Der Ring

„Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“

(Tolkien, Herr der Ringe)

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Amira hatte sich früh ins Bett zurückgezogen, obwohl sie den Abend gern mit Cato verbracht hätte. Am Mittelfinger ihrer rechten Hand glitzerte der Diamantring, den er ihr geschenkt hatte. Es war ein wunderschönes Schmuckstück von beträchtlichem Wert und sie hatte nicht damit gerechnet. Es gab keinen Anlass, der ein Geschenk erforderlich gemacht hätte und so war sie umso erstaunter und glücklicher, als sie die kleine Schachtel öffnete und das Feuer der Diamanten ihre Sinne betörte.

Aber schon beim gemeinsamem Abendbrot mit Helena war ihr übel gewesen und das hatte sich im Verlauf des Abends noch gesteigert, bis sie schließlich das Essen wieder von sich gehen ließ und versuchte die stechenden Kopfschmerzen im Liegen auf dem Diwan niederzukämpfen. Sie entschuldigte sich bei Cato für ihre Unpässlichkeit und zog sich zum Schlafen ins abgedunkelte Schlafgemach zurück. Mitten in der Nacht, Cato lag schon friedlich schlafend an ihrer Seite, erwachte sie erneut und erbrach den Tee, den sie vor dem Zubettgehen noch zu sich genommen hatte. Die Kopfschmerzen waren unerträglich und ihr Mund war wie ausgetrocknet. Mühsam erhob sie sich von der gemeinsamen Bettstatt und ließ sich von Greta einen neuen Tee bringen und auf den Diwan am Kamin betten.

Nachdem die Nacht vorübergegangen war, fand Cato sie am Vormittag dort noch immer liegend vor. Bleich und mit dunklen Schatten unter den Augen. Als er ihr einen neuen Tee reichen wollten, glitten ihre Finger an der Schale vorbei und die heiße Flüssigkeit ergoss sich über ihr Nachtgewand. Es war als sei keine Kraft mehr in ihrer Hand und die Finger schlossen sich nicht wie sonst unter ihrer Willenskraft. Cato half ihr mit einem Tuch und befahl ihr liegen zu bleiben. Dann ging er nach einer der Heilerinnen schicken.

Sir Janus brachte Lady Florence mit in den Palast. Die junge Heilerin in Ausbildung flog nur so die Stufen herauf,  schickte Cato dann erstmal hinaus, da er zunehmend nervöser wurde und sie so womöglich keinen klaren Gedanken fassen konnte. Amira seufzte. Sie mochte Florence ohne jeden Zweifel, aber sie war noch in der Ausbildung. Würde sie ihr helfen können? Kaum hatte Cato den Raum verlassen wuchs die Sicherheit in der jungen Frau und sie ließ sich die Symptome schildern und auch wie lange das schon so ging. Die Lähmung der Hand veranlasste sie dann zu einer Frage, die Amira zunächst einmal misstrauisch werden ließ.

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„Lady Amira, wie geht es euch denn seelisch?“ fragte Florence sanft.

„Wie meint ihr das, seelisch?!“ Amira versuchte sich aufzurichten.

„Nun, fühlt ihr euch sehr belastet…ich weiß ihr habt großen Kummer derzeit….“ erklärte Florence vorsichtig. Amiras Reaktion konnte ihr nicht entgehen.

„Ich drehe nicht durch, wenn ihr das meint, Lady Florence!“ Amira versuchte ihrer Stimme einen festen energischen Ton zu verleihen, aber ihr Hals ließ sie im Stich und erst nachdem sie gehustet hatte, konnte sie hervorstoßen: „Cato und ich kommen damit zurecht. Er ist ein wunderbarer Mann. Erst gestern hat er mir diesen Ring geschenkt, wir werden auch das hier überstehen…“

Florence schwieg einen Moment und blickte auf den funkelnden Ring an Amiras Hand. Dann setzte sie sich zu ihr auf die Kante des Diwans und wollte wissen, wann genau sie den Ring bekommen hatte und von wem. Amira gab den gestrigen Mittag an und erklärte noch einmal, dass er ein Geschenk von Cato sei.

