Veilchen und Blutspucke

Gilian und Amira waren sich dahingehend eilig, dass mit der Besatzung der Invictus einiges nicht stimmen konnte. Zum ersten war es ihnen natürlich aufgefallen, dass der dunkle Riese, den sie Ingula nannten, keineswegs am Folgetag vorbei gekommen war um das für die Weiterreise angeblich notwendige Kartenmaterial zu kopieren. Zum anderen hatte Gilian beim Einordnen der Karten etwas bemerkt, das ihnen beiden fast das Herz stehen ließ. So war eine der Karten darunter, die nicht die übliche Signatur des Kapitänsrates trug und auch das Papier unterschied sich leicht.

verdacht_002 verdacht_001

Hatte man ihnen eine Karte gestohlen? Gilian war ratlos. Sie hatte das Ordnungssystem des Archivs noch nicht ganz durchschaut und es gab ihres Wissens nach auch keine aktuelle Liste und selbst wenn es eine gäbe, wer vermochte hier ein Original von einer wertlosen und eingeschmuggelten Fälschung zu unterscheiden?

Sie konnten unmöglich Caprus von ihrem Verdacht informieren, war es doch ganz und gar nicht klug von ihnen gewesen, die fremden Männer überhaupt so nah an die Karten zu lassen, die nicht ohne Grund sicher verwahrt im Gebäude des Kapitänsrates lagen. Kartenmaterial und die Vorherrschaft über bestimmte Gebiete gingen Hand in Hand. Wem es zuerst gelang, fremdes Gewässer zu kartographieren und schiffbare Routen zu finden, der hatte einen Vorsprung vor allen anderen.

Sollte eine von ihnen versuchen auf die Invictus zu gelangen, um die Karte zurückzustehlen? Ein hohes Risiko, aber wenn das Fehlen der Karte eines Tages auffallen würde, verloren sie vermutlich alle ihren Posten und damit ihre Lebensgrundlage. WENN es jemandem auffiele. Außerdem war es bisher nicht mehr als ein Verdacht, es fehlten ihnen gänzlich die Beweise.

Allein Cato vertrauten sie sich am nächsten Tag an. Der war nicht gut auf den Kapitän zu sprechen, den sie Nereus nannten. Dass dieser mit zorniger Vehemenz sein gutes Angebot für die Schiffsladung Sleenfelle nicht angenommen hatte, nagte an ihm. Er war neu als Arsenalsverwalter und ehrgeizig. Abgesehen von dem Umstand, dass es seine Fähigkeiten als Arsenalsverwalter bekräftigt hätte, konnte er nicht begreifen, warum der Mann sich so verweigerte. In ganz Port Kar würde er keinen besseren Preis für die Felle erzielen.

Der Mann, der einst das System der Karten von Port Kar ersonnen hatte und sie vermutlich kannte wie seine löchrige Tunika, war der alte Marinos. Aber Marinos einzuweihen, war nicht ohne Risiken. Zum einen war er komplett verrrückt und sprach am liebsten mit einer Schnecke namens Lady Melisandre – zum anderen hatte er Hausverbot im Kapitänsrat und wollte nicht damit herausrücken, warum das so war. In den wenigen klaren Momenten offenbarte er über welch reichhaltiges Wissen er verfügte. Aber diesen lichten Augenblicke waren selten. Die meiste Zeit des Tages entging er nur knapp dem Ersäuftwerden und der Inhaftierung wegen der Belästigung irritierter Bewohner und Besucher und schnorrte sich in der Herberge durch.

melisandre_001

Am letzten Tag der Hand war die Schenke in der Herberge gut besucht, nicht nur Marinos samt Melisandre hatte den Weg gefunden, sondern auch ein pilgernder Baumeister namens Vittorio, der sich als unterhaltsamer Gesprächpartner herausstellte. Am gleichen Tisch mit ihnen saßen auch Gilian und Khaldor, der Schmied. Es gab einiges zu erzählen. Zu Amiras Überraschung huschte ein Mädchen durch die Schenke, die sie sofort erkannt hatte. Es war Vulo, die über Irrwege offenbar nach Port Kar geraten war und nun den dicken Herbergswirt um den Verstand brachte.

