Hungrig und weitgereist

Der Steg oberhalb des Kanals des schwimmenden Marktes war ideal für Spaziergänge. Sicher, man konnte das nicht vergleichen mit einem Waldspaziergang in Turmus, aber wenn man überhaupt ein paar sinnentbundender Schritte in Port Kar unternehmen wollte, dann war dieser Steg die beste Wahl. Man sah und roch die Thassa von hier oben aus, zumindest sah man sie an den Stellen, an denen die Verteidigungszinnen ihre niedrigen Stellen hatten. Man konnte runter auf den schwimmenden Markt sehen, der einen einigermaßen heiteren und aufmunternden Eindruck vermittelt – und – man entzog sich hier dem üblichen Gedränge, denn der Laufsteg gehörte nicht zu den Hauptverkehrswegen des Distrikts. Wenn man sich leicht vorbeugte konnte man sogar den Ausblick auf das Delta genießen. Nicht, weil das Delta ein besonders angenehmer Ort wäre, sondern schlicht weil es grün war. Amira hatte sich geschworen, den Innenhof der Insula, sobald es ihre finanziellen Mittel zuließen, etwas zu bepflanzen. Wenn es nützliche Pflanzen wären, wie Kräuter oder Beeren, dann würde Cato sicher nichts dagegen haben, wenn sie versuchte für teures Geld ein paar Samen oder Setzlinge zu bekommen.

Die Gabe der aufmerksamen Beobachtung war Amira wie vielen Schriftgelehrten in die Wiege gelegt oder bereits mit der ersten Milch verabreicht worden. Sie stand vorn an den Mauerzinnen und sah hinunter auf den Markt und das übliche Treiben um Feilschen, Betrügererein und das Ergattern der besten Waren. Eine jungen Frau fiel nicht nur durch ihr langes, blondes Haar auf, das offen um ihre Schultern floss, nein, sie bewegte sich anders als die Menschen um sie herum. Vorsichtiger, langsamer, abwartender. Amiras erster Gedanke war, dass sie eine Diebin war. Unvorstellbar, aber in Port Kar existierte eine anerkannte Kaste der Diebe! Die meisten von ihnen erkannte man an einem Dreizack-Brandmal unter dem Auge, das sie stolz zur Schau trugen solange es sie nicht bei der Ausübung ihrer Kastentätigkeit hinderte. Männer und Frauen gleichermaßen trugen das Mal. Aber für eine Diebin, schlussfolgerte Amira, bewegte sich die Blonde viel zu auffällig anders. Sie floss nicht mit dem Rest dahin, sondern wirkte wie ein Fremdkörper dort unten.

Als Gilian plötzlich neben ihr auftauchte, sah Amira überrascht auf. Sie hatte die junge Schriftenverwalterin gar nicht kommen hören. Nach einem kurzen Gruß deutete sie auf die blonde Frau unten auf dem Pier. „Seht, Gilian. Ist diese Frau nicht merkwürdig?“ Auch Gilian fiel der blonde Schopf ins Auge und schließlich obsiegte die Neugier der beiden Frau und sie verließen ihren Standort um hinunter zum Markt zu schlendern. Als sie die Frau schließlich ansprachen, erschrak diese fürchterlich und entblößte ihre blanken Füße, übersäht von Schrunden und Blasen. Auch ihre Hände wiesen die junge Fremde als arbeitserfahren aus.

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Mitleid war Amira wie allen Goreanern als Gefühlsregung völlig fremd. Das bedeutete aber nicht, dass sie Zustände von Elend oder Not nicht als änderungswürdig begriff. Lediglich die Motivation solche Dinge zu ändern war eine andere. Für sie war es absolut notwendig, arbeitsuchende Menschen in Lohn und Brot zu bringen, damit sie der Gemeinschaft nicht mehr zu Last fielen sondern ihr dienten. Und so agierte sie auch in diesem Fall. Die junge Frau war verängstigt, halb verhungert und stammte nach eigener Aussage aus einem Nordclan aus dem Hrimgar Gebirge, der nicht mehr existierte. Aber sie schwor, dass sie fleißig war und harte Arbeit nicht scheute. Es lag also nah, sie dem fetten Wirt als Aushilfe anzutragen. Er hatte schon jemanden gesucht, als Amira und Cato noch das Zimmer dort bewohnt hatten.

