Zurück zum Blau

Die Dämmerung war als eine Art graues Flimmern auszumachen, dass sich durch die engen Kanäle schob und nach und nach etwas Licht ins Mauergewirr brachte. Bis die Sonne richtige Helligkeit in jeden Winkel der grauen Stadt werfen würde, würde es sicher Mittag werden. Amira erhob sich leise und vorsichtig aus dem Bett und warf einen Blick auf ihren schlafenden Gefährten, während sie sich das Nachthemd abstreifte und sich mit kaltem Wasser wusch. Ihre Robe hing noch zum Trocknen über der Leine, so dass nun nur eine Art blaues Leibchen und ein Rock blieb, den sie günstig auf der Reise über Land erstanden hatte. Zumindest ging das Ankleiden so schnell vor sich und nachdem sie sich das Haar aufgesteckt und den Schleier angelegt hatte, verließ sie mit einem Korb und ein paar Münzen im Geldbeutel die Wohnung.

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Die guten und günstigen Sachen waren immer früh weg, hatte sie sich sagen lassen. Also nahm sie den Weg durch das Ganggewirr der Insula runter zum Laufsteg des Bandkanals. Von dort ging es zunächst über eine Brücke zum Zentralkanal Richtung Herberge. Schon am oberen Ende der Treppe sah sie den schwimmenden Markt im fahlen Morgenlicht liegen. Noch war wenig los, einige Händler waren noch dabei auf den schaukelnden Booten die Waren in Stellung zu bringen. Nicht nur die Händler waren mit Booten unterwegs, auch viele Bewohner von Port Kar fuhren den Markt mit ihren schmalen Booten an und vermieden so die Fußwege in der Stadt, die oft verworren und viel länger waren als die direkten Wege zu Wasser.

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Amira machte ein Boot mit Stoffballen aus und steuerte zielgerichtet darauf zu. Der Händler war ein dicklicher kurzhalsiger Mann, der gar nicht groß in Wallung kam, als sich Kundschaft näherte. Er hatte nicht nur Stoffe, er hatte auch Tuniken in den wichtigsten Farben und Größen, verborgen in Kisten unter seiner Sitzbank. Amira wählte eine in einem schönen dunklen Blau aus, die Catos Schultermaßen entsprach und zahlte die geforderten 8 Kupfer ohne zu handeln. Sie erstand auch ein einfaches blaues Kleid mit wenigen, schlichten Stickereien, das sie tragen konnte, wenn sie im Kapitänsrat vorstellig wurden.  Dann schlenderte sie zu den anderen Booten hinüber und nahm auch gleich Lebensmittel mit für die einige Tage. Suls waren erschwinglich, das frische Obst dagegen teuer, so sehr sie auch suchte, es gab kein Fleisch vom Bosk und das vom Tarsk war ähnlich kostspielig wie die Larmas. Sie entschied sich dann für Vulo.

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Auch auf dem Rückweg verlief sie sich nicht, sondern nahm gleich die erste Brücke über den Zentralkanal um nicht zu dicht am Verminium vorbei zu müssen, dessen unanständiges Schild keinen Zweifel darüber ließ, dass es sich um eine Pagataverne handelte. Sie war fremd in der Stadt, sie musste dem Ärger möglichst weiträumig aus dem Weg gehen.

Sie verstaute im unteren Zimmer die gekauften Lebensmittel und ging dann zurück in den oberen Raum, in dem Cato und sie ihren Schlafraum genommen hatten. Er war wach und bereits angezogen. Angewidert roch er an sich und schüttelte den Kopf. „Ich brauche eine neue Tunika, Amira.“ Sie zog das Mitbringsel aus dem Korb und schmunzelte. „Ja, das sehe ich ähnlich, Cato. Wir mögen in einer Piratenstadt sein, aber wir müssen nicht riechen wie Piraten. Aber bevor du die anziehst, nehmen wir ein Bad. Greta kocht schon Wasser.“

Schon beim Anblickt seines nackten Körpers spürte Amira den Hunger auf ihn in großen, pulsierenden Wellen durch ihren Leib jagen. Sie hatten auf der Flucht keine zehn Ehn alleine für sich gehabt. Die Kabine auf dem Schiff war eng gewesen und alle waren dicht an dicht in Kojen eingepfercht gewesen, oft nur mit fadenscheinigen Vorhängen abgetrennt, hinter denen kein privater Laut verborgen bleiben konnte. Als er sie zu sich ins warme Wasser zog, war kein Halten mehr für beide.

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