Schatten der Vergangenheit

Sie warf einen zweiten Blick auf den Mann am Brunnen. Die Beinen steckten in Sandalen und seine rote Tunika war abgewetzt und schmutzig. Das Halstuch fransig und ausgeblichen. Insgesamt war er hagerer, als sie ihn in Erinnerung hatte, aber sein Profil war unverwechselbar. Aeneas.

Amira verlangsamte ihren Schritt und blieb schließlich stehen. Für einen Moment schien alles um sie herum stillzustehen, eingefroren in einem Eissee der Erinnerungen. Sie versuchte die Füße zu heben, aber stand starr. Starr auch ihr Blick. Aeneas  con Lydius.

Er drehte den Kopf und sah sie an. Nur flüchtig zunächst, eine still stehende Frau, die in seine Richtung starrte inmitten der geschäftig umhereilenden Menschen auf der Palaststraße. Nein, sie täuschte sich nicht. Seine Augen tasteten sie ab und die musste die Wimpern senken, den Blick verschließen und hinter ihren Lidern sah sie sich nackt an ein Kreuz gebunden in der Villa des lydianischen Strategen. Sah das glühende Brandeisen auf sich zukommen und hörte sich schreien. Roch das versenkte Fleisch und dann nichts als Dunkelheit.

Kraft ihres Willens hob sie den Fuß und tat einen Schritt nach dem anderen, vorbei an dem Mann, der auf sie aufmerksam geworden war, beschrieb einen Bogen und lenkte sich mit mühevoll erhaltener Fassung in die nicht ganz so belebte Tempelgasse, die sie fast erreicht hätte. Wenn seine Stimme sie nicht jäh gestoppt hätte. „Nea?“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie müssen mich verwechseln, Sir.“

Sie spürte wie er näher kam, dazu musste sie den Kopf nicht drehen.

„Eine Verwechslung. Natürlich.“  Er trat vor sie und blickte ihr direkt in die Augen. Sie konnte nichts als den Kopf schütteln und flüstern.

„Nicht hier. Nicht jetzt.“

aeneas_002

Lavinia näherte sich, die Kajira von Lady Tara. Amira blieb das Herz stehen. Ein falsches Wort und alles würde die Runde machen. Zunächst nur geflüstert von den Sklaven, dann weitergetragen in die Häuser der Bürger. Amira con Turmus trug das Kef. Einige wussten davon, aber gehässige Gerüchte würden kursieren. Konnten zur Gefahr für den Status ihrer Familie werden. Alle Vorsicht, alle Vorkehrungen drohten nun in der reißenden Flut eine unwillkommenen Zufalls zu ertrinken.

Sie floh in die Tempelgasse und verbarg sich im Schatten der schweren Säulen. Er folgte ihr, Gelassenheit im Blick und das reine Vergnügen sprach aus seinen Augen. Nein, er war keinem Plan gefolgt, das spürte sie. Er hatte sie nicht gesucht, aber dennoch gefunden. Das amüsierte ihn. Nun galt es auszuloten womit ihm beizukommen oder womit er ruhigzustellen war. Vielleicht Gold. Vielleicht Macht. Vielleicht Informationen. Vielleicht ein nasses kaltes Grab im Vosk, das ihn für immer zum Schweigen brachte.

Nea war tot.  Viele Märkte trennten Amira von dem jungen Mädchen, das er damals gekauft und gebrandet hatte. Das er aus den Fluten des Fayheen gezogen und ihr das Brackwasser aus den Lungen gepumpt hatte. Das er schließlich, abgerissen wie er gewesen war, zurück Nerita con Ko-ro-ba geliefert hatte. Ihre Mutter. Nea war tot.

Amira spürte wie das Entsetzen wich und Wut loderte. Wenn er sich ihr in den Weg stellte oder ihr schaden wollte, würde er dafür büßen. Sie hatte gelernt ihren Weg notfalls durch Stein hindurch zu schlagen, wenn es erforderlich war. Und so würde es auch diesmal sein.

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