Ruf des Heimsteins

Der Bote von Seremides erreichte sie, als sie sich bereits auf dem Rückweg nach Turmus befanden. Cato brach das Siegel des Ubars und überflog die Nachricht, dann sah er auf und Amira versuchte in seinem Gesicht zu lesen. Zunächst war es ausdruckslos, dann ungläubig und zum Schluss stahl sich dies kleine Lächeln in seine Augen, das sie so sehr liebte.

„Wir müssen schneller reisen, Amira. Der Hohe Rat hat mich zurück ins Amt gerufen. Seremides hat abgedankt und die Krise gilt offiziell als beendet.“ fasste er den Inhalt der Botschaft für sie zusammen. Sie sprang auf und fiel ihm um den Hals. Dann brach eilige Geschäftigkeit aus. Es galt zu packen und einen Tarnflieger zu finden, um die Reisezeit zu verkürzen.

Scipio hatten sie nicht ausfindig machen können. Aber seltsamerweise hielt sich ihr Sorge in noch erträglichen Grenzen. Er war ein junger Mann und wusste mit dem Bogen umzugehen. Vielleicht, so mutmaßte Cato, hatte er sich verliebt und stieg einer jungen Freien hinterher. Mit einem ganzen Bündel voll wertvoller Erfahrungen würde er irgendwann nach Turmus zurückkehren.

Ihre ersten Schritte in Turmus führten sie zu Talia. Ihr Bauch war nun sichtlich gewölbt und sie bewegte sich nicht mehr so mühelos wie vor ihrer Reise. Amira ließ es sich deshalb nicht nehmen den Becher Wasser für Cato selbst zu holen.  Als sie sich wieder niederließ, erblickte sie das Regal mit Talias Zar-Pokalen und den vielen Urkunden.

talia_001

Talia war eine Frau, die andere häufig unterschätzten. Sie war nicht nur klug, sondern verfügte auch über die Fähigkeit sich schnell und problemlos in andere hineinzuversetzen, wodurch ihr Probleme meist schon klar wurden, bevor die betreffende Person überhaupt davon ahnte. Diese Fähigkeit war in ihrem Amt unendlich kostbar. Deshalb war es Cato wohl auch wichtig, sie gleich wieder einzusetzen und seine Wertschätzung für ihre Arbeit auszudrücken. Zu diesem Zeitpunkt ahnten sie noch nicht, dass Talias neuer Arbeitsbeginn fürs erste wohl verschoben werden musste.

Da Talia nach dem langen Bericht über die Ereignisse während ihrer Abwesenheit müde wirkte, brachen sie bald auf. Am Stadttor kaufte Amira von einer Kajira, die Backwaren für Gwenda austrug, einen Kajirakringel für Cato. Es war lange her, dass er diese Köstlichkeit hatte genießen können. Vulo war auch dabei und berichtete – ebenso wie Talia – von der geistigen Verwirrung von Isabell. Das roch nach viel Arbeit, lag doch vermutlich die Hafenverwaltung brach.

sklavinnen_002

Sie brauchten nicht lange nach der Verwirrten zu suchen, denn kaum hatten sie den Hafen erreicht, fanden sie Isabell im Gespräch mit der heimsteinfremden Schneiderin Trakena. Isabell erkannte nichteinmal Cato und deshalb wies Amira die Schneiderin darauf hin, dass Isabell keinesfalls geschäftstüchtig war. War es ihr doch so vorgekommen, als habe Trakena Isabell irgendwie zwei Silber für irgendetwas aus den Rippen leihern wollen.

trakena_001

Amiras Vorschlag, dass man die Verwirrte besser unter Hausarrest stellen sollte, stieß allerdings bei Lady Jean auf taube Ohren. Heiler sind ja immer um das Wohl ihrer Patienten besorgt und sie befand es für günstiger, wenn Isabell in vertrauten Gefilden wandelte und möglichst viel Kontakt zu vertrauten Personen hatte, damit ihr Gedächtnis möglichst schnell zurückkehren konnte. Später am Abend sollte sich zeigen, dass Lady Jean ihre Entscheidung wohl noch bereuten sollte.

Vorerst führte Cato aber das Gespräch weiter, denn er hatte in Anbetracht der Nachrichten über die kasratische Seuche – seine Bemerkung über die Exportkraft Kasras im Hinblick auf Fischsuppe, barfüßige Regentinnen und Seuchen führte kurz zu allgemeiner Heiterkeit – angewiesen, dass alle Heimsteinfremden sich registrieren und einer Untersuchung unterziehen mussten, wenn sie länger als zwei Tage in Turmus verweilen wollten. Sie bekamen dann eine Aufenthaltsgenehmigung, die sie mit sich führen und jederzeit vorweisen mussten. So, dachte Amira bei sich, wollte er wohl auch möglichen noch vorhandenen Agenten aus Cos auf die Schliche kommen.

besprechung_001

Wie nicht anders zu erwarten war, stürzten sie am ersten Tag von einem Gespräch ins Nächste. Nach Lady Jean wandte sich Cato dem Admiral zu, der einige offene Fragen hatte. Sollten die gespannten Tarndrähte abgenommen werden? Was war mit den zwei Eimern Löschsand in jedem Haushalt? Sollten die Kajirae dennoch zur Heilerin um sich in erster Hilfe unterrichten zu lassen? Wie kam Teslit dazu herumzuerzählen, dass Turmus vergiftete Pfeilspitzen geordert hatte? Die Erörterung der letzten Frage nahm einiges an Zeit in Anspruch. Bei dem Gespräch mit Teslit waren neben Cato noch Amira und Talia anwesend gewesen. Nur normale Pfeilspitzen waren bestellt worden. Man musste so bald wie möglich klären, ob Teslit wirklich vergiftete Spitzen geliefert hatte und vor allem – auf wessen Geheiß.

Amiras Aufmerksamkeit glitt leicht ab, als Florence aus der Tür trat und einen ziemlich verwirrten und aggressiven Eindruck machte. Leider ließ sich auch mit Nachfragen der Grund dieser seltsamen Gemütsverfassung nicht ermitteln, so dass Amira sie einfach davongehen ließ und weiter dem Gespräch der Männer lauschte.

talia_002

Als der Admiral gegangen war, brach völlig das Chaos los. Talia krümmte sich auf einmal zusammen und Amira war sofort klar, dass so keine sanften Probewehen aussahen, sondern dass es möglicherweise schon losging mit der Geburt – zwei Hand hin oder zwei Hand her. Diese Einschätzung wurde bestätigt, als Cato sie dann Richtung Hafenheilerei trug und dabei schon das Fruchtwasser abging – munter über die Robe des neu eingesetzten Administrators. Amira konnte ich sein Grinsen nicht verkneifen. Das war eben echter Dienst am Bürger!

talia_004

talia_005

talia_006

talia_007

Da Talia bei Florences Tante Geraldine, der Heilerin aus dem Norden, in guten Händen war, drückte Amira noch einmal aufmunternd Talias Hand und ließ die Frauen dann ihre Arbeit in Ruhe tun. Mit vier Heilerinnen in der Stadt musste nun wirklich keine Schriftgelehrte bei einer Geburt assistieren, obwohl Amira das durchaus Freude bereitet hätte.

An sich war sie nun nur noch auf einen Kelch Kalana und etwas von Gwendas Gebäck in der Backstube aus und auch Cato wollte in Ruhe mit Brom sprechen, dem totgeglaubten Rückkehrer, da ertönte jedoch bereits Geschrei vom Pier herauf. Wie sich schnell in Erfahrung bringen ließ, war Lady Jean ins Hafenbecken gestürzt bei dem Versuch, die verwirrte Isabell davon abzuhalten mit dem nächstbesten Schiff in die Ferne aufzubrechen.

talia_008

isabell_001

isabell_002

Da es nun reichte, ordnete Cato sofort einen Hausarrest für Isabell an, den Amira dann Kraft ihres wiederelangten Amtes gleich verkündete. Aber bevor Brom die kreischende Isabell heimtragen konnte, trat Sir Turin vor und langte Isabell kräftig eine. Offenbar hatte er die Bemerkung von Cato, dass vielleicht ein Schlag auf den Kopf das Problem zu lösen vermochte, etwas zu ernst genommen.

Isabell ging zu Boden, Lady Jean kreischte etwas von Mordversuch und allgemein wurde es laut im Kreis der Schaulustigen. Amira schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Was für ein Tohuwabohu! Isabell würde es schon überleben und vielleicht konnte der Gegenschlag zum Schlag wirklich das Gedächtnis wieder herstellen. Bei Gift gab man ja immerhin auch ein Gegengift.

Als sie schon fast im Palast war, hörte sie von draußen noch die frohe Kunde: Talia hatte ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: