Schlaflos auf Cos

Lange war Trajanos fort gewesen. Die Nachrichten, die er bei seiner Rückkehr mitbrachte, stürzten Chaya in ein tiefes Tal von Trauer und zwiespältigen Gefühlen. Turmus war gefallen. Der Ort ihrer Geburt, der Ort ihrer glücklichen Kindheit. Obwohl sie sich freute Trajanos wohlbehalten wieder zu sehen, lag sie in der Nacht wach auf ihrem Fell. Erinnerungen stürzten auf sie ein. Erinnerungen aus einer Vergangenheit, die ausgelöscht worden war. Dionyza con Turmus existierte nicht mehr. Die Eltern, die nicht mehr ihre Eltern waren, hatten offenbar fliehen können und mit ihnen ihre Geschwister. Aber wenn Dionyza nicht mehr existierte, wo kamen dann die Erinnerungen her? Erneut drehte sie sich auf die andere Seite, dann gab sie es auf und schlich durch die still daliegenden Räume des Lurius con Jad und schlüpfte zur Tür hinaus.

Der Wache schiebende Rarius draußen wandte kurz den Kopf, als er die Tür hörte.

„Tal, Herr“, flüsterte sie leise und fügte hinzu, „ich kann nur nicht schlafen und brauche ein wenig frische Luft.“

Ein kurzes Kopfnicken war die Antwort. Sie trat aus dem Schatten der Mauern auf den Weg. Auf dieser Seite des Anwesens fiel der Hang steil ab und unten im Tal konnte man die Hafenfestung von Selnus und die Thassa sehen. Terrassen voller Ta Trauben warteten auf die Lese und auch sie würde mit den anderen Kajirae in den nächsten Tagen nichts weiter tun als die großen, prallen Trauben pflücken und bei ihrer Verarbeitung helfen. Sie trat vor bis auf die kühlen Felsen, die die natürliche Begrenzung der Hänge waren und blickte hinunter. Weit entfernt in der Thassa spiegelte sich das Licht der drei Monde. In der Taberna unten brannte noch Licht, ebenso in der Heilerstube.

Selnus war im Vergleich zu Telnus eine winzige Stadt, deren Kern und Zentrum die Hafenfestung bildete. Chaya war häufig dort unten gewesen. Markt, Schmiede, Scriptorium und ein kleiner Tempel befanden sich dort, so dass die Menschen dort alles fanden, was sie zum Leben brauchten. Vor allem fanden sie dort aber Gesellschaft, die sie auf ihren Höfen, die einsam in die Hänge geschlagen waren, oft nicht hatten, so dass der Markt in der Hafenfestung ein beliebter Ort für den Austausch von Neuigkeiten und Informationen war. Das Leben in Selnus war nicht mit dem Leben in einer Stadt wie Turmus zu vergleichen. Das Leben war ruhiger und von der Ernte der Inselfrüchte bestimmt: Kalana, Ta Trauben und Oliven. Lurius, der aus Jad stammte, schätzte die Abgelegenheit seines Landsitzes sehr. Aber er musste den steilen Weg vom Hafen bis nach oben auch selten laufen und schon gar nicht mit schweren Vorratskörben beladen, die wundgescheuerte Schultern hinterließen. Oben angekommen waren die bloßen Füße bis hoch zu den Waden staubig von der roten fruchtbaren Erde der Insel. Lurius wurde in einer Sänfte getragen. Viele Kajirae spöttelten heimlich, dass er in der Festung unten gar nicht durch einige Türen passen würde.

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Obwohl das Klima mild war, war Cos eine rauhe Insel und Selnus ohne Zweifel eine Stadt, die dem Gemüt der Krieger stark entgegenkam. Karg und einfach, geprägt vom Rot der Erde, dem Blau der Thassa und den dunklen Felsen. Was hier wachsen und gedeihen wollte, musste sich anpassen. So war es in gewisser Weise auch mit den Menschen. Cos war ganz in der Hand der roten Kaste, an deren Spitze Lurius mit eisernem Willen und der Gerissenheit eines Seasleens regierte. Die Herrschaft der roten Kaste prägte das Inselleben über alle Maßen. Händler taten gut daran sich mit ihr gut zu stellen und zahlten entsprechend für Posten, die ihnen nützlich waren. Die großen Familien von Cos unterhielten Privatheere, zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz der Insel im Falle einer Bedrohung von außen. Krieger und Händler, den Eindruck hatte Dionyza, waren die entscheidenen Kräfte. Dem Willen der roten Kaste musste sich jeder beugen, denn der Stahl wog auf Cos so viel mehr als anderswo, obwohl in Telnus, so hatte Chaya gehört, ein hoher Rat von Schriftgelehrten die Stadt führte.

Mit dem Fortschreiten der Nacht wich auch die letzte gespeicherte Wärme aus dem Felsen und sie spürte die Kälte an ihren Fußsohlen. Ein letzter Blick über das nun ganz und gar schlummernde Selnus, dann ging sie wieder hinein. „Mutter, Vater…Laertes, Scipio und Helena, mögen euch die Priesterkönige beistehen…auch wenn es mir nicht mehr gestattet ist, einen Tempel zu besuchen“, flüsterte sie, bevor sie sich auf ihrem Fell zusammenrollte und der gnädige Schlaf sie erlöste von ihren Grübeleien. Das Gift des cosichen Flügelfisches, das Alja ihr in Belnend zugesteckt hatte, ruhte immer noch sicher in einem Versteck in einer Felsspalte nicht weit entfernt. Solange sie es hatte, blieb ihr eine letzte Möglichkeit der Selbstbestimmung. Ein letzter Schimmer von Hoffnung.

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