Ein Geschenk?

Amira lag auf dem mit einem stabilen Leintuch überspannten Diwan der Palastterrasse und genoss die Stille. Sie war allein hier oben. Cato hatte unten ein wichtiges Gespräch mit dem Rat und die beiden Mädchen waren zu einem Spaziergang in der Oberstadt unterwegs. Amal war fort. Vermutlich in der Slavery, wo er in letzter Zeit meist war, da Cato ihn nun, da die Mädchen allmählich zu Frauen wurden, noch weniger gern im Palast sah. Amira hatte ihm gestattet bei Lady Nienna in der Heilerei auszuhelfen, was womöglich ein Fehler gewesen war, denn…

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…offenbar hatte Nienna ein Interesse an dem Kajirus entwickelt.

Gestern Abend war Sir Turin bei Cato gewesen und hatte die Absicht zum Heimsteinschwur bekundet. Bereits seit langer Zeit war die Probezeit von Nienna und Turin abgelaufen und es fiel beiden nicht schwer, unter den Bürgern angesehene Bürgen für sich zu finden. Cato selbst hatte zugesagt und Turin sprach davon, dass Gwenda als seine Schwägerin sicher ebenfalls bürgen würde. Sir Turin hatte bereits beim Nordfeldzug für Turmus mit seinem Stahl eingestanden und das Hafenkrankenhaus florierte unter den kundigen Händen von Lady Nienna. Ohne jeden Zweifel waren die Fertigkeiten der beiden ein Gewinn für die Stadt und die Gemeinschaft der Bürger.

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Amira hatte keinen Grund für dies schreckliche graue Gefühl, dass sich seit dem gestrigen Gespräch in ihr ausbreitete und das mit dem möglichen Verkauf von Amal zusammenhing. Sir Turin wollte Amal kaufen und den Kajirus seiner Gefährtin zum Geschenk machen. Er war kräftig genug um schwere Arbeiten in der Heilerei zu verrichten und intelligent genug um sich in sein Schicksal zu fügen und keinen Ärger zu machen. Das Kaufangebot war natürlich bei Cato auf offene Ohren gestoßen, denn nun, da Amira ihre Zuchtversuche beendet hatte, war Amal ihm stärker als je zuvor ein Dorn im Auge. Er sah in ihm nicht nur eine Versuchung für seine Gefährtin, sondern auch eine Gefahr für die Unberührtheit seiner Töchter.

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Amira seufzte. Amal war von Übergriffen auf sie oder die Mädchen so weit entfernt wie die drei Monde vom Dach des Zentralzylinders. Er war fügsam und gehorchte aufs Wort. Amira hatte es nie zu mehr kommen lassen als zu einer Massage im Badehaus. Anders als bei Sir Ruan. Eine Art leidenschaftliche Verbindung trieb die beiden immer wieder aufeinander zu, egal wie sehr sie versuchten dem zu widerstehen. Aber Amira war älter und weiser geworden. Sie hatte gelernt Geheimnisse für sich zu behalten, sofern sie nur Leid über ihre Familie bringen würden. Sie liebte Cato und sie liebte die Kinder. Ihre Schwächen und Abgründe gingen niemanden etwas an. Der Mantel des Schweigens lag über allem und hüllte das, was nicht gesehen werden durfte, in Dunkelheit.

Amal. Sie hatte Cato deutlich genug gesagt, dass sie an dem Kajirus hing. Es lag nun in seinen Händen, ob er verkaufen würde oder nicht. Ein schönes Geschmeide aus Turia wäre sicher ein viel schöneres Geschenk für Nienna als Amal. Eine leichte Brise hob sich und ließ die grünen Äste der Nadelbäume erzittern, die am Hügel hinter der Stadtmauer in den Himmel ragten.

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