melisandre_002

Während sich Vittorio und Khaldor über den verwirrten Alten und seine Schnecke amüsierten, sann Amira über die Begegnung mit Alja nach. Zuerst hatte sie befürchtet überfallen und in den Kanal geworfen zu werden, als der bärtige Fremde sie auf der Brücke über den Zentralkanal angerempelt hatte. Täuschend echt hatte Alja in der Verkleidung ausgesehen und sogar eine dunkle Stimme hatte sie gehabt. Erst als sie Amira direkt in die Augen gesehen hatte, konnte ihr das amüsierte Blitzen in den smaragdgrünen Seen nicht mehr entgehen. Hastig hatte sie den vermeintlichen Rüpel über die Brücke geführt, um die Herberge herum und in eine der stilleren Ecken der Stadt. Es stellte sich heraus, dass Alja nach Ikarus suchte und auch von Gerd nichts mehr gehört hatte. Leider wusste Amira nichts über den Verbleib von Aljas Sohn. Sie konnte lediglich Auskunft geben darüber, dass Gerd aus Turmus herausgekommen war, hatte man doch allen Männern ihre Heimsteine überantworten können, die sie einst neben den von Turmus gelegt hatten.  Im Gegenzug hatte Amira erfahren, dass die Belagerung Belnends durch den Nordclan zu Ende gegangen war.

finsterer_kerl_001

finsterer_kerl_003

Das Gespräch wurde jäh durch einen Schwall Schmutzwasser unterbrochen, der sich von einem der Herbergsfenster auf die beiden Frauen ergoss, aber vor allem Amira bis auf die Knochen durchnässte. Ein Blick nach oben verriet keinen Schuldigen, also machte Amira sich auf den Weg nach Hause um die Robe zu wechseln. Alja zog es zum Warten in die Schenke, auch um Nachzusehen, wer da das Wasser aus dem Fenster gekippt hatte. Auch diese Suche war jedoch erfolglos geblieben…

Amiras Blick fiel auf die kurzhaarige Sklavin, die von der Stiege aus den Gastraum betrat. Schon heute Mittag im Gespräch mit der verkleideten Alja war ihr das Mädchen aufgefallen. Diesmal war sie jedoch in Begleitung ihrer Herrschaft. Ein Krieger, der die Kapuze tief ins Gesicht gezogen ließ und eine Heilerin. Zumindest schloss Amira das auf Grund ihrer zur Schau getragenen Kastenfarben.

titus_001

Ihre Aufmerksamkeit verlagerte sich dann, als sie hinter sich jemanden ihren Namen zischen hörte. „Amira!“ Sie drehte den Kopf Richtung Stiegenaufgang und sah für den Bruchteil einer Ihn Catos Gesicht um die Ecke blicken, verdunkelt von einer braunen Kapuze. Irritiert stellte sie den Kelch ab und erhob sich unauffällig aus dem Kreis der Anwesenden um auf die Treppe nach oben zuzusteuern. Hier fand sie nicht nur Cato, in Umhang und Kapuze gehüllt, sondern auch Azu, die neue Wirtsgehilfin aus dem Norden. Cato legte verschwörerisch den Finger auf seine Lippen und zog Amira mit sich um die Ecke.

