Karten, ein Affe und Silber aus Turmus

Dass Cato einmal in der Verwaltung auftauchte um sie zu einer Pause abzuholen, war eher die Seltenheit. Umso erfreuter wandte Amira den Kopf und sprang vom Schemel um ihren Gefährten zu begrüßen. Gemeinsam überquerten sie die Brücke beim Kapitänsrat und wanderten den Zentralkanal entlang Richtung Herberge. Eine riesige Galeere legte gerade am Hafen an. Einigermaßen ungewöhnlich war die Anlegestelle am Platz des 25. Se’kara und Amira fragte sich sofort, ob das schon das Handelsschiff aus Anango sein konnte.

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Cato trat näher an die Mauer und spähte ebenfalls hinüber. „Invictus“ prangte in deutlichen Lettern am Bug und die Augen des Schiffes schienen sie anzusehen, ebenso wie die Augen der drei Männer, die sie in der Ferne an Bord stehen sahen. Bevor sie sich entschließen konnten, ein wenig über den schwimmenden Markt zu schlendern, aus reiner Neugier und um vielleicht etwas über die Galeere in Erfahrung zu bringen, verließ ein Teil der Mannschaft bereits das Schiff und schlenderte vorbei an den mit Waren beladenen Kähnen auf die Stufen zu, die von dort aus hoch in die Stadt führten.

Amira trat halb hinter ihren Gefährten und beobachtete die drei Männer aufmerksam. Einer von ihnen war schwarz, vielleicht aus der Gegend um Schendi oder aus Schendi selbst. Er war größer als die beiden anderen und fiel ihr daher und wegen seiner Hautfarbe zuerst ins Auge. Wenn man seiner verwaschenen Tunika noch eine Farbe entnehmen konnte, so mochte es blau sein. Verdreckt waren sie alle drei. Die beiden anderen trugen ihr Haar kürzer, wenn auch ungewaschen. Seeleute, so kam es Amira in den Sinn, sind wahrlich nicht zu beneiden. Immer fort von zuhause und ohne den zivilisierenden Einfluss der Frauen auf Hygiene und Gebaren. Im Vergleich zu den kauzigen, aber zahmen Voskschiffern, waren die Männer, die die Thassa befuhren, ein härterer Menschenschlag. Ebenso wie in Lydius damals war der Aufenthalt am Hafen für eine Frau mit Gefahren behaftet. In Port Kar gab es keine einzige Verwalterin außerhalb der Stadtmauern. Dies waren die Bereiche der Männer. Das Recht des Stärkeren galt hier noch mehr als anderswo.

Wenn diese Männer in die Stadt kammen, fielen sie meist nach ein paar Schritten in die nächstgelegene Pagataverne um ihren Schwänze in die Weichheit williger Frauen zu tauchen, sich volllaufen zu lassen und dann im nicht schwankenden Alkoven ihren Rausch auszuschlafen bevor sie mit den Gezeiten wieder zu neuen Zielen aufbrachen. Amira trat noch ein Stück hinter Cato zurück, als die drei den Aufgang zur Stadt erreicht hatten.

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Cato begrüßte die Männer und erkundigte sich nach der Ladung des Schiffes. Obwohl ihnen das Schild des Verminium von hier aus bereits ins Auge springen mussten, blieben die drei zunächst stehen. Offenbar waren sie aus der Not heraus in Port Kar gelandet. Einer erzählte etwas von einem Sturmschaden und von abhanden gekommenen Karten, ohne die sie ihre Reise nicht fortsetzen konnten. Amira wandte ihren Blick zurück zu der großen Galeere. Ein Banner mit einem Seekaiila. Vielleicht eine der kleinen Inseln, die man erreichte, wenn man dorthin segelte, wo im allgemeinen das Ende der Welt vermutet wurde. Zu ihrer Überraschung gaben sie aber an aus Lydius zu kommen. Amira fühlte sich in ihrer Vorsicht erneut bestätigt. Lydius! Die letzten Nachrichten, die sie von dort erhalten hatte, waren keine des Friedens gewesen. Immer noch war unklar, ob Lydius sich mit Cos verbündet und den Angriff auf Turmus unterstützt hatte.

Zu Amiras Schrecken trat nun Gilian über die Brücke und kam sogleich auf die Menschengruppe zu. Es dauerte nicht lange und bevor Amira es verhindert hatte, grüßte Gilian sie freundlich und deutlich vernehmbar mit „Tal Amira“. Nun, der Name war nicht ungewöhnlich, aber in diesem Fall hätte Amira ihn lieber im Dunkeln gehalten. Dazu war es aber nun zu spät. Sie ging ein paar Schritte auf Gilian zu um den weiteren Fluss von Informationen gleich im Keim zu ersticken.

