Mein Blut, meine Kraft, mein Wissen

Die Gesichter der Versammelten wurden vom flackernden Schein der Flammen in den Feuerschalen beleuchtet, aber in ihren Augen spiegelten sich die drei Monde wie Lichtpunkte in einem tiefen dunklen See. Viele Bürger hatten den Aufstieg auf das Dach des Zylinders der Schriftgelehrten auf sich genommen, um Zeuge des Heimsteinschwurs von Sir Turin und Lady Nienna zu werden. Cato hatte die beiden zu sich nach vorne gewunken, nachdem die letzten Zeugen eingetroffen waren und es im Treppenhaus ruhig geworden war.

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Der Anblick des Heimsteins hier oben weit über den Dächern der Stadt, beleuchtet vom Licht der Monde, war in der Regel ein Anblick, der die Menschen sofort in respektvolles Schweigen fallen ließ, sobald sie ihm gewahr wurden. So war es auch heute. Die Schritte von Turin und Nienna, sowie das Rascheln ihrer edelsten Roben waren im Halbkreis des Theaters gut zu hören, als sie Catos Wink folgten und sich dem mächtigen Steinblock näherten, auf dem, ruhend auf einer Platte aus reinstem Gold, der Heimstein von Turmus aufgebahrt lag. Neben ihm nun ein zweiter kleinerer Stein. Turin hatte gebeten seinen Heimstein neben den von Turmus legen zu dürfen und Cato hatte ihm diese Bitte – wie einst dem Admiral – gewährt.

Amira hatte sich seitlich gestellt. Von hier aus hatte sie einen guten Blick auf das Geschehen, lediglich ein Teil des steinernen Blocks wurde von den breiten Schultern des Claudius con Ar verdeckt, der zur Wache abgestellt war. Immer noch waren viele Bürger Ars in Turmus und warteten auf den Tag, an dem Cos seine schmutzigen Finger von Ar lassen oder man sie den Cosianern zur Strafe einfach abhacken würde. Amira konnte sich gut vorstellen, dass der Tag eines Heimsteinschwurs für die Rarii aus Ar ein besonders schmerzhafter war. Schließlich verharrten sie fern der Heimat und somit fern von dem, was ihr Herz bewegt. Einige hatten Familie nachgeholt oder Familie in Turmus gegründet. Aber der Schmerz war sicher nicht auszulöschen.

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Cato hatte seine Prachtrobe angelegt und trug die Amtskette. Er tat das zu Amiras Bedauern nur selten und nur bei feierlichen Angelegenheiten, aber dennoch war er als Administrator bei Bürgern und Bewohnern geschätzt und respektiert. Seine Kraft lag nicht im Prunk und nicht im Protzen, seine Kraft lag in der vereinenden Kraft seiner Worte und Tate, die auch die schwierigsten Gemüter mit höflicher Bestimmtheit zu führen wusste. Und wenn es darum ging, unhöfliche Worte und ein wenig Missfallen zu vermitteln, dann hatte er immer noch Amira, die es spielend schaffte für klare Verhältnisse zu sorgen. Das Volk liebte Cato. Und so sollte es sein.

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Als Turin und Nienna vor dem Heimstein ihr Knie beugten um den Schwur zu leisten, spielte der Wind ein wenig mit den Kastenbannern, die rechts und links vom Geschehen prangten und den Stein ihrer Mitte einrahmten. Sir Turin hatte bereits im Kampf der Südtruppen gegen die Hammaren bewiesen, dass er bereit war sein Blut für Turmus zu vergießen. Aus einem heimsteinfremden Söldner würde nun ein turmischer Krieger werden mit allen Pflichten und Rechten.
Lady Nienna war es gelungen, das weitläufige Hospital am Hafen zu führen, obwohl Cato erst Bedenken gehabt hätte, es könnte zu viel Arbeit für eine Heilerin allein sein. Dem war aber nicht so. Nienna verfügte über ein gutes Organisationstalent und war sehr gewissenhaft. Das Hospital am Hafen stellte eine gute Ergänzung zur Stadtheilerei dar, in der Lady Jean praktizierte.