cato_001

Azu hatte den Hinweis ebenfalls verstanden und verhielt sich still. Vor der Herberge, so erfuhr Amira, hatte sich ein Assassine niedergelassen. Cato war sehr aufgebracht und wies sie an unauffällig zu zahlen und dann zu ihr an den Hintereingang zu kommen. Es fiel ihr nicht im Traum ein, sich seinem Wunsch zu widersetzen, auch wenn sie weniger Scheu vor Assassinen  hatte als die meisten Goreaner. Sie war mehrfach mit der schwarzen Kaste in Kontakt gewesen und hatte auch Aufträge an sie erteilt. Dennoch ging sie umgehend zurück in die Schenke, zahlte ihre Rechnung und machte sich dann auf Weg nach oben. Der Hinterausgang lag im ersten Obergeschoss und führte hinaus auf den Se’kara Kanal. Der Krieger mit der Kapuze hatte offenbar Streit mit seiner Begleiterin begonnen und stürmte nun aufgebracht hinaus. Etwas an seinen Bewegungen kam Amira vertraut vor und auch seine Stimme… Trotzdem konnte sie sich nicht entsinnen. Aber sie hatte seinen Blick auf sich gespürt und spürte instinktiv, dass es nicht der Assassine war, von dem am heutigen Abend Gefahr für sie ausging. Sie legte die Münzen auf den Tresen und ging dann mit ruhigen Schritten hinaus.

Cato wartete bereits. Er führte sie um die Herberge herum. „Bevor wir morgen verreisen, Amira, muss ich noch etwas aus dem Arsenal holen.“ Die Reise, er hatte Amira erst heute früh davon erzählt. Sie würden an den Vosk reisen um ihre Gefährtenschaft zu verlängern. Ihr Herz war voll unbändiger Freude der steinernen Wüste von Port Kar für dies freudige Ereignis entkommen zu können und sie hatte sogar Geld verschwendet für eine neue Robe, an der Greta noch arbeitete. An der Treppe zögerte sie kurz, der Krieger, der ihr vorhin schon aufgefallen war, machte offenbar seinem Ärger lautstark Luft und trat die Müllfässer vor der Pagataverne um. Amiras Nackenhaare stellten sich auf. Der Mann roch derart nach Ärger, dass daneben der mittlerweile wohl verschwundene Killer wie ein zahmes Verr wirkte.

Auf dem Weg zum Arsenal trafen sie noch einen Vertreter der Southern Trade Alliance, kurz STA, der wohl mit einem Mitglied des Kapitänsrates verhandeln wollte.

Die Zeit drängte nun. Schon drängten die Schatten der Dunkelheit in die engen Kanäle. Im Arsenal waren bereits alle Arbeiter ihrer Wege gegangen und das Gebäude lag still und verlassen vor ihnen. Niemand möchte bei Dunkelheit unbewaffnet durch Port Kar laufen müssen. Cato durchsuchte ein Fach in seinem Schreibtisch und fand dann offenbar was er suchte. Im Dämmerlicht konnte Amira nur einen kurzen Blick auf die kleine Schatulle werfen, die er sich einsteckte.

cato_003 cato_004

Mit einem der schmalen Boote ging es dann zurück in die Stadt. Bevor sie abreisten, mussten sie ein sicheres Versteck für den Heimstein von Turmus finden. Ihn mit auf die Reise zu nehmen, hielt Cato für keine gute Idee. Zu unsicher waren die Straßen in diesen Tagen entlang des Vosks. Schließlich fanden sie einen idealen Ort und brachten das Boot zurück zum Anleger. Wo konnte ein Stein sicherer sein als in diesem Meer aus Steinen, das die Bürger von Port Kar als ihre Stadt betrachteten?

Auf dem Weg zurück nach Hause lasen sie Vittorio vor der Schenke auf. Er hatte ein Veilchen und spuckte Blut. Mit wem genau er aneinandergeraten war, konnten sie nicht mehr aus ihm herausbringen, aber bevor er die kurzhaarige Sklavin im Kanal versenken konnte, nahmen sie den aufgebrachten Baumeister sicherheitshalber mit nach Hause und betteten ihn als Gast auf ihrem Diwan.

Der Hafenmeister, stammelte er schon im Einschlafen, man muss den Hafenmeister warnen….

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: