Die Klinge an Catos Hals

Der Abend hatte so gemächlich begonnen. Sie hatte Gilian und Talia vor der Halle der Kapitäne getroffen und als Cato dazu gekommen war, nahmen sie gemeinsam Kurs auf die Schenke. Marinos war, wie nicht anders zu erwarten gewesen war, weiterhin verschwunden. Bisher hatte niemand Gelegenheit gehabt, zumindest Caprus als Mitglied des Kapitänsrates in Kenntnis zu setzen. Talia indessen kämpfte mit dem bestialischen Gestank in der Stadt und sehnte sich sichtlich danach, ein Mittel dagegen zu finden, das tatsächlich wirkte. Amira riet ihr zu parfümierten Ölen, die man sich auf den Schleier träufeln konnte, aber im Grunde gab es nur ein wirklich hilfreiches Mittel es zu ertragen: die Gewöhnung.

talia_portkar_001

Neben Tee und Kalana und der Frage, wie Vulo nun eigentlich in Port Kar gelandet war, ging es nach dem Auftauchen von Khaldor vor allem um die Vorräte von Holzkohle. Die waren nämlich aufgebraucht und das Schiff aus Anango wurde dringender denn je erwartet. Amira brauchte nicht rüberzusehen um zu wissen, dass dieser Umstand Cato die Sorgenfalten auf die Stirn trieb. Wenn die Arbeiten im Arsenal zum Erliegen kamen, würde man nicht zuletzt auch ihn dafür verantwortlich machen.

khaldor_001

Als Amira gerade aufbrechen wollte, kam die pilgernde Händlerin dazu und berichtete davon, dass ihr Onkel, der Händler Vern, offenbar verschwunden war. Die ganze Nacht und den ganzen Tag über war er nicht in seinem Kontor aufgetaucht und niemand wusste, wo er geblieben war. Cato streckte sich und erhob sich dann, müde blickte er zu Amira und machte sich dann auf den Heimweg, während Khaldor mit der Händlerin noch um den Preis für ein Wildtarskfell verhandelte.

jannicka_001

Amira sah Cato nachdenklich nach, war aber noch in das Gespräch mit der Händlerin verstrickt, als wenige Ihn später von draußen der markerschütternde Schrei eines Mannes erklang. Amira sprang so schnell auf die Füße, dass sie gegen den Tisch stieß und einiges Geschirr zum Klirren brachte. Vorbei an der kurzhaarigen Kajira des Kriegers, die ihr gerade eine Frage hatte stellen wollen, eilte sie Richtung Tür.

Der Schrei war nah gewesen, viel zu nah. Wut hatte darin geliegen, unbändige, unkontrollierbare Wut. Langsam legte sei ihre Hände auf den Türknauf und öffnete die Tür einen Spalt um hindurchzusehen. Sie war unbewaffnet und auch ihr panisches Umherblicken hatte nichts Nützliches zutage gefördert, mit dem sie sich gegen einen männlichen Angreifer hätte zur Wehr setzen können.

schrei_001

Bei ihrem Blick nach draußen sprang ihr zunächst das Rot der Kriegertunika ins Auge. Es spannte sich über breiten Schultern und hatte seine saubersten Tage längst hinter sich. Der Mann, der sie trug, bewegte sich mit gezogenem Gladius auf die Brücke und auf einen Mann zu, der eine blaue Tunika trug.

Cato!

Amira riss die Tür auf und stürzte hinaus. Dass die Sklavin ihr folgte wie ein Voskmoskito dem Sumpfharlarion kam ihr gar nicht zu Bewusstsein, sie lief hastig bis zur Brücke und stand dann still und starr vor Entsetzen. Der Krieger, der ihr neulich schon aufgefallen war! Cato stand vor ihm, unfähig auch nur einen Muskel zu rühren für den Moment, in dem die Klinge des Gladius sich auf ihn zubewegte, geführt von einem Kriegerarm, mit müheloser Leichtigkeit und unverkennbar getrieben von Wut, die sich in dem eben gehörten Schrei bahngebrochen hatte.