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Die beiden waren Bürger, die zum Wohl von Turmus beitragen würden, dessen war sich Amira sicher. Und niemand war vorgetreten und hatte Bedenken gegen den Schwur angemeldet. Amira richtete ihren Blick wieder vor und lauschte den wohlgesetzten Worten. Brot, Salz und Feuer hatte Cato mit ihnen stellvertretend für Turmus schon getauscht und nun stellten beide ihre Talente in den Dienst der Stadt und wurden Teil der Gemeinschaft. Turin mit seinem Blut und seiner Kampfkraft, Nienna mit ihrem Wissen und ihrer Fähigkeit zu heilen.

Am Ende des Schwurs bekamen beide – wie es die Tradition wollte – die Gelegenheit für eigene Worte an den Heimstein und an die Bürger. Turin pflanzte den Samen eine Tem-Baumes in eine Schale voll turmischer Erde. Der mächtige Baum sollte die Kraft und die Standhaftigkeit eines Kriegers symbolisieren und wurde mit Blut angegossen. Einige der Anwesenden hielten den Atem an, als die Klinge im Mondlicht aufblitzte. Turin zog sie geübt und ohne sichtbares Mienenspiel durch seine Handfläche, auf dass sein Blut heraussickere und sich mit der turmischen Erde mische.

Eine Ahn währte die Zeremonie, dann hieß Cato die beiden Bürger willkommen. Sir Turin con Turmus. Lady Nienna con Turmus. Während die Gratulanten sich in Gang setzten, sprach Amira ein stilles Gebet an die Priesterkönige. Es hatte mit dem Wunsch zu tun, von dem Nienna ihr zu Beginn ihres Kennenlernens erzählt hatte und von dem sie ihnen von Herzen wünschte, dass er sich erfüllen möge, nun da sie ihren gemeinsamen Heimstein gefunden hatten. Die Rufe hallten durch das Rund des Theaters und vermischten sich mit dem Wind, der die frohe Kunde bis weit über die Stadt trug.

Ta sardar Gor! Heil Turmus!

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2 Responses to “Mein Blut, meine Kraft, mein Wissen”
  1. Tal Amira, eine wirklich ergreifende Zeremonie. Es war wunder schön! Danke dafür.

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  1. […] Die Zeremonie des Heimsteinschwures war von Sir Cato mehr als trefflich vollzogen worden. So feierlich und andächtig, dass es das härteste Herz zum erweichen bringen würde. Als wir die Worte Catos wiederholt hatten, übergaben wir unsere symbolischen Geschenke an den Heimstein. Turin übergab eine Pflanzschale, in die er einen Tem-Baumsamen drückte und ihn mit seinem Blut wässerte. Der Tem-Baum sollte für Standhaftigkeit, Betsändigkeit,  Stärke und Schutz stehen. Mein Herz schwoll voller Stolz auf meinen Gefährten an, als Sir Cato seine Gabe anerkennend lobte. Dann war ich an der Reihe, meine Gaben waren mein erstes Lehrbuch über die Anatomie des Menschen, ein Bündel von Kräutern aus dem Umland von Turmus und einen Tiegel mit Agrimonysalbe.  Ich stellte mein ganzes Wissen, mein gesamtes Können und mein Geschick dem Heimstein von Turmus zur Verfügung. Dann verkündete Sir Cato, dass wir nun vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft um den Heimstein von Turmus seien und alle Anwesenden gratulierten uns. Sir Thäss übergab Turin ein wertvolles Fell und einen riesigen Boskbraten als Willkommensgeste der braunen Kaste.  Lady Isabells warme Worte freuten mich unglaublich. Der alte Zwist schien nur endgültig behoben und aus der Welt. Lady Mith übergab Turin ein Waffentuch aus edlem roten Stoff, bestickt mit dem Wappen von Turmus auf der einen und das der roten Kaste, sowie Turins Initialen (TcT) auf der anderen Seite.  Turin war sehr beeindruckt von dem teuren Stoff und der Geste der Schreiberin. Mir übergab Lady Mith einen verschlissenen grünen Stoffstreifen mit den Worten es wäre ein Stück des Banners des allerersten Heilers von Turmus. Jenes Banner wäre verschollen gewesen und als man es fand wurde es zerteilt und die Stücke galten seit dieser Zeit als Glücksbringer. Nun hielt ich solch ein Stück in meinen zitternden Händen. Dieses mehr als edle und wertvolle Geschenk brachte mich völlig aus der Fassung und die Tränen bahnten sich stumm ihren Weg. Mehr als ein Danke vermochte ich nicht mehr zu sagen. […]



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