Mädchen in misslicher Lage

Die Arbeit in der Verwaltung ging Amira heute noch schwerer von der Hand als gewöhnlich. In den unteren Ebenen am Bandkanal hatte es einige Einbrüche und Sachbeschädigungen gegeben, außerdem hatte war fast ein Feuer in einem der Kontore ausgebrochen. Nur dem ausgeklügelten System zur Brandverhütung in Port Kar war es zu verdanken gewesen, dass nicht die ganze Insula lichterloh ausgebrannt war. Das Gespräch mit nun zunächst obdachlosen Mietern hatte an Amiras Nerven gezerrt, die ohnehin angegriffen waren nach einer schlaflosen Nacht, in der sie neben Cato gelegen und zugesehen hatte, wie seine Brust sich im Schlaf hob und senkte. Die Worte von Titus gingen ihr nicht so einfach aus dem Kopf. Dass jemand sie verraten und an Cos ausliefern würde. Dass sie Cos unterschätzten, wenn sie glaubten in Port Kar so etwas wie einen sicheren, wenn auch stinkenden Hafen, gefunden zu haben.

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Schließlich schob sie die Schriftrolle beiseite, in denen sie versucht hatte eine Aufstellung über den in der Nacht verursachten Schaden anzufertigen, und verließ das Archiv um ein paar Schritte zu gehen. Vor der Herberge fiel ihr Blick auf den Pranger und den sich darin befindenden Unglückseligen des Tages. In diesem Fall war es eine Kajira. Als sie näher kam, erkannte sie das Mädchen, als das kurzhaarige Ding, das ihr gestern auf die Brücke gefolgt war.

Amiras Augen blieben zunächst ausdruckslos. Mitleid zu empfinden war ihr, wie den meisten Goreanern, fremd. Man betrachtete das Leben in der Regel als einen Weg, auf dem man die Konsequenzen seines Handelns tragen musste, was für Freie wie für Sklaven gleichermaßen galt. Noch tiefer verwurzelt war in ihr aber die Auffassung, dass es die tiefste Demütigung aller denkbaren war, wenn man jemandem Mitleid entgegenbrachte. Sie selbst hatte es einst gelesen, in den Augen der freien Frauen von Lydius und dies war ein Schock gewesen, den sie nur schwer hatte überwinden können. Diese Ausdruck in den Augen war um ein Vielfaches schlimmer gewesen als der Kragen um ihren Hals es gewesen war.

Möglicherweise aber konnte sie die missliche Lage des Mädchens ausnutzen, um an Informationen über Titus und diese Heilerin zu gelangen, die sie in seiner Begleitung gesehen hatte. Also unterbrach sie ihren Spaziergang und verwickelte das Mädchen in ein Gespräch. Es war offensichtlich, dass das Ding bereits die ganze Nacht in dem Holzgestell zugebracht hatte, nackt ausgestellt vor dem Verminium. Amira vermied es den Blick auf das derart exponierte Hinterteil des Mädchens zu richten, das vermutlich eine harte Nacht mit den betrunkenen Besuchern eben dieser Pagataverne hinter sich hatte. Die Erschöpfung war so groß, dass das Mädchen sie um einen Becher Wasser bat.

Amira überhörte dies zunächst und stellte ihr – wie beabsichtigt – Fragen zu der Heilerein und zu deren Verbindung zu Titus. Dabei packte sie mit festem Griff in das kurze Haare und riss dem Mädchen den Kopf in den Nacken. Sie bevorzugte es, den Kreaturen in die Augen zu sehen, um sie möglicherweise bei einer Lüge zu ertappen.

Dennoch blieb die Kleine bei ihrer Aussage, dass die Heilerin und der Krieger erst hier in Port Kar aufeinander getroffen waren. Es kam vor, so dachte Amira, dass zwei Menschen vertraut miteinander wirken, obwohl sie einander gerade erst begegnet waren, aber sie blieb skeptisch. Kein Wasser, entschied sie für sich, ließ den Kopf los und nahm auf der Bank platz, die man vor die Herberge gestellt hatte. Kein schlechter Ort um zu beobachten, was vor sich ging.