„Lady Amira, würdet ihr mir den Gefallen tun und den Ring ablegen? Vom wem hat Cato den Ring gekauft?“

Amiras Augen weiteten sich. „Das habe ich nicht mitbekommen. Ich habe auch nicht nach dem Preis gefragt! Das gehört sich nicht. Warum soll ich in ablegen? Er ist nicht zu eng, er passt wie angegossen!“

Florence brachte ihr eine Schale und sagte sanft „Legt ihn hier herein. Es ist nur eine Möglichkeit, aber er könnte vergiftet sein. Ich werde Sir Janus nach Nienna schicken oder besser noch, nach Lady Alja in Belnend.“

Schweigend vor Entsetzen nahm Amira mit der funktionierenden Hand den Ring von ihrem Finger und ließ ihn die Schale fallen. Sie betrachtete ihre Hand, aber keine Spur von irgendetwas war zu sehen. Florence reinigte ihre Hand mit Green Paga und kurz darauf fiel Amira schon in einen unruhigen Schlaf.

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Viele Stunden später erwachte sie und fand zwei Heilerinnen vor. Lady Alja war eingetroffen und Lady Florence war dabei, ihr ihren Verdacht zu schildern. Lady Alja hieß Amira in kleinen Schritt in Wasser gelöste medizinische Kohle trinken und untersuchte den Ring vorsichtig und genau. Sie entdeckte winzige Spuren einer austretenden Substanz und machte sich sofort daran ein Antidot herzustellen, das sie Amira spritzte. Inzwischen war Cato wieder dazu gekommen und fassungslos über das, was er zu hören bekam. Quecksilber, so nannte Alja die Substanz, die aus einer kaum sichtbaren Öffnung des Ringes auszutreten schien. Sie vermutete, dass Amiras Körperwärme einen wie auch immer gearteten Propfen aufgelöst hatte und das Gift so angefangen auszulaufen und an ihre Haut zu gelangen.

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Alja stellte nun Cato die alles entscheidende Frage nach der Herkunft des Ringes. Inzwischen war auch Talia vor Ort und als sie von der Vergiftung hörte, begann sie sich Sorgen zu machen. Cato hatte den Ring bei der Händlerin aus Brundisium gekauft und Talia hatte auch einen Ring von dort getragen. Was war, wenn sie nun auch vergiftet war? Dafür gab es nach Aljas Untersuchung keine Anzeichen, trotzdem ahnte Amira wie Talia zumute war, als sie die obere Etage verließ um unten im Palast die Termine für Cato abzusagen. Sie sorgte sich um ihr ungeborenes Kind.

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Als auch Florence gegangen war, die sowohl von Amira als auch von Alja ein großes Lob für ihre scharfsinnige Geistesgegenwart erhalten hatte, setzte Alja sich hin und zog einen kleines zerknittertes Stück Papier aus ihrer Tasche. Sie reichte es Cato, während Amira unter ihrer Decke lag und spürte wie das Antidot zu wirken begann. Besonders der Hustenreiz nahm bereits ab.

Catos Finger begannen zu zittern, dann reichte er Amira die kurze Botschaft, die hastig auf das Blatt gekritzelt worden war.Sie enthielt eine Warnung. Und geschrieben hatte sie ein Mädchen, dessen Name einst Dionyza von Turmus gewesen war.

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One Response to “Der Ring”
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  1. […] also konnte es sich nicht um ihn handeln. Wenn etwas war dann mit Amira oder Helena. So ein Mist. Es verging so viel Zeit, dass ich das Gefühl hatte eine Laufspur in die Platten des Palastes getrab… Ich legte alle Kraft und Würde in meine Worte, nochmals würde ich mich nicht abspeisen lassen.  […]



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