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Zu ihrer Überraschung sandte Cato den hochgewachsenen Dunkelhäutigen mit ihnen beiden zum Kapitänsrat, wo in der unteren Ebene alle Schriften und die Seekarten lagerten. Hilfsbereit sollte dort dem Navigator erlaubt werden, die für ihn wichtigen Karten zu kopieren, damit sie ihre Reise fortsetzen konnten. Der Narbengesichtige, der sich als Kapitän des Schiffes vorgestellt hatte, zog es offenbar vor seinen Navigator nicht mit zwei Frauen allein ziehen zu lassen und schloss sich dem Tross an.

Eine seltsame Spannung lag in der Luft, während Gilian mit fahrigen Bewegungen und dicht nebern dem Navigator stehend in einem der Schriftenregale nach der richtigen Karte suchte. Unterdessen suchte Amira das wenig angenehme Schweigen mit ein paar kleinen Plaudereien aufzulockern. Der Navigator namens Ingula erinnerte sie in seiner schweigsamen Art an den alten Kartographen, dem sie zuletzt am Kai der Spieler begegnet war. Er hatte es im Distrikt Al-ka zu einiger trauriger Berühmtheit gebracht, weil er von sich behauptete über das Ende der Welt hinausgesegelt zu sein und Gegenden kartographiert zu haben, die noch kein Goreaner je zu Gesicht bekommen hatte. Da er aber schon uralt war und seine Vorträge mehr wirr als erhellend warten, glaubte ihm niemand so recht. Was allerdings erwiesen war, waren seine Kenntnisse der Tambergolfküste bis in kleinste Details. Marinos aus Tyros war sein Name. Allein seine Herkunft war einigermaßen skurril, aber bis zum heutigen Tage hatte man den alten Wirrkopf weder erschlagen noch im Kanal ersäuft.

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Gilian wurde immer nervöser, während Ingula schließlich zur Tür ging um sie zu öffnen. Offenbar hatte er vor der Tür etwas kratzen gehört und als Amira erkannte, was für ein Wesen da durch die Tür geschossen kam, weiteten sich ihre Augen in erzücktem Erstaunen. Ein kleines Äffchen!

„Er ist nicht gern allein. Und wenn er allen ist, geschehen Dinge….“, wie so viele Sätze von Ingula ließ auch dieser einige Deutungsmöglichkeiten. Aber ein Äffchen ist ein Äffchen und Amira konnte ihr Entzücken nicht recht verbergen. Dies änderte sich erst, als das Tier, von Gilians Schleier angestachelt, sich auf die Schriftenverwalterin stürzte und versuchte ihr denselben vom Gesicht zu reißen. Das Chaos nahm damit seinen Lauf. Gilian kreischte und ruderte wild mit dem Arm, den sie nicht brauchte um ihre Sittlichkeit vor den Blicken der fremden Seemännern zu schützen, zeitgleich stürzten Ingula und der Kapitän sich auf die beiden um den außer Kontrolle Geratenen wieder einzufangen. Dabei geriet das Regal derart ins Wanken, dass ein großer Teil der Schriften auf dem Steinboden landete.

Perplex zögerte Amira einen Moment, dann erinnerte sie sich an die kandierten Fruchstücke in ihrem Beutel und begann das raschelnde Papier langsam zu entfalten. Den aufmerksamen Tierohren konnte das nicht entgegen. Der kleine Geselle ließ von Gilians Schleier ab und sprang zügig auf Amira zu, wo er schließlich von seinem Besitzer eingefangen wurde.

Gilian! Ächzend erhob sie sich vom Fußboden und besah sich die Bescherung. Ein Haufen Karten, darunter alte und sehr kostbare, wild verstreut. Ingula verließ mit einem Mal fluchtartig den Raum, den kleinen Affen fest unter den Arm geklemmt und der Kapitän zeigte sich bestürzt über das Durcheinander. Morgen würden sie wiederkommen, sagte er, um die Karte zu kopieren und vielleicht würde er die Damen mit einer kleinen Spende über den entstandenen Schaden hinwegtrösten können?

Bevor Gilian höflich und bescheiden ablehnen konnte, hatte Amira ihm schon die zwei Silber abgenommen, die er seinem Beutel entnommen hatte. So konnten sie wenigstens das Papier ordern, das der Kapitänsrat ihnen immer noch nicht bewilligt hatte. Als der Kapitän der Invictus ebenfalls gegangen war, besah sich Amira die beiden Silberstücke.

Es waren Silbertarn aus Turmus. Dies war insoweit nicht ungewöhnlich, als dass der Mann  zuvor beim Plaudern selbst angemerkt hatte, dass er es bedauerte, dass Turmus als Handelstor in die Voskregion nun gefallen war und man überall nur noch über Cosianer stolperte. Für einen Moment hatte es Amira die Sprache verschlagen und ihre Augen waren feucht geworden.Vielleicht war es sein Blick in ihr Gesicht gewesen, als ihr der Gedanken an Turmus die Tränen in die Augen trieb, der sie daran zweifeln ließ, dass sein Bedauern über das Vorrücken der Cosianer in die Voskregion aufrichtig und echt war.

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