Als sie seine Stimme hörte, fügte sich mit einem Mal ein Puzzleteil zum anderen. Immer noch stand sie still und sah verängstigt zu, wie die Hand von Titus con Ar das Gladius noch fester griff, während seine andere Hand Cato am Kragen packte und ihn näher zog, dicht und dichter an die bluthungrige Schneide seiner Waffe, bis Haut und Stahl sich schließlich kurz vor einer tödlichen Berührung befanden.

Aus ihrer Kehle kroch ein Schrei und brach sich an den grauen Steinwänden ringsum. Nicht! Nicht Cato!

titus_003

Der Blick des Kriegers streifte sie nur für den Bruchteil einer Ihn. Verachtung lag darin. Sie war nur eine Frau. Dann wandte der Mann sich wieder ihrem Gefährten zu.

Verräter. Amira hörte das Wort und erschauerte. Titus fühlte sich im Stich gelassen. Erneut waren Krieger im Delta gestorben, vergeblich gegen Cos gezogen, verreckt an Hunger, dahingeschlachtet von Rencern, in die Irre geleitet und ohne Erfolg. Titus‘ Kameraden. Sie betrachtete den Krieger und eine Flut von Erinnerungen warf sie fast von den Füßen. Sie hatte ihn schon als Kajira gekannt, ein Heißblut aus Ar, seinerzeit als Söldner in Kasra. Er hatte die Finger in Isabells Entführung gehabt und sie nach seiner Freilassung verschleppt und vergewaltigt. Er war ein Krieger. Er war ein wütender Krieger. Er war ein wütender Krieger, der nicht mehr viel zu verlieren hatte. Ihr Herz krampfte sich zusammen und dann fing sie an zu reden, Worte flossen über ihre Lippen, sie  versuchte den Mann, an dessen Schwertarm das Gladius hing, das im Begriff war Catos Lebensfaden zu durchtrennen, davon zu überzeugen, dass Cato die Legion aus Ar nicht an Cos verraten und im Stich gelassen hatte.

Cato besann sich ebenfalls auf die Macht der Worte und versuchte sich soweit aus dem Griff zu winden, dass er genug Atem hatte um sich zu erklären. Er erzählte von Janus, von der Schiffslieferung, die wie versprochen losgeschickt worden war. Er erzählte von den Verrätern in den eigenen Reihen, die Turmus mit vergifteten Pfeilspitzen in Verruf gebracht und möglicherweise Cos Tür und Tor geöffnet hatten. Und er berichtete von der Rettung des Heimsteins in letzter Ehn und dem Fall von Turmus.

titus_002

Janus. Ich werde das prüfen und wehe dir, Cato, wenn es nicht stimmt, werde ich dich finden und dich töten.

Das Geräusch des Gladius, das zurück an den Schwertgurt wanderte, war für Amira die reinste und schönste Melodie. Sie fand ihre Finger um den Pagabecher gelegt, den das Mädchen versucht hatte ihr zu reichen. Sie hätte ihn ohne zu zögern und ohne nachzudenken an den Schädel des Kriegers geschleudert, dachte sie bei sich. Es war allerdings fraglich, ob sie getroffen hätte.

Mittlerweile waren an beiden Ende der Brücke über den Zentralkanal Schaulustige versammelt und Vittorio auf der einen und Khaldor auf der anderen Seite beobachteten die Szene mit extrem angespanntem Blick. Titus schob die Hand zurück an den Knauf seines Schwertes und beobachtete aufmerksam seine Umgebung, während er zurücktrat.

titus_004

Schließlich drehte Cato sich um und ging. Amira ließ den Pagabecher fallen und eilte ihm nach, vorbei an Khaldor und Vittorio, denen ihr Gefährte dankend zunickte. Vorbei an zwei Frauen, die vor die Heilerei getreten waren und dem Spektakel von dort aus, aus sicherer Entfernung beigewohnt hatten. Die eine davon war die Heilerin, die Amira in Begleitung von Titus gesehen hatte.

Die andere …..Amira sah noch einmal kurz zurück. Rotes Haar. Die Augen…

mith_001

Als Cato sie rief, nahm sie den Blick von der merkwürdig vertraut scheinenden Fremden und lief weiter.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: