Mercurius‘ Geheimnis

Wie sollte man in einer großen Stadt wie Turmus ein Schloss finden, in das Mercurius‘ goldener Schlüssel passte?

Honey sah Amira ratlos an. Zwar hatte das Mädchen sich einen durchaus stimmigen Grund einfallen lassen, warum es den Stadtsklaven erlaubt werden müsse, die Häuser der Bewohner und Bürger auf den Kopf zu stellen, aber wonach sie genau suchten, wusste auch Amira nicht. Der Vorwand, dass die Stadtsklaven nach einer giften Ost suchten, die von Aljas teilweise von den Fluten des  Vosk weggerissenen Insel entflohen war, schien eine sehr gute Idee. Angst öffnet bekanntermaßen alle Türen. Fast alle zumindest.

Aber irgendwie musste es ihnen gelingen die Suche einzugrenzen. Mercurius war erster Baumeister und somit turmisches Ratsmitglied gewesen. Es war naheliegend, dass das Kästchen, die Tür, das Geheimfach oder was auch immer, sich dort befand, wo er gewohnt oder gearbeitet hatte. Außerdem brannte Amira darauf, mehr über den großen turmischen Baumeister zu erfahren, vor allem ob sein Verschwinden in irgendeiner Form dokumentiert worden war. Also trat sie trotz schmerzenden Knöchels und nach einem Gespräch mit einem Rarius aus Ar, der Schwertbruder von Ruan war und sich derzeit in Turmus aufhielt, den Aufstieg in die Bibliothek an. Hoch oben über Turmus, an der höchsten Stelle im Zylinder der Schriftgelehrten, drang kein Lärm aus der Stadt mehr durch die dicken Mauern.

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Allerdings rächte sich der kühne Aufstieg mit einem heftigen Pochen ihres Knöchels, so dass Amira sich auf eines der Kissen fallen ließ und Honey umherscheuchte um ihre mehrere Dinge zu bringen:

Ein Bebauungsplan aus der Zeit der Regentschaft Relius IV.

Die Protokolle aus den Ratssitzungen im besagten Jahre der relischen Regentschaft.

Soweit vorhanden, Aufzeichnungen der Historiker über den besagten Zeitraum.

Amira notierte eifrig ihre Erkenntnisse. Die Aufzeichnungen der Historiker enthalten keinerlei Hinweise auf besagten Mercurius, was seltsam war, da er immerhin der erste Baumeister von Turmus und somit eine politisch bedeutende Persönlichkeit gewesen war. Interessanterweise schien die ganze Tätigkeit der gelben Kaste in diesem Zeitraum getilgt worden zu sein. Das war insofern ungewöhnlich, als dass zuvor von einem groß angelegten Neubau mehrerer Stadtviertel die Rede war. Warum war da nichts zu finden? Es schien als sei die ganze Kaste der Baumeister plötzlich in Ungunst gefallen und man habe den Mantel des Schweigens über etwas breiten wollen.

Die Lücke führte Amira zur Sichtung des Bebauungsplanes. Es schien als stamme das Turmus, durch das man heute noch wandelte, in großen Teilen aus eben jener Zeit. Die Zylinder und auch der Palast waren bereits verzeichnet. Und auch das Viertel am Forum, in dem Turin, Nienna und die beiden Schreiberinnen wohnten, war vom Grundriss her identisch. Die dortigen Häuser waren mit einem Delka markiert, das, wie Amira der Kartenlegende entnahm, wegen seines rechten Winkels als Zeichen der Baumeister verwendet worden war. Hatte Mercurius dort gelebt? In diesem Viertel? Der Tempel war damals noch nicht vorhanden gewesen, dort, wo er sich heute befand, hatte es ein Badehaus gegeben. Es schadete zumindest nicht, mit der Suche in eben diesem Viertel zu beginnen.

Das teilte Amira sogleich auch Honey mit. Dann überflog sie den Protokolle der Ratssitzungen, eines nach dem anderen, bis sie stutzte. Von einer Sitzung zur anderen war der Name Mercurius nicht mehr existent in der Anwesenheitsliste. Einige Wochen nach einer Belagerung durch Ar, die offenbar zu diesem Zeitpunkt bereits beendet war. Von hundert mal hundert Jahren war jedenfalls nicht die Rede. Vielleicht hatte Mercurius ein Zahlenrätsel in seinen Worten verborgen. Oder er war schlicht ein Aufschneider, wie so viele Männer.

Honey sah Cato zuerst, bevor Amira aufblicken und die Dokumente abdecken konnte. Seitdem sie die Botschaft entschlüsselt hatte, war sie nicht mehr sicher, ob es klug war ihren Gefährten einzuweihen. Cato war so ein rechtschaffener Geist und das Geheimnis möglicherweise eines von der dunklen Sorte.

Außerdem war er nicht gut gelaunt, das hörte man bereits, als er sich danach erkundigte, wieso Amira mit ihrem verletzten Knöchel die vielen Stufen erklommen hatte. Seine Laune wurde auch nicht besser, als Amira ihm den Zettel reichte, auf dem sie die entschlüsselte Botschaft notiert hatte. Sie trug ihn in einem ihrer schönsten Aufbewahrungszylinder mit sich herum.

3. Tag der vierten Hand im Monat Hesius
im ersten Jahr der Regentschaft seiner Exzellenz, des Administrators Relius IV

Ketzerei! Ich habe mich der Ketzerei schuldig gemacht. Schon sind sie mir auf den Fersen wie Sleen, die bereits Blut gewittert haben. In höchster Eile kritzle ich diese Zeilen. Alles Spuren sind beseitigt und niemand wird mehr finden, was die Priesterkönige erzürnt und doch Turmus von der Eroberung durch Ar gerettet hat. Hundert mal hundert Jahre hielten wir stand vor den mächtigen Hundertschaften Ars.

Vielleicht wird eines Tages die Zeit reif sein für das, was mein Schaffensgeist hervorbrachte. Doch vorerst muss ich fliehen bevor die Wissenden mich holen und mich dem blauen Flammentod übereignen.

Mit diesen Worten, die das einzige verbleibende Zeugnis meines Werkes sind, übergebe ich einen goldenen Schlüssel der turmischen Erde. Nie wieder werde ich sie unter meinen Händen spüren, nie wieder werden meine Füße über sie wandeln.
Aber einst mag die Zeit reif sein. Und wenn die Zeit reif ist, dann wird der Schlüssel hier liegen und auf den warten, der bereit und willens ist, die Grenzen, die uns von denen im Sardar auferlegt wurden, zu überschreiten.

Möge ihm mehr Segen dabei zuteil werden als mir!

Heil Turmus und Licht über unserem Heimstein!

Mercurius, erster Baumeister und Magistrat zu Turmus

Catos Anweisung ließ wenig Zeit für Diskussionen. Das Kästchen, die Botschaft und auch der goldene Schlüssel sollten sofort Serenus übergeben werden. Seine Stirn zeigte tiefe Falten und es war Amira als würden sich dunkle Wolken um seinen Kopf ballen. Drei Dinge las sie in seinem Blick: Sorge um seine Gefährtin, Angst um Turmus und Ärger darüber, dass Amira mal wieder mitten in einem Schlamassel steckte.

All ihre Bedenken und all ihr Flehen, all die Verlockungen und die Macht, die sie ihm in Aussicht stellte, änderten an seiner Meinung nicht das Geringste. Catos Rechtschafftenheit und sein Respekt vor dem Willen der Priesterkönige wirkten stärker.  Amiras Ehrgeiz und ihre Neugier aber waren erneut stärker als ihr Wille jemandem zu gehorchen. So sagte sie ihm zu, den obersten Wissenden zu informieren und zog sich dann mit schmerzendem Herzen zurück. Erneut stieß sie ihre Natur in den schlimmsten aller möglichen Konflikte. Während sie Cato und Honey murmeln hörte, sah sie aus dem Bogenfenster hinaus über die Stadt, die sich dort unten zu ihren Füßen erstreckte. Vielleicht lag dort unten eine ungeheure Waffe verborgen. Eine Kraft, die Turmus über alle Städte Gors stellen konnte. Eine Kraft, die Cato zum größten Herrscher machen konnte. MACHT. Ihr war, als würde der goldene Schlüssel mit einem Mal Wärme ausstrahlen, die durch das festgewirkte Leinen ihrer Robe hindurch strahlte. Ihre Erinnerungen führten sie zurück zur Ermordung Iagos. Auch hier hatte sie gehandelt, die Dinge in ihre eigenen Hände genommen. Und so hatte Cato Turmus zu neuem Glanz führen können. Etwas, das der willensschwache Administrator Iago nie vermocht hätte.

Als sie wenig später nach Cato den Zylinder verließ, hatte sie Honey angewiesen die Suche forzusetzen. Der alte Bebauungsplan ruhte in ihrer Tasche und ihre Schritte wandten sich nicht gen Tempel, sondern Richtung Hafen. Als sie dort unten auf Sir Calos, den Baumeister aus Jesuil traf, fühlte sie sich bestätigt. Es war Vorsehung, dass sie den Schlüssel gefunden hatte. Es lag an ihr, das Geheimnis zu entdecken und Cato zum mächtigsten Mann Gors zu machen.

Sir Calos wusste nicht viel über Mercurius. Der Name war ihm vor allem deshalb ein Begriff, weil seine Signatur sich in einigen Gebäuden von Turmus tief in den Stein gemeißelt zeigte und er der Meinung war, der Mann müsse ein Mann von großem und sehr speziellem Humor gewesen sein. Amira hob überrascht eine Augenbraue. Humor? Sir Calos lächelte und nippte an seinem Kalana.
Dann erklärte er, dass sich an den wenigen Gebäuden, die von Mercurius erhalten waren, einige scheinbare Unregelmäßigkeiten fanden, die jedoch weniger von Nichtkönnen, als von Humor zeugten und den Gebäuden Besonderheit verliehen. Eine ganz eigene Handschrift der Unregelmäßigkeiten.

Amiras Gedanken begannen zu kreisen.

Waren die Unregelmäßigkeiten womöglich Wegweiser zum goldenen Schloss?

Suchten sie gar nicht nach einer Tür, sondern nach einer Art Baufehler?

Sie überließ Sir Calos ihrem Gefährten, als dieser zu ihnen stieß, da es ihr schwer fiel, Cato in die Augen zu sehen. Rasch ging sie in die Stadt um Honey zu suchen und die Suche der Stadtsklaven noch etwas einzugrenzen. Vielleicht ein Mauerspalt oder ein vorstehender Sandstein. Mit einem goldenen Schloss. Oder darunter verborgen das goldene Schloss. Wieder meinte sie Wärme zu spüren, die von dem goldenen Schlüssel ausging.

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Comments
7 Responses to “Mercurius‘ Geheimnis”
  1. Serena sagt:

    Meine Güte!
    *schnauft anerkennend und auch ein wenig besorgt*
    Dieser Plot entwickelt sich rasend. Als Gelegenheitsspieler kommt man da gar nicht mehr hinterher. Dieses Tempo macht es unglaublich spanndend. Gleichzeitig bedauere ich es, so vieles davon zu verpassen.
    Vielleicht müsst Ihr aufpassen, dass Ihr Euch nicht selber überholt? *zwinkert*
    Aber es liest sich, und das gilt bekanntlich für Dein gesamtes Blog, wirklich wie ein Roman.
    Na dann geh ich mal Osts suchen…… 🙂

  2. Fredi sagt:

    Super spannend und das obwohl ich nun schon 1 Jahr absolut gar nichts mehr mit Gor zu tun habe. Tolle Geschichte, toll geschrieben.

  3. Mithrandriel sagt:

    Da schließe ich mich Serena an und setze mit Fug und Recht noch eins drauf: Fantasy der Extraklasse! Dass Du Norman, insbesondere was Stil und Inhalt betrifft, blaß aussehen lässt, steht für mich schon lange fest. Aber mit der Geschichte um Mercurius, den Baumeister… Schloss… geheimnissvolle Abnormitäten in Bauwerken und eine mächtige Waffe… Mir schwant da was von den Goreanischen Illuminati… Und: dass neanarstrom ein weibliches Pseudonym von Dan Brown sein könnte 😉

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  1. […] Sklaven in Häuser einbrechen wo sie nichts zusuchen haben. Lady Amira erklärte mir dann, dass man eine Ost suchen würde die sich vermutlich in der Stadt rum treiben sollte. Ich war so außer mir das ich für den […]



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