Amiras Rechnung ging auf und der Wirt zeigte Interesse. Sie zahlte Azu, so nannte sich die Blondine,  noch das erste Essen und war gespannt, ob sie ehrlich war und es in den nächsten Tagen zurückzahlen würde, nachdem sie ihren Lohn erhalten hatte.

Amira hatte gerade ihre Suppe gegessen, als die Tür derart schwungvoll aufsprang, dass zum einen tatsächlich so etwa wie Wind durch die träge stehende Luft in der Herberge ging und zum anderen die Türangeln gepeinigt aufstöhnten. Gilian und sie selbst starrten zum Eingang, wo ein Mann, nein ein Hühne fast den gesamten Türrahmen auszufüllen schien, vor dem er stand.  Amira konnte nicht umhin auf die nackte muskulöse Brust des Fremden zu starren, die – genau wie seine Arme – Körperbemalungen aufwies, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatte.

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Amira errötete unter dem Schleier ein wenig und erhob sich dann zum Gruß. Es war sicherer Männern in der Fremde Respekt entgegenzubringen. Man wusste in Port Kar so gut wie nie, mit wem man es zu tun hatte. Kastenfarben kannte man hier zwar auch, aber ebensoviele wirkten unscheinbar und waren  doch von Rang und Einfluss.

Der Mann stellte sich als Khaldor vor, ein Jäger aus dem Norden. Amira nickte und lud ihn an ihren Tisch ein, bevor sie wieder Platz nahm. Als Khaldor ihnen gegenüber saß, erkannte sie unter dem schwarzen Bart ein durchaus feingeschnittenes Gesicht mit wachen, dunklen Augen. Der Mann war nicht dumm und wusste sein Verhalten in der Fremde anzupassen. Auch er suchte neues Glück in Port Kar und damit eine Möglichkeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Als Jäger blieb ihm in Port Kar nur die Jagd in den Sümpfen, die ein hohes Risiko barg. Zum einen, weil die Biester dort sich ganz sicher von denen in den nördlichen Wäldern unterschieden, zum anderen weil die Rencer nicht gern in ihrem Gebiet wildern ließen. Aber es stellte sich heraus, dass der Mann mit dem Schmiedehandwerk vertraut war. Eine leerstehende Schmiede im Distrikt kostete die Stadt in jeder Hand eine nicht unwesentliche Summe an Pacht, so dass Amira keine Ehn zögerte den Mann dorthin zu führen, nachdem er sein Met ausgetrunken hatte und sich einiges über die Stadt, in der er gelandet war, hatte erzählen lassen.

Gilian begleitete sie über die Brücke auf dem Zentralkanal. Als Frau der gleichen Kaste spürten sie eine gewisse Verantwortung füreinander und ihr Instinkt riet ihr offenbar, Amira mit dem kräftigen Fremden aus dem Norden nicht allein gehen zu lassen. Es gab jedoch keine bösen Zwischenfälle. Sie konnte die Schmiede verpachten und gleich die letzte freie Wohnung in der Insula Speerkanal vermieten, wo bereits Brom und Gilian eingezogen waren. So wohnt der neue Schmied des Distrikts Al-ka gleich über seiner Arbeitsstätte und hatte von dem Vordach aus, sobald er seine Wohnung verließ, einen grandiosen Ausblick über den Handelshafen und die endlos scheinende grüne Thassa.

Das Fleisch von zwei erjagten Wildtarsks bot er Amira zum Dank an. Tarskfleisch war in Port Kar ein kleines Vermögen wert, so dass sie ihm versprach ihm noch ein wenig Einrichtung aus dem Möbellager zu verschaffen.

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