Doubt is a pain too lonely to know that faith is his twin brother.*

Die Thassa. Amiras Erinnerungen flossen zurück bis nach Lydius, unter dessen Stadttoren sie beim ersten Mal nicht in der Robe einer freien Frau, sondern als Sklavin durchgeschritten war. Ihr damaliger Herr war eilig den Hang hinaufgeeilt Richtung Stadt, aber sie hatte gezögert und sich noch einmal umgedreht. Anblicke, die sich auf ewig in den Geist einbrennen. Der Hafen von Lydius war so mächtig, so wunderschön, so mächtig und so erhaben wie die Thassa selbst und von dort oben, von den Stadttoren aus, hatte man den perfekten Blick. Amira glaubte, dass sie später als Freie in diesen Stadt zurückkehrte, weil sie nirgendwo einen schöneren Blick auf die Thassa haben konnte als dort.

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Der Hafen von Port Kar war ganz anders und nun trug sie schon so lange das Gewand einer Freien, dass die Erinnerung an eine Kajira namens Nea fast verblasst war. Aber noch immer bot das Wasser dem Auge den Blick in die Weite. Endlos. Unbezwingbar. Unermesslich. Wie das Leben, das vor ihnen lag. Es konnte lang sein, aber auch kurz. Glücklich oder unglücklich. Vereint mit dem, was man liebte oder getrennt von ihm. Ihre Gedanken waren bei ihren Töchtern. Bei Dionyza, die so nah war und doch so fern. Bei Helena, von der sie nur einen groben Anhaltspunkt erhalten hatte durch Aljas Worte. Port Kar war keine Heimat. Sie fühlte sich fremd hier und bisher hatten sie nichts Nennenswertes im Kampf gegen Cos erreichen können. Mit dem Verschwinden von Helena war ihr noch ein Stück Vertrautheit und Halt genommen worden. Sie hatten keine Mittel nach ihrer Tochter zu suchen und vor allem keine Spur, bis auf die, die zu der Kajira nach Ra-rir führte. Wenn sie doch nur etwas tun könnte!

Die Urt, die unter dem Tritt des schweren Stiefels ihr Leben aushauchte, gab einen schrillen Schmerzensschrei von sich. Amira wandte den Kopf und sah den Mann an, der das Tier zertreten hatte. „Tal Sir. Ihr tötet eine und zehn kommen nach.“

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Der Mann trug sein Haar kurz und die rotbraune Tunika ließ auf einen Krieger schließen. Seine Stimme war höflich, fast eine Spur zu höflich, aber er war offenbar ebenso fremd in der Stadt wie sie selbst. Salrus aus Tabor, so stellte er sich vor. Und dann erzählte er seine Geschichte. Von der Suche nach den beiden Händlerstöchtern aus Lara, die zum Zeitpunkt des cosianischen Angriffs in Turmus gewesen sein sollen. Amira sah ihn nicht an, sie hörte nur seine sonore, dunkle Stimme und die herzerweichenden Worte, während sie auf die Weite der Thassa sah. Suchte in diesen Tagen denn ein jeder irgendwen? Soviel Leid hatten dieses cosische Pack über die Menschen gebracht. Sie tastete an ihre Wange und strich die Träne fort, die sich aus ihrem Augenwinkel gestohlen hatte. Dann wandte sie sich dem Mann zu.

„Wenn ich euch mein Chronometer überlasse, würdet ihr dann auch meine Tochter suchen? Ihr könntes verkaufen, es ist ein Einzelstück aus einer Manufaktur des untergegangenen Ko-ro-ba. Es gehörte schon meinem Großvater.“

Er trat nun näher und fragte: „Ihr habt also ebenfalls eine Tochter verloren, Lady Amira?“ Etwas an seiner Stimme oder an den Dingen, die er sagte, schien nicht mit dem zusammenzupassen, das seine Augen erzählten und erneut spürte Amira diese Kälte im Nacken. Sie erinnerte sich an Aljas Worte. Sie hatte Helena in Gesellschaft eines Kriegers gesehen, dessen Geschichte fragwürdig war. Sie nickt erneut. „Sogar zwei, Sir. Aber es geht um meine Tochter Helena.“

Etwas Merkwürdiges ging vor sich. Sie ahnte, dass der Mann der war, mit dem man Helena gesehen hatte. Die Hoffnung darauf, dass er sie zu Helena schaffen würde, war klein, aber sie war so anziehend wie ein winziges warmes Licht, auf das man zuläuft, wenn man  aus einem langen dunklen Tunnel kommt. Zugleich spürte sie die Gefahr. Sie floss aus seinen Worten wie schwarzer Sirup, in dem man hängenblieb und verendete.

