Ins Nichts verstoßen

“Then be it so,” he said, “you are henceforth condemned to wander the world alone and friendless, with no city, with no walls to call your own, with no Home Stone to cherish. You are henceforth a man without a city, you are a warning to all not to scorn the will of the Priest-Kings – beyond this you are nothing.”
Outlaw of Gor, p. 42

***

Amira richtete ihren Blick auf einen Punkt etwas oberhalb der Menschenmenge, die sich versammelt hatte. Sie stand so dicht neben Cato, dass ihr Arm zuweilen seinen berührte, nur der Stoff ihrer beiden Roben trennte sie voneinander. Viele waren der Ankündigung der Ausrufer gefolgt und gekommen um zu sehen, wie der Administrator Gerechtigkeit walten ließ. Einige aus Sensationsgier, viele um Genugtuuung zu spüren, aber auch einige Vertraute, um deren Mitgefühl Amira wusste. Alja hatte sie einen Moment vor Beginn der Zeremonie beiseite genommen und ihr Mut zugesprochen.

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Es war ihre eigene Tochter, die Cato heute der Verbannung unterziehen würde. Brot, Salz und Feuer würde man ihr in Turmus verweigern und sie damit ins Nichts verstoßen. Schutzlos. Tod und Verderben ausgeliefert. Als Cato sich räusperte, verstummte die Menge, deren Gewisper wie das Summen in einem geschäftigen Bienenstock geklungen hatte.

Seine Worte waren gut vorbereitet, das spürte Amira. Er hatte nichts dem Zufall überlassen wollen in diesem Moment, da er im Widerstreit der Gefühle zwischen Vater und Administrator, zwischen Zuneigung zum eigenen Blut und seinem Sinn für Recht und Ordnung, vor den Bürgern von Turmus stand. Er hatte zuviel getrunken, aber das war ihm nicht anzumerken. Anders als Amira, die leicht zu schwanken begann, als Cato Dionyzas Verrat in deutlichen Worten beschrieb. Er ließ nichts aus. Nicht den Angriff auf ihre Familie, nicht das unbefugte Nutzen seines Siegels und vor allen Dingen nicht ihr Überlaufen zum Größten aller Feinde – Lurius con Jad.

Vereinzelt waren nun Rufe aus der Menge zu hören, Ausdrücke von Hass und Verachtung über das was Dionyza getan hatte. Kurz blickte Amira in die Augen von Sir Turin und las darin Zustimmung Respekt für Cato. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, verborgen unter ihrem Gesichtsschleier, der an diesem Tag auch ihre Augen weitgehend verbarg. Sie hatte ihn bewusst gewählt und gut gewählt, denn als Cato zum eigentlichen Akt der Verbannung überging, war sie kaum noch in der Lage aufrecht zu stehen, geschweige denn die Tränen zurückzuhalten.

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Catos Stimme drang nur noch in Bruchstücken zu ihr durch. Scherben gleich, die sich scharf und kantig in ihr Innerstes bohrten.

uns alle verraten…verdammt sein…allein und freudlos…Warnung für alle…verweigere Dionyza Brot, Salz und Feuer…Tod und Verderben

Sie senkte den Kopf und begann leise zu schluchzen. Cato berührte kurz ihren Arm. „Es ist gleich vorbei, Amira. Reiß dich zusammen.“

Symbolisch wurden auf sein Geheiß die Stadttore verschlossen und dann brachen die zustimmenden Rufe der Menge über sie herein, die mehr und mehr in ein „Heil Turmus!“ übergingen. Die Bürger standen hinter Cato. Er hatte sich erneut ihren Respekt verdient. Just in dem Moment als Cato die Zeremonie beendete, stürzte Amira beiseite und verschwand in die dunkle Gasse zwischen Stadtmauer und dem Haus, das sich Sir Arion und seine Gefährtin Tama und der neue junge Händler und seine Schwester teilten.

Dionyza. Sie erinnerte sich an den Moment als man ihr das kleine Geschöpf auf den Bauch gelegt hatte. Schwarze Haare wie ihr Bruder Laertes. Haut wie Milch mit einem Schuss Blackwine. Wie das pure Leben hatte dies kleine Wunder geduftet und sie hatte es an sich gedrückt und nie wieder loslassen wollen. Hier in Turmus waren die Mädchen geboren worden und Cato und Amira sahen sie als Vorboten von Glück und dem Gelingens all ihrer Pläne.

Dann spürte sie Nienna hinter sich. Die Heilerin bot ihr sanft ein paar Pastillen aus beruhigenden Kräutern an. Amira bezweifelte, dass ihr in diesem Moment der tiefsten Trauer Kräuterbonbons helfen würden, aber es war die Geste, die zählte und sie sah Nienna dankbar an und nahm die Pastillen an sich. Als sie sich zurück Richtung Stadttor begab um wieder ihren Platz an Catos Seite einzunehmen, traf sie auf Aeneas, der offenbar immer noch als Treiian in der Stadt weilte. Hatte sie angenommen, dass der schlimmste Moment vorbei war, so hatte sie ihre Rechnung ohne Aeneas gemacht. Seine Worte trafen sie mitten ins Herz, das sich krümmte wie von einer Lanze durchstoßen.

„Eine Mutter, die ihre Tochter im Stich lässt, hat von mir kein Mitgefühl zu erwarten.“

Fassungslos sah sie ihn an. Er hatte den ersten Teil der Zeremonie verpasst, er verfügte nicht über die Informationen, die notwendig waren und Amira wusste, dass seine Worte nur darauf abzielten sie aus der Fassung zu bringen. Und dennoch. In diesem Moment war ihr Herz eine einzige große Wunde, in die er mühelos vordringen konnte. Nienna legte schützend die Hand auf ihre Schulter und wies ihn zurecht. Amir schlug ihm in einer Mischung aus fassungsloser Wut und grenzenlosem Schmerz die Larma aus der Hand, in die er gerade beißen wollte.

Dann eilte sie fort. Sie würde niemandem helfen, wenn sie auf der Straße die Fassung verlor und einen Fremden ohrfeigte.

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  1. […] versagte ihr Brot, Salz und Feuer in Turmus. Als die Stadttore symbolisch geschlossen wurden war es für Lady Amira zu viel. Sie zog […]



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