Brandstiftung und flammende Reden

Amira hörte die Stimmen der Ausrufer bis hinein ins Badehaus, während sie Florences Worten lauschte. Die junge Heilerschülerin hatte sich auf Geheiß ihrer Tante in Turmus niedergelassen und bewohnte nun eine kleine, aber hübsche Wohnung mit Balkon am Hafen. Das Wasser war angenehm temperiert und Amiras Haut fühlte sich weich und seidig an nach dem Bürstenmassage durch Farah.

badehaus_005 badehaus_008

Wie immer trug Amira auch im Bad ein Tuch um die Hüften gewickelt um das Kef den Blicken Unbefugter zu entziehen. Florence gab sich gerade den reinigenden Bewegungen Farahs hin und berichtete von ihrem Erlebnis mit Dionyza. Amiras Laune verfinstere sich leicht, aber dennoch ließ sie sich den Tag nicht verderben. Die Ausrufer hatten es verkündet. Heute würde Cato auf dem Forum zu Bürgern und Bewohnern sprechen. Sie kannte nur Bruckstücke seiner Rede, aber deren Inhalt sehr wohl. Und sie war guter Hoffnung, dass die Gesandte klug genug war einzusehen, dass ihre Mission gescheitert war. Womöglich würde sie noch am Abend Turmus verlassen haben.

Der letzte Anstoß für Catos Entschluss und für die deutliche und klare Botschaft war das Niederbrennen eines Dorfes, das Turmus tributpflichtig war. Keine fünf Pasang von der Stadt entfernt, war die Rauchsäule der brennenden Sa-tarna Felder zu sehen gewesen. Nur eine junge Bäuerin hatten die Söldner am Leben gelassen und sie mit einer Einschüchterungsbotschaft zu Cato geschickt. Cato war von ruhigem Gemüt, aber Erpressungsversuche brachten sein Blut in der Regel zum Kochen. So war auch diesmal aus der erhofften Einschüchterung Turmus‘ durch Söldner, die unter ihrer Tarnung das Zeichen Cos‘ trugen, das Gegenteil erwachsen. Cato würde nicht weichen. Nicht durch Schmeicheleien, nicht durch Gold, nicht durch Gewalt. Amira kannte ihn gut genug um zu wissen, dasss man Cato nicht erpressen konnte. Als Isabell damals entführt worden war, hatte er das sehr klar geäußert. Und wenn Cato zu etwas eine klare Überzeugung hatte, dann konnten daran weder Sturmflut noch Sandsturm noch Brandstiftung etwas ändern.

rede_001

Auf dem Rückweg sann Amira über die Wahl der passenden Robe einen Moment länger nach. Wie immer zu offiziellen Anlässen würde sie sich züchtiger als gewöhnlich zeigen. Die Auswahl fiel dann auf ein neueres Modell in tiefdunklem blau mit purpurfarbenen Ornamenten und Gesichtsschleier mit dem edelsteinbesetzten Haltebügel aus reinem Gold. Sie fand Cato in relativer Gelassenheit im Palast vor. Schon strömten die Bürger Richtung Forum. In wenigen Minuten würden sie auf den geschmückten Balkon treten, sie an Catos Seite, und er würde zu ihnen sprechen. Sie hörten die Stimmen von unten wie das Surren eines Bienenschwarms.

rede_014

Als sie neben Cato dann auf das kleine Podest trat, wurde es unten schlagartig ruhiger. In der vollen Farbenpracht der goreanischen Kasten standen die Versammelten im Schatten des Triumphbogens und sahen nach oben. Cato hob zuerst die Arme, dann seine Stimme.

Bürger von Turmus, Freunde .. hört mich an!

Ihr alle wisst welcher Besuch in der Stadt weilt. Ihr alle habt bereits das ein oder andere gehört, oder mit euren eigenen Augen gesehen. Ihr wisst, welche falsche Schlange in unsere Stadt gekrochen kam, um uns mit ihrem Gift zu entzweien und unsere Stadt zu spalten. Die Schlange kam nicht heimlich, sie kam im Licht des Tages, in den feinsten und prächtigsten Roben. Vor sich her trug sie ein Schreiben, unterzeichnet von einem falschen Sleen – einem Mann, auf dessen Worte man nicht hören sollte. Sie sind schlimmer als Gift, schlimmer als ein Schlag ins Gesicht, denn seine Worte mögen zwar freundlich klingen, und treiben doch mit jedem Wort, mit jedem Satz den Stachel der Zwietracht tiefer in unser Fleisch und unsere Herzen.