„Aber ihr werdet verstehen ich muss erst herausfinden, ob meine Informanten richtig lagen. Ob die zwei Mädchen aus Lara gemeinsam mit dem Administrator aus Turmus fliehen konnten, Lady Amira. Deshalb bin ich ja in Port Kar. Man sagt….hier seiden sie angekommen…“ Er stand nun dicht bei ihr und sah ihr in die Augen.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Die zwei Mädchen sind ganz sicher nicht mit dem Administrator geflohen. Ich weiß es mit absoluter Sicherheit.“

Eine Art von Triumph flackerte in seinen Augen auf, nur für den Bruchteil einer Ihn, dann sah sie wieder in den Spiegel aus Ehre und Sanftmut, den er vor sich aufgebaut hatte.  „Da könnt ihr ja nur sicher sein, wenn ihr selbst dabei wart, Lady Amira.“

Sie nickte. „Könnt ihr mich zu meiner Tochter bringen, Sir? Dann soll das Chronometer euch gehören.“

„Ihr solltet aber nicht allein reisen. Da sind doch sicher Wachen oder ein Gefährte, der euch begleiten kann, Lady Amira?“

Unwillkürlich glitt ihr Blick über das Arsenal, hinter dessen dicken Mauern sie Cato vermutete. „Oh nein, Sir. Ich bin völlig allein und Wachen kann ich mir keine mehr leisten.“ Cato würde dieser Reise niemals zustimmen, das wusste sie mit absoluter Sicherheit. Er wollten nach Ra-rir um mehr in Erfahrung zu bringen über den mysteriösen Mann, von dem die Kajira gesprochen hatte. Aber sie wollte zu Helena. So schnell wie möglich. Dann fügte sie hinzu: „Wann können wir abreisen? Ich muss noch ein paar Dinge regeln zuvor.“

„Nun, in einer Ahn, Lady. Ich muss noch meine Rechnung in der Herberge begleichen und Schiffspassagen besorgen. Ich sah eure Tochter zuletzt hinter Tancreds Landing. Von dort aus reiste sie allein weiter.“

Amira nickte. „In einer Ahn am Hafen, Sir.“ Dann trat sie den Rückweg an und prallte an der Brücke über den Zentralkanal fast auf Gilian.

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Gilians Blick glitt über Amiras Schulter hinweg auf den Fremden, der um die Ecke kam und in der Herberge verschwand. „Das ist der Kerl, Amira. Die Narbe!“ Sie zeichnete mit den Fingern einen großen Bogen in die Luft.  Amira wandte sich um und sagte dann leise. „Er kann mich zu Helena bringen, Gilian. Was wäre ich für eine Mutter, wenn ich nicht alles versuchen würde?“ Gilian legte die Hand auf ihre Schulter und redete beruhigend auf sie ein. „Sprich mit Cato. Wir müssen mehr über ihn herausfinden.“ Amira zögerte. Zweifel und Hoffnung rangen miteinander, eine ganze Weile lang, dann bat sie: „Gilian. Die Zeit läuft davon. Wenn ich nicht zurückkkehre, wenn ihr keine Nachricht von mir erhaltet, sobald ich auf dem Festland bin, dann bringt den Heimstein weg von hier. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Der Mann treibt sein eigenes Spiel, dann besteht die Hoffnung, dass ich mit Helena zurückkehre. Oder er ist der, vor dem wir alle Angst haben. Dann gibt es nur eines, das wichtig ist, dass ihr den Heimstein fort und euch selbst in Sicherheit bringt. Denn wenn unsere Ängste wahr werden, dann werde ich früher oder später reden, Gilian.“

Gilian zog die Hand zurück von Amiras Schulter und schüttelte den Kopf. „Ich will nicht, dass du gehst. Aber wenn du gehst, sei dir gewiss, werde ich das Notwendige veranlassen.“ Ein Lächeln legte sich über Amiras Blick, ein mattes Aufflackern nur über all der Furcht vor dem Ungewissen. „Sichere Wege, Gilian“. Schon war sie hinfort über die Brücke und eilte heimwärts. Eine Ahn. Sie packte ein paar Dinge zusammen und legte den Brief, den sie neulich in der Nacht geschrieben hatte, oben auf einen Stapel Papiere auf dem Schreibpult. Zuletzt legte sie den Umhang um ihre Schultern und nahm das Chronometer aus ihrer Schatulle. Es gab Dinge im Leben, für die man jeden Preis zahlen würde. Sie warf einen letzten Blick zurück ins Zimmer, strich noch einmal die Felle auf dem Bett glatt und verließ die Insula dann ohne jemandem zu begegnen Richtung Hafen.

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Der Mann mit Namen Salrus kam wenig später hinzu. In Begleitung einer hellblonden Kajira. Immer noch behielt er das sanftmütige Lächeln auf den Lippen, wies das Mädchen an Amiras Gepäck zu tragen und begleitete sie dann bis an den letzten Pier, wo ein kleineres Handelsschiff bereits dabei war, die Leinen zu lösen. Es schien Amira, als seien sie die einzigen Passagiere, die mit diesem Schiff reisen würden, aber das war nicht weiter verwunderlich. Mit einem kleineren Handelsschiff zu reisen, würde vermutlich schneller gehen, bedeutete aber auch den Verzicht auf den Luxus einer geeigneten kleinen Kabine unter Deck. Sie warf noch einen letzten Blick rüber zum Arsenal und spürte wie ihr Herz zu rasen begann als wolle es sie in einem letzten Versuch davon abhalten zu tun, was sie nun tat. Dann ließ sie den Kai hinter sich und ging an Deck.

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Sie bemerkte die Blicke, die Salrus mit den Seeleuten wechselte, aber ihre Konzentration lag auf Port Kar. Ein Zittern ging durch den Schiffsrumpf, als es sich von der Kaimauer löste und das Holz begann mit der Kraft der Wellen zu ringen. Die Ausfahrt aus dem Hafen von Port Kar war eine knifflige Angelegenheit, aber es schien, als sei der Kapitän routiniert darin. Schließlich tauchten sie ein in die Strömung, die das Schiff weiter hinauszog auf die offene Thassa und die Mauern von Port Kar entfernten sich. Amira hob noch eimal den Arm, grüßend, wie man einen Fremden grüßt, weil es sich so gehörte und dann wandte sie den Blick ab und Richtung Thassa und in Richtung Ungewissheit.

Salrus begleitete sie auf das hintere Deck und ließ sich dort nieder. Sie hatte Recht gehabt. Es würde keine Kabinen geben.

„Einen Schluck Kalana, Lady Amira?“, er gab der Kajira einen Wink. Amira schüttelte den Kopf. Sie war wachsam und auf der Hut. Was auch immer dieser Mann vorhatte, sie würde sich nicht dümmer anstellen als notwenig. Er nahm ihre Ablehnung zur Kenntnis und nahm daraufhin selbst einen großen Schluck aus der Bota. Dann trug das Mädchen sie erneut zu ihr hin. Amira blickte das Mädchen an und tastete nach ihrem Schleier. „Wenn du einen Becher hättest, Kajira. Aber so? Ich will nicht unhöflich sein, Rarius. Aber ich kann unmöglich aus einer Bota trinken.“

Salrus lächelte und dann verlor sich die Freundlichkeit aus seinen Augen als hätte jemand einen Vorhang aufgeschoben.

„Ihr verpasst etwas, Lady Amira. Es ist der Beste. Er kommt direkt von den Hängen in Telnus.“

Amira schwieg einen langen Moment. In ihrem Kopf hatte sich ein Sturm erhoben, wirbelte die Informationen durcheinander und ließ sie tanzen in einem undurchschaubaren Reigen, bis schießlich das letzte Blatt zu Boden fiel. Telnus. Telnus auf Cos. Sie wusste es und dennoch ließ sie die Frage über ihre Lippen kommen.

„Oh, aber so einen Kalana, den bekommt man nirgendwo in Port Kar oder doch, Sir?“

„Cara. Sag der Lady, wo man so einen Kalana bekommen kann.“ Er richtete sich etwas auf und glich nun mehr einem Raubtier als einem Wohltäter.

Caras Blick lag nun fast entschuldigend auf Amiras Gesicht. „Den bekommt man nur auf Cos, Herrin. Da, wo mein Herr zuhause ist.“

Amira nickte. Unter dem Schleier wich die Farbe aus ihren Lippen und sie blickte auf die sie umgebende Weite der Wellen.

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*Khalil Gibran

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  1. […] irgendwas über die Urts und stellte mich mit meinem Alibinamen vor.  Sie nannte ihren Namen: „Lady Amira, Hafen….“ Irgendwas. Bei dem Namen durchzuckte es mich in angespannter Vorfreude. Sollten die […]



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