Rühre nicht in stillen Wassern

Aus den Aufzeichnungen der Lady Amira

Wir sind ohne größere Zwischenfälle in Port Kar angekommen. Wie nicht anderes erwartet war die Seereise lang und beschwerlich und so sehnten wir uns schon bald danach, die stickige Kabine unter Deck gegen ein wenig frische Luft in unseren Lungen und Wind in unseren Haaren tauschen zu können. Aber insbesondere Helena und mir blieb dies Ansinnen verwehrt. Zu viele männliche Reisende waren an Bord, so dass wir uns mit Schilderungen von draußen zufrieden geben mussten. Am letzten Tag der Reise durften wir endlich die Kabine verlassen. Alle drängten sich um zu sehen wie das Schiff in den Hafen von Port Kar einfährt. Cato ließ auch Helena die Freude im dichten Menschengedränge, während er selbst nur weiter Richtung Thassa hinaus starrte.

Er hadert mit seinem Schicksal, aber vor allen Dingen hadert er damit, dass er Turmus nicht retten konnten. Auch die Priesterkönige vermochten uns nicht mehr zu helfen. Er sagt, alles sei verloren, aber das ist nicht wahr. Viele andere haben alles verloren. Ihre Liebsten, das eigene Leben. Die Straßen von Turmus sind getränkt mit dem Blut der Gefallenen, um die Hälse der stolzen Frauen liegt schweres Stahl aus Cos. Wir dagegen haben einander, unsere Kinder und den Heimstein. Und ab heute auch wieder ein Zuhause.

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Unsere Wohnung besteht aus zwei dunklen Zimmern über zwei Etagen, verbunden nur über eine Außentreppe. Aber wir haben eine Art Innenhof und eine kleine Terrasse, von der aus man den Hafen und die Thassa sehen kann. Man erreicht sie nur über Treppen und mehrere verwinkelte Gänge, aber sie liegt weit genug oben, damit der Fäkaliengeruch der Kanäle fern bleibt und man statt dessen den Geruch der Thassa genießen darf, den der Wind bis in die Stadt hinein treibt, wenn man nur hoch genug steigt.
Die Insula liegt am Bandkanal und in recht guter Lage gleich neben dem Gebäude des Kapitänsrat. Unten im Erdgeschoss befinden sich zwei Geschäftsräume, eines davon, soviel konnte ich bereits herausfinden, ist eine Backstube mit Verkauf.

Ich habe mit Catos Einverständnis Greta gleich losgeschickt um den ersten Mietzins zu entrichten. Es wird unsere mageren Reserven schonen, dass die Wohnung bereits möbliert ist, wenngleich ich auch den dringenden Drang verspürte gleich alles fünfmal mit heißem Wasser abschrubben zu müssen. Wir haben bereits angefangen damit. Ich möchte auch alle Polster und Teppiche säubern, bevor ich mich beruhigt schlafen legen kann.

Die Frau, die wir gestern vor der Insula trafen, eine Lady Gilian aus Holmesk, gab an auch der blauen Kaste anzugehörten. Allerdings hat sie offenbar keine Ausbildung genossen. Sie sucht jedenfalls eine Anstellung als Köchin oder Bäckerin. Außerdem – und in dieser Sache bin ich mir ziemlich sicher – verbirgt sie ein dunkles Geheimnis. Es schien fast, als sei die stille zurückhaltende Frau vor irgendetwas auf der Flucht. Das sind keine Dinge, die mich mehr schrecken, sind Cato und ich doch auch nichts weiter als Flüchtlinge. Vorgestellt haben wir und als Cato und Amira, Kartographen. Die Frage nach unserem Heimstein konnten wir geschickt überspielen. Auch Lady Gilian hatte genug Taktgefühl, um in stillen Wassern nicht weiter herumzurühren.

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Wir tranken in der Herberge einen Kalana gemeinsam, nachdem wir ihr unser Zimmer dort zugeschanzt hatten.

Heute liegt eine Menge Arbeit vor uns. Wir müssen bei der Kaste vorsprechen, vielleicht ist ja eine Anstellung zu bekommen. Außerdem braucht Cato dringend eine blaue Tunika. Er trägt immer noch die braune aus Turmus mit den Blutflecken, die wir nicht rausbekamen. Wenn es keinen Schneider gibt, muss ich Stoff kaufen am Hafen.

Auch möchte ich Talia schreiben. Ich vermute, dass sie mit der kleinen Aglaia recht bald in Kargash ankommen sollte und hoffentlich beide wohlauf sind und von dem Gefährten, von dem ich mir noch keinen rechten Eindruck machen konnte, mit offenen Armen empfangen werden.  Zusätzlich werde ich versuchen Mithrandriel in Lyros eine Botschaft zustellen zu lassen, die sie – wenn nicht gleich – doch bei ihrem nächsten Aufenthalt dort erreichen sollte.

Es geht auf den Monat Se’kara zu. Und in zwei Hand steht unsere Gefährtenschaftsverlängerung an. Cato wusste nicht, dass Port Kar keine Gefährtenschaften anerkennt. Eine Neuigkeit, die ihn einigermaßen schockiert hat. Wir halten dennoch an unserem Vertrag fest, die Frage ist nur, ob wir jemanden finden, der ihn verlängert.

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Comments
3 Responses to “Rühre nicht in stillen Wassern”
  1. Deka sagt:

    “ Cato wusste nicht, dass Port Kar keine Gefährtenschaften anerkennt. Eine Neuigkeit, die ihn einigermaßen schockiert hat.“

    Warum sollten sie nicht? der Bund zwischen Freien Männern und Frauen hat in allen Städten Geltung. Gibt es Zeilen in den Büchern die etwas anders enthalten?

    lg

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