Iskander. Wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich verbinden.

Die Reise mit dem Schiff, die für Amira nie besonders angenehm war, ging, den Priesterkönigen sei Dank, rasch vorbei. Dann zogen sie mit einer Handelskarawane Richtung Vosk. Sie trug Vollverschleierung und Cato  hatte ihr eingeschärft niemandem ihren Namen zu nennen. Nicht, dass es große Gelegenheiten dazu gegeben hätte, denn er ließ sie nicht aus den Augen. So sehr sie sich auch auf den Vosk gefreut hatten, die Veränderungen in der Region waren spürbar. Niedergebrannte Bauerndörfer und Reisende, denen Angst und Schrecken ins Gesicht gezeichnet war. Auf dem Weg Richtung Iskander begegneten ihnen drei Söldnerheere, die unter dem Banner von und damit im Dienst von Cos standen. Mehr als einmal traten Amira die Tränen in die Augen. In Iskander trennten sie sich von der Karawane. Das letzte Wegstück, hatte Cato gesagt, würden sie alleine reisen müssen. Sie standen an einer Abzweigung, die in die Wälder führte. Und als er sie nun ansah, lag etwas Schelmisches in seinem Blick.

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„Erkennst du, wo wir sind, Amira?“

Sie sah sich um und lächelte. „Ich glaube es zu wissen, der Weg war damals kaum zu erkennen und ich ging nicht zu Fuß, sondern ritt auf einem Tharlarion. Wie es Biest wohl gehen mag….?“

Er lachte und führte sie weiter. „Biest hat sich einen Gefährten gesucht und zieht in Freiheit kleine Thalarions mit ihm groß, Amira. Da bin ich sicher. Es ist nicht dasselbe Haus, das wurde niedergebrannt, aber ich hoffe es gefällt dir.“

Der Wald ring um sie war dicht, so dicht, dass kaum ein Lichtstrahl der Abendsonne es bis auf den Boden schaffte. Unter ihnen schluckte das weiche Moos jedes Geräusch, aber dennoch herrschte nicht Grabesstille, sondern die Stille der atmenden, lebendigen Natur. Das Racheln der Blätter im Wind, Vogelgesang, Das Plätschern eines Baches, der über Steine tanzt. Der Sommer war im Begriff Abschied zu nehmen und das Grün um sie herum war in bunten Farben angemalt. Nach der Zeit in Port Kar konnten die Sinneseindrücke nicht intensiver sein. Steine hatten keinen Geruch. Kanäle stanken. Dies hier schmolz dagegen wie Rahm auf der Zunge, verwöhnte die Augen, streichelte die Nase und erfreute das Herz.

Auf der Brücke über den Bach musste sie hinter ihm gehen und sah an seinen breiten Schultern vorbei nach vorn, wo sich eine Lichtung auftat und auf der Lichtung, fast verborgen unter den langen Ästen der Bäume ringsum lag ein Haus, das dem von damals damals tatsächlich sehr ähnlich sah. In den Fenstern leuchteten Laternen und ein Feuer prasselte im Inneren. Ängstlich sah sie ihn an.

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„Nichts wovor du dich fürchten musst. Ich habe nur ein wenig vorbereiten lassen, Amira. Für eine Hand hat man es uns überlassen.“ Er öffnete die Tür und nahm ihr drinnen den Schleier ab. „Wir sind ganz allein hier. Du brauchst ihn nicht.“  Dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie. Sie schloss die Augen und kam in seine Arme. Als er sie losließ, realisierte sie den Raum um sich herum. Über dem Kamin hing ein Gemälde, das sie beide in Klima zeigte, ihre Gefährtenschaft vor dem Pascha. Der Tag, an dem alles begann. Auf dem Kaminsims stand der kleine Handabdruck von Laertes, den er ihr aus Hochburg geschickt hatte. Und im Nebenraum Zeichnungen von so vielen gemeinsamen Erlebnissen. Amira war sprachlos. Sprachlos zum einen, weil sie sich an jeden einzelnen dieser Momente, so intensiv erinnerte und sprachlos zum anderen, weil Cato all dies vorbereitet hatte, damit sie ihre Verlängerung nicht in der grauen Steinwüste von Port Kar begehen mussten.

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„Verlängern wir allein, Cato?“ flüsterte sie mit brüchiger Stimme, während ihre Augen immer noch an den vielen Zeichnungen hingen. Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich erwarte jemanden. Dir bleibt noch eine halbe Ahn, Amira. Vor dem Haus steht ein Fass mit Wasser, wenn du dich frisch machen möchtest. Er verbarg seine Nase noch einmal kurz in ihrem nach Jasmin duftenden Haar und ließ sie dann allein.