Ich frage Euch Bürger und Freunde von Turmus, wie weit sollen wir den Missbrauch unserer Geduld und Gastfreundschaft noch treiben lassen. Wie lange sollen wir uns noch verhöhnen lassen, von einer falschen Schlange, die sich unter dem Schutz der Gesandtschaft durch unserer Stadt windet und uns verspottet. Wie lange noch, bis die zügellose Frechheit, die sich so trotzig brüstet, ihr Ziel findet? Sie umstricken unsere Kinder mit den Netzen der Verführung, brüten über  ruchlosen Plänen. Eine gewisse Eleganz und Schlauheit liegt in diesem Plan, das muss ich neidlos anerkennen. Der Sleen aus Cos sandte uns eine Schlange, mit vielen für die Jugend der Stadt verführerischen Eigenschaften.

Ich frage die Schlange und den Meister der Schlange: merkt ihr nicht, dass eure Pläne längst durchschaut wurden? Wem von uns, meint ihr, ist noch unbekannt, was die Schlange in der letzten Nacht getrieben hat, wen sie umgarnt hat, welche Leute sie um sich versammelt und welche Pläne gefasst wurden. Was kannst Du, Ravenna con Jad, noch weiter hoffen, wenn weder die Nacht mit ihrem Dunkel die verbrecherischen Unternehmungen deiner Verschwörung zu verhüllen vermag? Gib Dein Vorhaben auf Gesandte aus Cos und vergiss Mord und Brandstiftung.

Kehre zuück nach Cos, verlasse unsere Stadt, die Tore stehen offen. Allzu lange vermisst man dich schon in Cos als Ratgeberin des ach so großen und mächtigen Ubars Lurius. Nimm deine Anhänger mit fort, säubere unsere Stadt! Unter uns kannst du nicht länger weilen; ich werde dies nicht zulassen, nicht ertragen und keinen Tag mehr länger dulden. Kehre zurück zu deinem Ubar und lasse ihn wissen, dass Turmus niemals nachgeben wird, unsere stolzen Bürger, Schriftgelehrte, Krieger, Baumeister, Heiler bis hinunter zum einfachsten Fischer und Bauersmann niemals ihr Knie vor Cos und Tyros beugen werden.

Eure Pläne gegen Turmus und die Städte am Vosk liegen offen vor uns. Ihr schmeichelt uns mit schönen Worten, mit dem Versprechen von unsterblichem Ruhm, doch eure wahren Absichten sind Tod und Verderben für alle die eurem Gift zum Opfer fallen. Diese Stadt fürchtet Cos nicht, die Bürger von Turmus werden nicht weichen und nicht nachgeben. Kehre zurück nach Cos, Ravenna con Jad, und mögen die Priesterkönige dir beistehen. Denn sie werden die einzigen sein, die dich und die deinen vor dem Untergang bewahren können.

rede_004

Ihren Erwartungen entsprechend hallten die Jubelrufe der Bürger bis zum Zylinder der Schriftgelehrten hoch, wo sie Ravenna in ihrem Quartier vermuteten.

Entgegen ihrer Erwartungen erwartete Amira im Palast eine böse Überraschung. Cato war nach der Rede Richtung Teehaus aufgebrochen um noch ein paar Gespräche zu führen. Sie selbst wollte nach den Mädchen sehen. Doch als sie das Zimmer von Helena und Dionyza betrat, geschah das Unfassbare. Sie bekam von hinten einen harten Schlag an den Kopf und dann fiel ein dunkler schwarzer Vorhang vor ihre Augen.

Advertisements
Comments
One Response to “Brandstiftung und flammende Reden”
  1. Mithrandriel sagt:

    Wie stets verstehst Du es auch bei diesem Plot hervorragend, den „spielenden Leser“ durch Deine ebenso professionellen und zeitnahen wie gleichermaßen lebendigen und spannenden Posts in den Bann zu ziehen! Diese tolle „Nachbereitung“ des Spielgeschehens ermöglicht es, das Spiel nochmals (und aus anderer Sicht) zu rekapitulieren und auch, wenn man wegen diesem lästigen RL 😉 mal nicht teilnehmen konnte, am Ball zu bleiben.
    Dafür Dir – wie auch den anderen fleißigen Bloggern, die mit dieser zeitlichen und sachlichen Detailliertheit posten – vielen Dank und ein beherztes: weiter so!

    Und noch ein Wort zum Plot: Nicht die Schlange, die man sieht, sollte man fürchten, sondern jene, die sich zurückgezogen hat – bereit hervorzuschnellen und den tödlichen Biss zu setzen…
    (hat mir ein rotgefiedertes Vöglein aus Cos gezwitschert… ach ne: getwittert heißt das ja auf neudeutsch^^)

    Licht über unseren Heimsteinen!
    Mithrandriel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: