Mission unvollendet

Als Amira am nächsten Morgen erwachte, konnte sie sich an jedes Detail ihrer irrwitzigen Handlung erinnern, aber auch an jedes Wort, das Trajanos ihr ins Gesicht gespuckt hatte. Wie sie zurück in den Zentralzylinder gekommen war, vermochte sie nicht zu sagen, aber Lara, ein Mädchen an der Stadtkette und vormals im Besitz der roten Hand, war noch anwesend. Sie lag mit dem Kopf schlafend auf dem flachen Tisch, der vor dem Diwan stand, auf dem Amira genächtigt hatte. Jemand war so umsichtig gewesen und hatte ihr die Sandalen von den Füßen gelöst und sie von Umhang und Schleier befreit. Unter Laras Kopf zog Amira sanft eine Schrift aus Catos Sammlung hervor. Offenbar hatte das Mädchen hier bei ihr gewacht und noch offensichtlicher hatte sie sich die Zeit vertrieben und war des Lesens mächtig. Von Lara erfuhr Amira schließlich, dass Isabell, Talia und Mithrandriel sie heimgebracht hatten. Die Kajira hatten den Auftrag bekommen über Amiras Schlaf zu wachen und im Notfall Lady Jean, die Heilerin, aus dem Bett zu holen.

Kaum war Amira auf den Beinen, stürmte auch schon Cato ins Zimmer. Er hatte schon von ihrer „Heldentat“ gehört und war auch schon bei Seremides gewesen, der offenbar tobte über Amiras Eigenmächtigkeit und ihr Handeln ohne Befugnisse. Er hatte Cato befohlen seine Gefährtin unter Hausarrest zu stellen, weil sie „eine Gefahr für die Bürger“ sei. Aber das war nicht das Schlimmste: Trajanos lebte. Schwer verletzt, vergiftet vom Rauch und übersät mit Brandwunden lag er in seiner Zelle – aber er lebte! Offenbar hatte man ihn aus dem brennenden Inferno gezogen, bevor die Flammen ihn auslöschen konnten.

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Cato war ebenfalls zornig und Amira verkannte zunächst seine Motivation dazu – so gab ein Wort das andere und brachte sie gegeneinander auf, obwohl sie gerade jetzt hätten zusammenstehen sollen. Am Schluss der Auseinandersetzung stand eine Ohrfeige, die Cato Amira verabreichte. Eine von Titus geschickte Sklavin hatte ihm eine Botschaft überbracht und Amira hatte seine Autorität in Frage gestellt und sich darüber lustig gemacht, dass er die Meinung des Ubars scheinbar unbedacht übernommen hatte. Hausarrest! Amira würde keinem Bürger von Turmus ein Haar krümmen. Aber der Schmerz der Ohrfeige drang bis in ihr Innerstes vor und sie kam zur Besinnung, sammelte vor den besorgten Augen von Isabell ihren zerrissenen Schleier ein und las die am Boden verstreuten Ziersteinchen auf.

Schließlich ließ Cato sich erweichen und erlegte ihr Sanitätsdienst im Lazarett am Hafen auf um ihren Hausarrest erträglich zu gestalten. Mehr konnte er nicht tun ohne die Autorität von Seremides zu untergraben. Wenig später verließ Amira mit Isabell den Zentralzylinder um ihren Dienst an den verletzten Kriegern aufzunehmen und sich um die sich sorgenden Kriegerfrauen zu kümmern. Ein kluger Kaissazug von Cato, die Frauen in ihrer Liebe zum Heimstein zu vereinen und Amira innerhalb der roten Kaste Aufopferung und Hass zum Feind demonstrieren zu lassen. Auch ein Ubar war nicht ganz unabhängig von der Meinung der Bürger und Bürgerinnen.

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Auf dem Weg zur Hafenheileri half Amira noch Luc con Kasra die Säcke mit den eingesammelten Metallgegenständen zum Einschmelzen und zur Herstellung von Pfeilspitzen an die Schmiede zu tragen. Als Luc von ihrer gescheiterten Tat hörte, versorgte er sie in seiner gewohnt unkomplizierten Art mit einem Dolch und erklärte ihr auch gleich, wie dieser so angewandt werden konnte, dass weder der Täter ermittelt, noch die Stichwunden überlebt werden konnten. Dies alles unter dem Deckmantel einer Einweisung in den Kriegssanitätsdienst. Dass Luc sich als Legat des Südens nun überwiegend in Turmus aufhielt, war für Amira keine unwillkommene Sache. Die Verabreichung des Iskander Serums hatte er ihr offenbar verziehen und geblieben war eine freundschaftliche Verbundenheit, die nicht ganz frei von einem Gefühl war, das weniger freundschaftlich, sondern viel mehr unsittlich war. Aber beide wahrten die Form. Amira schätzte seine Ratschläge und brachte ihm Respekt entgegen. Sie hatten einst gut Hand in Hand gearbeitet und Luc konnte für Turmus von großem Nutzen sein – gerade jetzt in der Krise und mit seinem Wissen über Cos.

Was Cato sicher nicht geahnt hatte, als er Amira Lazarettdienst auferlegte, war, dass Florence, die junge Heilerin sie mit zum Verbandswechsel der Gefangenen in die Festung schleppte. Amira war es selbst nicht ganz geheuer, aber der wachhabende Rarius hatte entweder nicht geschaltet oder noch keine eindeutige Weisung von Seremides erhalten. Man ließ die beiden Frauen ungehindert in die Zelle von Trajanos treten. Unter ihrem Umhang spürte sie den Dolch und ein Kribbeln lief durch ihre langgliedrigen Hände. Würde es eine Gelegenheit geben ihre Mission zu vollenden?

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Trajanos dämmerte in fiebriger Bewusstlosigkeit vor sich hin. Als Amira ihn ansah, fuhr ihr das Entsetzen tief in alle Glieder und ihre Hände begannen zu zittern. Sein Leib war übersät von Brandwunden, deren Blasen sich teilweise zu öffnen begannen, aber das Schlimmste war der Anblick seines Gesichtes. die linke Gesichtshälfte war zu einer ineinander verschmolzenen rohen Masse geworden, die keinerlei menschliche Züge mehr aufwies. Amira dachte an die Entstellung des Gesichts ihrer Mutter, aber dies hier war frisch. Der Geruch von versengter Haut hing im Raum und als sie auf Geheiß von Florence begann den Kopfverband zu lösen, löste sich mit dem Stoff teilweise auch schwarz verbrannte Haut in großen Stücken.

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Während seine Wunden versorgt und seine Verbände erneuert wurden, erwachte Trajanos hin und wieder aus einem Dämmerschlaf, aber er schien niemanden zu erkennen, nur einmal, als Amira seinen Kopf hob, damit Florence ihm Trinkwasser einflößen konnte, sah sie ein Erkennen und Angst in seinen Augen, aber nur für einen Moment, dann wurde die Angst zu Verachtung und zu Hass. Zitternd legte sie Trajanos‘ Kopf wieder auf die Pritsche zurück. Seine Schmerzen mussten unmenschlich sein und er konnte es nicht verbergen. Aber genausowenig konnte er verbergen, was er für Amira empfand. Wenn er sie je in seine Finger bekäme, wäre sie des Todes  – dessen war sich Amira sicher. Sie warf einen sehnsüchtigen Blick auf ihren Umhang, unter dem der Dolch verborgen lag, aber Florence wachte die ganze Zeit über jeden ihrer Handgriffe und zudem wäre die Tat nicht im Stillen verrichtbar, solange vor der Tür ein Rarius Wache schob.

Nein, dies war kein geeigneter Moment um die Tat zu vollenden.

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