Amira entnahm dem Bündel die neue Robe. Eigentlich nur ein weißes schlichtes Kleid mit einem Überwurf aus dem blauen Brokat, den sie in Port Kar viel zu teuer erstanden hatte. Oben am Kragen hatte Greta ein paar Schmuckperlen aufgestickt. Sie wusch sich mit dem kühlen Regenwasser draußen und schlüpfte dann hinein. Dann legte sie den einzigen Schmuckschleier an, über den sie noch verfügte, weil sie ihn auf der Flucht durch den Tunnel getragen hatte und zum Schluss ging sie nach draußen um eine Talenderblüte zu pflücken. Vorsichtig steckte sie sich den Stiel der zarten Blume in ihr Haar. Es gab keine Spiegel im Haus, also strich sie nervös über den Stoff, der locker über ihre Hüften fiel, dann erst bemerkte sie Cato, der zurückgekommen war und sie still ansah.

„Es ist schlicht, Cato. Ich hoffe du bist nicht enttäuscht.“

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Er schüttelte den Kopf und nahm sie in die Arme. „Meine Gefährtin. Ich würde dich auch nackt auf einem Fell erneut zu meiner Gefährtin machen, aber du siehst wunderbar aus.“ Als er sie nun küsste, lag Begehren darin. Das gleiche Begehren, das sie nun schon so lange begleitete und sie nie im Stich gelassen hatte. „Ich muss nun jemanden holen, bitte warte im Haus und geh noch nicht nach oben, Amira.“ Er ließ von ihr ab und schmunzelte, als sie eifrig nickte.

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Sie ging erst hinaus, als sie seine Stimme ihren Namen rufen hörte. Allmählich wurden ihr die Hände kalt vor Aufregung. In Turmus hatten sie ein großes Fest mit vielen Gästen geplant, aber nun waren sie hier, fast allein und ihr Herz hätte nicht schneller rasen können. Als sie die Tür öffnete, erblickte sie neben Cato eine Frau in einer blauen Robe und erst als die Frau lachte und die Arme öffnete, erkannte sie Talia. Bei den Priesterkönigen, Talia! Amira vergaß ganz die ihr sonst eigene Kühlheit und schloss Talia in ihre Arme. Sie hatte mit Done und Aglaia die weite Reise auf sich genommen. Sie hatte noch eine Heilerin dabei, Lady Lilja, die ebenfalls mitgereist war um die leicht erkältete Agalaia zu versorgen.  Cato bat dann alle nach oben auf die kleine Terrasse und ließ Amira den Vertrag holen. Er war sicher verwahrt in einem Schriftrollenbehälter und lag im Inneren des Hauses auf einer Kommmode.

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Als sie auf die Terrasse trat, berührten ihre Sandalen die vielen Blütenblätter, die den Boden bedeckten. Allmählich wurde es dunkel und nur die aufgestellten Laternen warfen ihr Licht auf den Zeremonientisch. Sie schluckte und sah Cato an. Er hatte wirklich an alles gedacht. Sie reichte ihm den Vertrag, damit er ihn an Talia weitergeben konnte und trat dann neben ihn, ihre kleine kalte Hand in seiner großen Hand sicher verwahrt.

Talia war ebenfalls aufgeregt, wie Amira spürte. Dann nahm sie den Blick von Talia und sah Cato in die Augen. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Die Anspannung fiel von ihr ab und sie nickte kaum merklich, als Talia ihre Stimme erhob. Die Dinge nahmen ihren Lauf und es war gut so. Alles war gut so.

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„Ich werde kämpfen für das, was dir wichtig ist, denn es ist auch mein höchstes Gut.  Wo du bist, werde ich auch sein. Mit Freude und voller LIebe nehme ich dich, Cato, erneut zu meinem freien Gefährten.

„Du bist meine Gefährtin, meine Geliebte und meine Vertraute. Mein Herz schlägt für Dich. An diesem Tag lege ich mein Herz erneut in Deine Hände. Wo Du bist, da will auch ich sein. An diesem Tag nehme ich dich erneut zu meiner Gefährtin.“

Amira sah auf den Ring, den er ihr ansteckte und zu dem er das passende Gegenstück trug. Goldene Ranken, ineinander verschlungen auf einem Bett aus dunklem Blau. Zwei verbundene Menschen innerhalb ihrer Kaste.

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Der Rest des Abends verging wie im Rausch, an dem sicher auch der Kalana Anteil  hatte, der nicht eben sparsam floss. Schließlich landeten sie, nachdem Lilja und Talia sich zurückgezogen hatten, gemeinsam in den Fellen und liebten sich wie in der ersten gemeinsamen Nacht in Iskander.

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  1. […] Thassa war ruhig, der Seegang mäßig,  doch in meinem Herzen spürte ich den Sturm toben. Auf dem Weg zum Vosk.  Ich konnte es noch immer nicht glauben. Ich schaute zu Done der Aglaia in den Armen hielt. Die […]



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