Die Namenlose

Vom Freihafen Port Lydius hatte Dionyza schon viel gehört. Aus Erzählungen ihrer Mutter, die zuweilen noch von der Pracht und Schönheit des „Ar der Nordens“ schwärmte, wusste sie sie, dass Lydius zwar eine schöne Stadt, aber kein ungefährliches Pflaster für Bürger aus Turmus war. Ganz besonders Angehörige von Del-ka oder Sympathisanten von Del-ka taten dort besser nicht den Mund auf, wenn sie ihr Leben nicht unnötig aufs Spiel setzen wollten. Sie wusste, dass ihr Vater und der Administrator von Lydius alte und erbitterte Feinde waren. Alles andere lag für sie im Dunklen und hatte sie bisher auch nicht stark interessiert.

Zunächst hatte sie sich gefreut, dass Trajanos sie mitnehmen wollte auf seine Reise. Reizte sie ihn genug, dass er sie bei sich haben wollte? Dieser Gedanke ließ ihr Herz vor Zuneigung zu ihm entbrennen.  Aber nun, da sie wusste, in welche Stadt es ging, nachdem sie die Städte am Vosk hinter sich gelassen hatten, reiste sie gemischten Gefühlen. Es war durchaus möglich, dass er sie aus anderen Gründen mitgenommen hatte in die Stadt des Feindes ihres Vaters. Vielleicht erfüllte sie eine Funktion, von der sie noch nichts ahnte. Als sie in Lydius ankamen, war nichts so, wie Dionyza es sich vorgestellt hatte. Statt der Eleganz einer Ar nacheifernden Stadt erinnerten sie die Häuser mehr an den Norden. Kassau. So hatte sie sich Kassau oft vorgestellt. Aber sie hatte nicht viel Zeit darüber nachzudenken, was wohl geschehen war.

Schon am ersten Abend traf Trajanos auf Gar, den Administrator von Lydius. Unbeeindruckt von der Architektur betrat sie den Palast. Eine bizarre Mischung unterschiedlichster Stile entfaltet sich vor ihrem Auge. Es war fast, als wäre das Durcheinander der Stadt ein inneres Abbild von den politischen Zuständen, über die ihr Vater immer geklagt hatte. Ganz und gar nicht unbeeindruckt war sie von Gar. Sie drückte sich dich an Trajanos‘ Beine um nicht weiter aufzufallen und wandte sich im Stillen an die Priesterkönige, dass Trajanos ihre Herkunft nicht thematisieren möge. Zunächst schien es so, als seien ihre stummen Bitten erhört wurden, aber der Frieden währte nicht lange. Gars Blicke waren immer wieder nachdenklich über sie gewandert und schließlich war es Trajanos, der erklärte, dass sie die Tochter von Cato und Amira sei. In Gars Blick schlich eine Art Genugtuung, der ihr Schauer über den Rücken jagte. Die Männer schienen sich gut zu verstehen. Zu gut für Dionyzas Geschmack. Gemeinsam entrollten sie Jahr für Jahr der Vergangenheit ihrer Eltern bis sie zu Wahrheiten vordrangen, die Dionyza das Blut in den Adern gefrieren ließen. Es drohte Gefahr. Für ihre Familie. Für Turmus.

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Es wurde spät, so dass man den zweiten Teil des Gespräches auf den übernächsten Tag verlegte. Trajanos vertrieb sich die Zeit im Badehaus und in der Taverne, Dionyza dabei stets eng an seiner Kette. Sie war mit nichts bekleidet als einem goldenen, juwelenbesetzten Gürtel, der ihren Schritt verschloss und Ketten, die Arm- und Fußgelenke miteinander verbanden. Es war schwer, ihm zu gefallen. Sie hatte stets das Gefühl Opfer seines Spottes zu werden und selten fand er ein anerkennendes Wort für sie. In dichter Taktung handelte sie sich Strafen ein und schon bald hatte sie das Gefühl, sie würde ihren Rücken nie mehr ohne schmerzende Striemen spüren.

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Am nächsten Tag trafen sie auf den Händler, den sie zuvor schon in Jorts Fähre gesehen hatten. Der Besuch in Jorts Fähre war von kurzer Dauer gewesen. Unter den Städten der Liga, die sich einer Perlenkette gleich am Vosk aufreihten, hielt Trajanos Victoria und Turmus für bedeutender. Jorts Fähre, so hatte er gesagt, sei keine Stadt zum Einnehmen, sondern ein Dorf zum Abbrennen.

Zu Dionyzas Verwunderung wollte besagter Händler sie nun kaufen. Für einen Moment überlegte sie, was der Grund dafür sein konnte, ob er sie vielleicht als Tochter von Cato erkannt hatte. In Jorts Fähre jedenfalls hatte er noch kein Kaufinteresse geäußert, überhaupt war er da viel schweigsamer gewesen als jetzt in Begleitung von drei Kriegern als Eskorte. Ihr Hals schnürte sich vor Angst zu. Lydius mochte schon den rauhen Charme eines Norddorfes haben, aber ihr Dasein in einem Dorf fristen, in dem der Putz schon an den Wänden schimmelte, war eine Vorstellung, die ihr noch weniger behagte. Trajanos lachte und wickelte die Kette fester um seine Hand. Nein, er hatte nicht vor sie zu verkaufen. Sie atmete auf und folgte ihm zum Wirtshaus, wo Gar bereits entspannt in der Sonne saß.

Trajanos und Gar verzogen sich ein eine Ecke des Gasthauses und tauschten Dokumente aus, die Dionyza nicht einsehen konnte. Zu weit weg kniete sie an Trajanos‘ Seite, aber sie sah an Gars Gesicht, dass sie wohl Angaben enthielten, die ihm Freude bereiteten. Unter anderem ging es um eine Heilerin namens Opalja, die in Belnend ansässig sein sollte und die in der Lage sein sollte, eine noch offene Lücke zu schließen. Die Männer verabschiedeten sich voneinander und am nächsten Morgen wollte Trajanos früh nach Belnend aufbrechen.

Immer noch hatte er ihr keinen Namen gegeben. Wenn er sie so sehr verachtete, warum verkaufte er sie dann nicht?

Dionyza klammerte sich fest, als sich die Schwingen des Tarns mit kräftigen Schlägen in die Luft erhoben. Sie war nackt und vor ihm auf dem Sattel festgebunden. Ein Funke Hoffnung, dass Trajanos sie vielleicht doch gern um sich hatte, nistete noch in ihrem Herzen. Die Morgenluft ließ sie erzittern. Lydius unter ihnen wurde kleiner und kleiner, bis es schließlich ganz verschwand und den Wäldern wich, die sich wie ein grünes Band an der Thassa entlangzogen.

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