Außerdem war die Sklavin mit unterhaltsamer Intelligenz gesegnet, was man von den meisten ihrer Art wahrlich nicht behaupten konnte. Amira lauschte den Worten des Mädchens und erfuhr, dass sie in Port Kar als Tochter der Händlerfamilie Amarelle geboren worden war. Das was nun folgte, erreichte tief drinnen in Amira eine Art Aufmerksamkeit, die vorher nicht auszulösen gewesen war. Das Mädchen, vom eigenen Vater wegen eines drohenden Bankrotts in die Sklaverei verkauft, erinnerte Amira an ihren eigenen Weg. Weder Leichtsinn, noch Gier, noch Dummheit hatten die Händlerstochter in die Versklavung geführt, sondern schlicht der Umstand, dass ein Händler zu wenig Weitsicht bewiesen hatte.

Anders als sie selbst jedoch schien dies Mädchen sich im Kragen aufgehoben zu fühlen, selbst jetzt, als man sie so hart strafte. So ging es wohl den meisten Frauen, die zu Sklavinnen wurden. Amira konnte nicht umhin die Weisheit der Priesterkönige zu bewundern, die meist die Richtigen auf den Weg der Sklaverei führten. In ungewöhnlicher Milde holte sie dem Mädchen eine Schale Wasser und ließ sie trinken. Die Bitte jedoch, Amira möge für sie in Erfahrung bringen, was aus der Familie Amarelle geworden war, ließ sie zunächst unerhört, wenn auch aus anderen Gründen als die, die die Kajira wohl vermutete. Amira lag es fern, durch das Aufwühlen der Vergangenheit, den Zwiespalt aufzutun in einem Mädchen, das doch so gut aufgehoben im Kragen schien. Der Zwiespalt, der sie selbst ein Leben lang begleiten würde, die Zerrissenheit zwischen dem Fühlen einer Sklavin und dem Denken einer freien Frau.

Während sie so auf der Bank saß und über diese Zerrissenheit nachsann, fiel ein großer Schatten auf den Platz vor der Herberge. Leise waren die Schritte, obwohl die Umrisse des Mannes von Größe und Kraft kündeten. Amira hob den Kopf und ein Lächeln trat auf ihr Gesicht, als sie den schattenwerfenden Leisetreter erkannt.

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Magnus con Lydius. Waldläufer, Jäger, Spurensucher, talentloser Händler und ein Mensch, an den sie sich gern erinnerte.

Seine Überraschung hier auf Amira zu treffen war noch größer als ihre eigene. Magnus war schon immer ein Wanderer gewesen, schwer an einem Ort zu halten oder ihn gar an sich zu binden. Sie hatten in Lydius einiges zusammen erlebt und auch jetzt zeigte er sich beeindruckt von Amiras Überlebensfähigkeit. Denn Turmus, das wusste er, war dem Erdboden gleichgemacht und das Blut der Bürger, die sich weigerten den Treueid auf Cos zu schwören, so erzählte man sich, hatten den Vosk für einige Tage in einen roten Fluss verwandelt. Für Magnus indessen, war der Fall von Turmus mit dem Verlust seiner Schuldscheine einher gegangen, so dass er nun wieder ohne Schulden und mit geradem Rücken reiste. Amira nickte und erhob sich. Des einen Unglück war des anderen Freud. Oder anders gesprochen – jede Münze hatte immer zwei Seiten. Es würden Zeiten kommen, an denen auch Cato und sie wieder bessergestellt sein würden. Solange man nur sein Leben retten konnte, war nichts völlig verloren.

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Erst als Cato kam um sie zu holen, verließ sie den Platz. Magnus verschwand im Verminium und das Mädchen blieb allein zurück. Möglicherweise stand ihr eine weitere Nacht im Pranger bevor. Amira war nicht sicher, ob sie am nächsten Morgen noch am Leben sein würde, dennoch notierte sie sich einen Namen in ihre kleine Wachstfafel.

Amarelle.

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