laertes und den Heimstein in Sicherheit gebracht hatte, von Gilian alarmiert, umso besser! Sie hoffte nicht auf Rettung. Sie befand sich in der Höhle des Larls. Nein, man konnte es nicht anders sagen, sie spürte bereits den stinkenden Atem des Larls auf ihrer Haut und es war nur noch eine Frage der Zeit, wann die Zähne sich in ihr Fleisch graben und sie ausweiden würden. Dennoch hoffte ein Teil von ihr darauf, dass ihre Worte Cato erreichen würden. Ein letzter Kuss, verschickt über die Thassa.

Cara schien ein kluges Mädchen zu sein, die ihre Reize auszuspielen wusste. Mit Raffinesse ging sie vor und bat Helios in seiner Großzügigkeit tatsächlich um ein Bad für Amira. Er hatte gelacht und Amira aufgefordert sich das Bad zu verdienen. Unten auf der Wiese waren sie gewesen, wo er ihr in etwa soviel Auslauf gegönnt hatte wie einem angepflockten Verr. Immerzu hatten seine Augen wachsam auf ihr gelegen und waren ihr bei jedem Schritt gefolgt. Amira war auf der Hut. Sie wollte das Bad, aber sie wollte nichts tun, das den Heimstein in Gefahr brachte, schließlich stimmte sie zu. Helios trieb die Neugier über die Worte seines Ubars und er wollte hören, warum Amira bereits in Lydius zur Verräterin geworden war.

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Diesen Preis war sie zu zahlen bereit gewesen. Während Cara sich warm und weich in Helios‘ Arme schmiegte, erzählte die alte Geschichte. Gar con Lydius. Cato. Hochburg. Eine Flucht. Und die Rückkehr als Sklavin. Folter und Verrat. Sie ging auf und ab während sie sprach und genoss das warme Leben um sich herum, unter ihren Füßen. Gras. Das Blöken der Verrs. Mit einer Hand zerrieb sie ein Blatt des Olivenbaumes und sah Helios abwartend an. Besonders die Tatsache, dass sie schwanger geworden war ohne einen Gefährtenschaftsvertrag, schien ihn zu amüsieren.

„Du hast dir dein Bad verdient, Amira von Turmus. Aber wir verschieben es auf morgen, du hast mit deiner Geschichte ohnehin schon die Zeit verlängert, die ich dir zugestehen wollte.“ Er schob Cara von sich und mahnte dann zum Aufbruch. Amira nickte und hob den kleinen Stein auf, bevor sie widerspruchslos den Rückweg zum Gefangenenturm angetreten hatte.

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Über ihr schloss sich das Gitter mit dem Knarren, das Amira mittlerweile so vertraut war. Dann der Riegel. Und Schritte, die sich entfernten. Zurück blieb nichts als das Geräusch der Wellen. Nur eine alte Geschichte, über die Lurius ohnehin schon Bescheid wusste, dachte sie bei sich. Und doch fühlte sie sich noch etwas schmutziger als zuvor. 

Noch einmal öffnete sie kurz die Augen und sah an die Striche, eingeritzt in den Stein. Neun Tage.

*Vladimir Nabokov

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One Response to “The breaking of a wave cannot explain the whole sea.*”
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  1. […] Der Plan schien aufzugehen. Naja wenigstens ein Teil davon. Der erste Teil. Cara, die täglich Amira etwas zu essen brachte, hatte Amira glaubhaft weiß machen können, dass sie in der Lage war ein Schreiben nach Port Kar zu schaffen. Sie hatte sogar einen Preis verlangt und Amira hatte ihr ein dicht beschriebenes Pergament und einen… […]



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