Leben in Turmus

Nachdem Gwendas Back und Teestube wiederholt aus allen Nähten zu platzen drohte, was zum einen an der geschäftsgünstigen Lage direkt neben dem Zugang zum Stadttor und zum anderen an der Qualität der Waren und der Freundlichkeit sowohl von Gwenda selbst als auch von Sir Arion lag, hatte man sich offenbar zu einer Überholung der Inneneinrichtung entschieden, die mehr Leuten Sitzplatz bieten und zugleich mehr Komfort vermitteln konnte.

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Als Amira an diesem Abend die Teestube betrat, verschlug es ihr einen Moment die Sprache. Es war unübersehbar, dass Arions und Gwendas Talente zu einem deutlichen Wohlstand geführt hatten. Auf einem weichen Teppich ruhten nun Reisende und Bewohner in Kissen aus Stoffen, die von guter Qualität und schön anzuschauen waren und für die freien Frauen gab es entzückende kleine Kniehocker mit einer filigranen Rückenlehne aus edlen Hölzern. In der Mitte stand ein flacher, schön gearbeiteter Tisch, der den umherhuschenden Kajirae noch genug Raum zum Servieren gab, ohne dass die Herrschaften sich aus dem Kissen heben oder sich gar drehen mussten um Speisen und Getränke anzunehmen.

Isabell tat dem Hafen und den Hafenbewohnern ganz offensichtlich gut als neue Handelpräfektin. Sie handelte offenbar mit noch härterer Hand als Amira die Handelslizenzen mit den Händlern von außerhalb aus, die in Turmus Handel treiben wollten und sie bemaß mit eiserner Hand die Zollabgaben auf die Schiffsladungen. Auch wenn die Verwaltungsaufgaben der Hafenmeisterei ihr nicht zu liegen schienen, so fand es Amira nicht weiter schlimm Isabell notfalls für das Ausfüllen der Formulare eine andere Schriftgelehrte zur Seite zu stellen. Oder einen jungen Schriftgelehrten. Lady Aurelia kam in Betracht. Oder aber Scipio, der mittlerweile zum Mann heranwuchs, für die Akademie aber zu wenig Talent zeigte. Ein kleiner Posten in der Hafenmeisterei kam vielleicht gerade Recht. Man würde sehen, ob Aurelia Interesse hatte. Der Hafen war lebhaft und vielleicht im Treiben und Feilschen der Händler ein zu grobes Pflaster für die sanfte Lady aus Lydius.

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Die Stadt selbst war erfüllt von Leben. Es war ein anderes Leben als das am Hafen unten, allein deshalb weil die standhaften Mauern und Wachen alle unwillkommenen Gäste aus dem Stadtinneren hielten und die Häuser innerhalb der Stadt eher etwas für die wohlhabenden Bürger und Bewohner waren. Eine gelehrsame Kultiviertheit ging von Turmus aus, die nicht im Widerspruch zu der Anwesenheit der Akademie der roten Kaste stand. Im Zylinder der Akademie residierten vor allem Tarnreiter oder besonders verdiente Rarii. Vor der Akademie befand sich ein Kaissa Brett, das in den Abendstunden allerlei Volk um sich sammelte. Vor allem Sir Claudius con Ar tat sich als großer Spieler hervor und eroberte auf diese Weise das eine oder andere Freifrauenherz, an dem er jedoch bisher wenig Interesse zeigte.

Gäste aus allen Himmelsrichtungen kamen um Handel zu treiben oder Turmus einen Besuch abzustatten. Viele von ihnen blieben einige Tage in der Stadt, kamen in der Herberge unter oder – wenn sie hochkastig oder hochrangig waren – in einem der Gästequartiere im Zylinder. Lady Sana aus dem Norden war bei Isabell untergekommen. Sie saß nun innerhalb der Frauenrunde in der neuen Teestube und war für Amira zum wahren Musterbeispiel der Anpassung einer Nordfrau an zentralgoreanische Sitten geworden. Obwohl jedermann neugierig war, wo ihr Gefährte verblieben war, von dem sie immerhin ein Kind erwartete, hielt man sich doch zurück, als Sana immer stiller und verlegener wurde. Mit genug Zeit, so hatte Amira mittlerweile gelernt, fand sich doch für alles eine Lösung.

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Erst heute hatte Amira an einem der Stadthäuser plötzlich ein Banner der Kaste der Sklavenhändler prangen sehen. Hoffnungsvoll hatte sie sich bei den anderen Freifrauen erkundigt, ob die etwas wussten und erfahren, dass sich die Tochter eines Sklavenhändlers niedergelassen hatte. Das erste Haus gleich am Forum und mit Blick von der Terrasse auf den Tempel. Amiras Herz schlug hoffnungsvoll etwas schneller. Womöglich konnte sie alsbald die Verantwortung über die Stadtkette in fähigere Hände abgeben. Sie musste Lady Tara so schnell wie möglich kennen lernen.

Die Zeit der politischen Entspannungen hatte Turmus zu ungekanntem Wohlstand und vielfältigem Leben geführt. Kein Kriegsgerücht machte mehr die Runde und die guten Verbindungen zu vielen Nordclans erzeugten auch im letzten Zweifler ein Gefühl von Sicherheit. Aber Amira blieb wachsam. Sie spürte, dass es Cato ähnlich ging. Obwoh Serenus ihr mit der Rückgabe von Mercurius‘ Vermächtnis an die weiße Kaste eine lange Zeit des Wohlstands unter der schützenden Hand der Priesterkönige für Turmus versprochen hatte, wusste sie, dass solche Zeiten immer ein Ende fanden. Das Leben bewegte sich in einem stetigen Wechsel von Leid und Glück, Wohlstand und Not, Krieg und Frieden. Nach den unruhigen Zeiten der ersten Jahre mit Cato, der Flucht aus Lydius, dem Abschied von Hochburg und schließlich dem Abschied vom lieb gewonnen Belnend, dem Aufbau ihrer Familiendynastie in Turmus, hatten sie nun lange und glückliche Jahre erlebt, in denen ihre Kinder fern von Not, Leid und Krieg groß werden konnten. Cato hatte Laertes und Scipio gemeinsam auf Pilgerreise zum Sardar geschickt und so blieben zur Zeit nur die beiden Mädchen bei ihrer Familie. Noch nicht ganz Frau, aber auch keine Kinder mehr, stellten sie ihre Eltern vor neue Herausforderungen.

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